Druckansicht von http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/duerrenmatt/teil2/seq4/, Stand 24. May. 2012
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Aktualisierender Transfer: Die Folgen eines korrumpierten Moralkonsens`
Die Masse folgt den Mechanismen der neuen „sittlichen Ordnung“ auf der Basis des Massenwohlstands. Die Gemeinschaft (einschließlich Ills Familie) schweigt nicht mehr bloß, sondern verhält sich bewusst und aktiv im Sinne der neuen Ordnung. Die Eigendynamik der Perversion (123 ff.) führt zwangsläufig zum Todesurteil über den, der den Wohlstand behindert. Ill muss sterben „der Gerechtigkeit wegen – und aus Gewissensnot.“ (123) Wo die Verlässlichkeit von Recht und Moralkonsens zerstört ist, setzt sich Beliebigkeit durch, auf jeden Fall wird die Gier des Einzelnen zum Maßstab öffentlicher Moral, während die Freiheit des Einzelnen geopfert wird. Die Schuldfrage ist nicht zu klären, wenn die Masse die Korrumpierung der gemeinschaftlichen Werte trägt. Die Welt wird beliebig, die Realität relativ.
Die Presse stellt nicht mehr nur dar, sie „inszeniert“ das neue Gemeinschaftserlebnis. Die wiederholte Aufzeichnung des letzten Zusammenbruchs von Ill (125), der dritten Station seiner Passion, zeigt die aktive Rolle: Das Leben wird von der veröffentlichten Meinung gestaltet, nicht umgekehrt. Der totalen Manipulation des Lebens, der Wirklichkeit steht nichts mehr im Wege. Der Höhepunkt dieser Inszenierung im Zusammenwirken mit dem neuen Konsens aller Beteiligten ist die Übernahme der Darstellung von Ills Tod als „Tod, aus Freude“ (130) in den Medien. Einschaltquoten und Werbeeinnahmen werden vermutlich stark ansteigen.
Ill kann nur noch auf den prophetischen Verweis des Pfarrers auf Amos gelassen reagieren: Das Jüngste Gericht wird die unbeugsame Gerechtigkeit Gottes wiederherstellen; die Anklage wird auf die Ankläger zurückfallen. Dort wird Ill keine „Furcht“ haben müssen, während für die irdische Gemeinschaft der Güllener der Zyklus von Rache, Verführbarkeit und Korruption niemals mehr durchbrochen werden kann (128). Die Klärung der individuelle Schuldfrage wird ins Jenseits verschoben, da die irdischen Koordinaten, die dafür nötig wären, nicht mehr vorhanden sind.
Claire zieht sich aus dem Ausgang des Verfahrens völlig zurück, übergibt mit zwei Worten ihren Scheck und überlässt das moralische Urteil dem Zuschauer gemäß Dürrenmattscher Theorie.
Das Schlussbild zeigt die Apotheose des Wohlstands, dessen unvermeidlicher Untergang durch den griechischen Tragödienchor parodistisch angedeutet wird (132 ff.): Die neue menschliche Gemeinschaft auf der Basis materieller Sicherheit allein ist durch Korruption erkauft! Der Untergang ist aufgehalten, jedoch nicht zu vermeiden. Was bleibt, ist sich zu distanzieren (oder auch nicht)!
Die Kunst schafft Perspektiven zur Ansicht der Welt durch Gleichnisse. Erklären kann sie sie nicht, wohl kann sie helfen sich augenblicklich zu orientieren, vielleicht auch zu positionieren. Die Eigendynamik des Geschehens lässt keine individuellen Schuldzuweisungen zu.
Bitte klären Sie folgende Fragen und erarbeiten Sie Vergleichsmomente zur Dürrenmattschen Komödientheorie, die im Unterricht umgesetzt werden könnten:
Diese Fortbildungsmaterialien wurden auf der Tagung „Neukonzeption des Literaturunterrichts / Neue Pflichtlektüre“ an der Landesakademie, Standort Bad Wildbad (06.07. – 07.07.09), von StD Dr. Peter Müller (Ettlingen) und StD Hans Robert Spielmann (Karlsruhe), die für diese Inhalte verantwortlich zeichnen, vorgestellt.