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Druckansicht von http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/nm/www/praesentation/hypertext/basis.htm, Stand 13. Feb. 2012

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Hypertext

 

3.1  Basisartikel: Hypertext 
Hypertext ist eine der wichtigsten Basisinnovationen zur Entstehung, Aufbereitung, Darstellung und Rezeption von Wissen und Information. Darüber hinaus ist er konzeptionelle Grundlage der wichtigsten Internet-Dienste und hat damit eine Bedeutung erlangt, die weit über das wissenschaftliche Interesse hinausgeht. Der folgende Beitrag soll einen einführenden Überblick über Konzept (nach Kuhlen, a.a.O.), Nutzen und Anwendungsmöglichkeiten von Hypertext in der Praxis liefern. Entsprechend der Hypertext-Philosophie kann es sich hier jedoch nicht um ein endgültiges Dokument handeln, sondern nur um eine erste Navigationshilfe, die wir als Grundlage für Beispielunterrichtseinheiten nutzen wollen. Ansatzpunkte für Praktische Anwendungen in Hypertext-Übungen und Internet-Projekten werden in diesem und den folgenden Online-News vorgestellt.
Text und Hypertext  Kohärenz der  Hypertextbasis Nutzen von Hypertext Erstellung von Hypertext
Hypertext in der Bildung Ansatzpunkte Praxis Literatur  

1 Text und Hypertext

Herkömmliche Texte sind von der Struktur her und nach dem logischen Prinzip meist hierarchisch und damit linear aufgebaut und abarbeitbar (z.B.: in Kapiteln, Abschnitten). Dabei wird bereits in traditionellen Texten das lineare Prinzip mit Verweisen, Fußnoten, Registern, Leseanweisungen wie "wie wir im nächsten... ausführen wollen" usw. ausgehöhlt und es werden Bezüge geschaffen und ein Zusammenhalt (Kohäsion) eines Textes erzeugt, der bereits über die an der Oberfläche liegende Linearität hinausgeht. Zusätzlich bringt der einzelne Leser Vorwissen, Interesse, Lernstil, verfügbare Zeit, usw. mit ein, wodurch zusätzliche Bezüge zum Text geschaffen werden. Allerdings wird in der Regel die Linearität des Textes insgesamt nicht aufgehoben.

Die Abgrenzung zwischen traditionellem Text und Hypertext ist auf den ersten Blick schwierig, insbesondere dann wenn als Hypertextbasis Text verwendet wird, da eine "Benutzerführung" auf textueller Basis beim Leser die gewohnte Linearität eines Buches erzeugt. Jedoch erhebt Hypertext die schon in Texten verwendeten nicht-linearen Gestaltungsmittel zum beherrschenden Prinzip - anstelle der kohäsiven Mittel in Texten treten explizite Verknüpfungen (Links), beispielsweise über eine Schaltfläche "vor zum nächsten" geht es zum nächsten Abschnitt, ... Die Grundidee von Hypertext liegt also darin, die Linearität eines Textes radikal aufzuheben. Informationelle Einheiten, d.h. inhaltlich und optisch als Einheit wahrnehmbare (Text-)Bausteine werden zu beliebigen Themen auf textuelle, graphische oder audiovisuelle Weise dargestellt und flexibel über Verknüpfungen (Links) "manipuliert". Damit ist gemeint, daß Hypertexteinheiten vom Benutzer leicht in neue Kontexte gestellt werden können, die er selber dadurch erzeugt, daß er passend erscheinenden Verknüpfungsangeboten nachgeht. Die Einheiten selber bleiben dabei in der Regel unverändert. Hypertext ist nicht-linear, d.h. von einer Einheit können mehrere Verzweigungen weggehen und zu einer Einheit können viele Verknüpfungen hinführen. Eingearbeitete dialogische Prinzipien erleichtern den Umgang mit großen und komplexen Hypertexten für den Benutzer. Der Benutzer wandert gleichsam durch einen mehrdimensionalen "Textraum".
 

2 Kohärenz der Hypertextbasis

Zusammenhalt (Kohärenz) wird in Hypertext formal über die verschiedenen Formen der Verknüpfung oder durch die Auswahl von Teilmengen nach Suchanfragen erzeugt. Das bedeutet, daß Kohärenz in Hypertext noch radikaler als bei Texten von der individuellen Rezeptionssituation und -verhalten des Benutzers / Lesers abhängt. Eine bzw. die Hypertextkohärenz kann es deshalb nicht geben, da Hypertexte ja qua Definition in hohem Grade rezipientenabhängige Informationssysteme sind, denn der Benutzer kann individuell wählen, welchen Zugang er nutzt oder welchen Verzweigungen er folgt .

Hypertextsysteme bieten dem Benutzer jedoch nicht nur Navigations- und Suchfunktionen, sondern die Benutzer können darüber hinaus Anmerkungen und eigene Verknüpfungen einarbeiten und so bestehende Hypertextbasen erweitern. In dieser Möglichkeit zur individuellen Erweiterung der Hypertextbasis ist auch die Möglichkeit zu kollaborativem Arbeiten angelegt: unterschiedliche Nutzer können Annotationen, neue Links und eigene Bausteine in derselben Hypertextbasis mit unterschiedlichen Kennungen zu verschiedenen Zeiten und/oder an verschiedenen Orten vornehmen.

Die Radikalisierung des rezeptionsabhängigen Kohärenzprinzips in Hypertext weist Parallelen zum geisteswissenschaftlichen Rezeptionsverständnis auf: der geisteswissenschaftlich begründete Lese- und Verstehensprozeß ist im Prinzip nie abgeschlossen und führt bei jedem Leser zu einem anderen Verständnis: die Leser erschaffen sich ihr Textverständnis selbst bis hin zur Aufhebung der klassischen Rollenteilung von Leser und Autor. Kohärenz kann deshalb keine Funktion des Textes allein mehr sein, sondern eine Funktion von Text und Kontext, der wesentlich durch die Situation des Lesers bestimmt ist. Deshalb kann es für eine spezifische Fragestellung keinen optimalen Weg durch ein Hypertextsystem geben. Insbesondere von Geisteswissenschaftlern wird darüber hinaus die Essenz von Hypertext nicht in der Möglichkeit explorativen Navigierens in strukturierter Information gesehen, sondern in der kreativen Möglichkeit, Text aktiv durch den Nutzer in seiner Doppelrolle als Leser und Autor (um)zu gestalten.
 

3 Nutzen von Hypertext

Hypertext erzeugt als Informationssystem informationellen Mehrwert. Information ist per se kein frei verfügbares, objektiv definierbares Stück Wissen, sondern muß unter Berücksichtigung vieler pragmatischer Rahmenbedingungen wie Geld, Zeit, soziale Umgebung, organisationelle Ziele, individuelle Verarbeitungskapazität, Lernstile, jeweils neu erstellt und angeeignet werden; d.h. Information bzw. die Einschätzung ihrer Relevanz ist vom Benutzer und dessen Kontext abhängig:

  • Information muß Neuigkeitswert haben und aktuell benötigt werden 
  • neues Wissen, was aktuell nicht benötigt wird, ist keine Information 
  • Information variiert also nach wechselnden Anforderungen und Rahmenbedingungen, sie muß aus der Darstellung des Wissens erarbeitet werden. 
  • Information ist "Wissen in Aktion" und flüchtig. 
Wenn Wissen also so gespeichert wird, daß das Informationssystem dem jeweiligen Benutzer mit dessen individuellen Bedürfnissen entsprechen kann, ist es ein Informationssystem und kann Informationen produzieren. An der Schnittstelle System / Benutzer entsteht für den jeweiligen Benutzer informationeller Mehrwert, z.B. in Form von Zeitersparnis oder Kostenersparnis, Qualität der Information,...). In diesem Kontext leistet Hypertext einen Beitrag zur
  • Beherrschung der zunehmenden Informationsflut: Benutzer werden mit Daten zugeschüttet, aber nur die wirklich interessanten Infos müssen in den eigenen Beständen integriert werden, mit herkömmlichen linearen Methoden (z.B. Karteikärtchen) ist man schnell an die Grenzen gekommen. 
  • Handhabbarkeit von Informationssystemen: Hypertext ist bei der Erstellung und Nutzung von Daten im Unterschied zu Datenbank- / Expertensystemen leichter einsetzbar unter der Voraussetzung, daß Modellierung und Design, Verknüpfung und Navigationstechnik im Hypertextsystem anspruchsvoll realisiert sind 
  • flexiblen Darstellung von Wissen und Erarbeitung von Informationen: Wissen im menschlichen Gehirn ist vergleichbar organisiert wie Hypertext, man nimmt daher an, daß sich mithilfe von Hypertextstrukturen leichter lernen läßt 
  • Anpassung an vielfältige Verwendungszwecke und Nutzertypen: anspruchsvolle Hypertextsysteme sind so angelegt, daß der Benutzer sie auf seine individuellen (Lern-)Bedürfnisse hin zugeschnitten benutzen kann 

  •  
4 Erstellung von Hypertext

Der Zweck der Umwandlung von Text in Hypertext ist nicht die Imitation von Texteigenschaften, sondern die Erzeugung von
informationellem Mehrwert:

  • Dies beinhaltet eine systematische Bearbeitung des entsprechenden "Themas": die in die Hypertextbasis einzubringende "Informationellen Einheiten" müssen eindeutig ausgemacht und eingegrenzt werden, benannt und weiter strukturiert. 
  • Wird dabei auf vorhandene Quelltexte zurückgegriffen, muß der Text segmentiert und entlinearisiert werden, d.h. die sequentielle, vorgegebenen Textstruktur muß in einen angemessenen Hypertext überführt werden. 
  • Des weiteren müssen die zusammengehörigen Einheiten zu größeren Einheiten zusammengefaßt und mit den übrigen verknüpft werden und die Formen des Zugriffs auf die festgelegten Strukturen definiert werden (Orientierung und Navigation). 
Wie soll eine "informationelle Einheit" als Basisbaustein einer Hypertextbasis aussehen?

Eine "informationelle Einheit" als Basisbaustein einer Hypertextbasis muß dem Primat der bedingungslosen Nutzerorientierung folgen, d.h. sie soll einem Benutzer einen Mehrwert verschaffen, also muß sie auch nach didaktischen Maßgaben erstellt und ausgeführt werden. Eine informationelle Einheit als ìContainerî von mehreren multimedialen Objekten (Text, Audio, Video, Grafik, Fotos...) muß so abgegrenzt sein, daß sie aus sich selbst heraus verstanden werden kann und gleichzeitig auf ihren informationellen Kontext verweist. Kontext kann in Hypertextsystemen hergestellt werden, indem

  • eine Bildschirmseite ergänzend zur eigentlichen Information viele Metainformationen bringt (z.B. lokale und globale Übersichtskarten oder Extrafenster, die neben den eigentlichen informativen inhaltlichen Teilen noch kontexterzeugende Orientierungs- und Übersichtsinformationen geben) 
  • eine Bildschirmseite nicht nur aus einer informationellen Einheit besteht, sondern unter Ausnutzung von Fenstertechnik mehrere inhaltlich verwandte Hypertexteinheiten wiedergibt. 
Aus lernpsychologischen Gründen sollten nicht mehr als sieben Elemente in einer Einheit/Seite enthalten sein, mehr kann man sich aus mnemotechnischen Gründen nicht merken. Die Zusammenfassung zu größeren informationellen Einheiten sollte nicht beliebig, sondern inhaltlich begründet sein. Eine Grundregel lautet dabei, daß sich deskriptive Elemente direkt in Hypertext umsetzen lassen, diskursive oder gar argumentative Komponenten erfordern eine Aufarbeitung, an deren Ende ein völlig neues Produkt, eben ein Hypertext steht.

Neben der Identifikation der informationellen Einheiten ist für eine Übertragung (Konversion) von traditionellen Texten in Hypertext die Segmentierung und Entlinearisierung des Gesamtwerkes von Bedeutung. Durch die Konversion sollen textuelle Strukturen nicht imitiert, sondern hypertextspezifische Möglichkeiten konstruiert werden. Dies gilt nicht nur für den linearen Haupttext, sondern auch für Strukturteile (textuelle Orientierungshilfen wie Inhaltsverzeichnisse, Glossare,...) um dadurch einen besonderen informationellem Mehrwert zu schaffen. Ziel dieser Rekonstruktion von Text in Hypertext ist es, Darstellung und Zugriff zu flexibilisieren. Prinzipien und Formen der Konversion sind:

  • einfache Übertragung, d.h. online-Version statt gedruckter Form; wichtig: bildschirmgerechte Darstellung. Zum Hypertext wird der Text erst, wenn durch Verknüpfung verschiedener Elemente oder Passagen im Text nicht-lineare Strukturen entstehen; Ergebnis: intratextueller Hypertext, d.h. der Text wird nicht in autonome Einheiten zerlegt, sondern es wird ein hypertextgerechtes "browsing" im gesamten Text angestrebt. 
  • Segmentierung und Relationierung über formale Texteigenschaften, d.i. Segmentierung in hypertextgerechte Einheiten unter Ausnutzung formaler textueller Makrostrukturen (Kapitel, Abschnitte, Absätze, aber auch textuelle Strukturmittel wie Glossar, Inhaltsverzeichnis o.ä.) 
  • Segmentierung und Relationierung nach Kohärenzkriterien, d.h. Reorganisation des Textes nach informationellen Einheiten durch aufwendige inhaltliche Analyse, um neue Hypertexteinheiten zu erstellen, da zusammengehörige Passagen auch zusammengehören. 
  • intertextuelle Konversion, wenn die Hypertextbasis sich nicht auf einen einzelnen Text bezieht, sondern aus einer Vielzahl von Texten aufgebaut wird, dann müssen neben der Segmentierung und Relationierung Duplizitäts- und Ähnlichkeitskontrollen stattfinden. Die Schwierigkeit der intertextuellen Konversion besteht in der Beherrschung von Vielfachverknüpfungen. Dieses semantische Netzwerk ist textuell und visuell kaum vermittelbar (Spaghetti-Syndrom). Auf der praktischen Ebene wird deswegen empfohlen, Texte lieber autonom zu lassen und mit intertextuellen Verknüpfungen zu arbeiten. Last but not least muß überprüft werden, ob durch die Zusammenfassung überhaupt ein informationeller Mehrwert entsteht (!) 
Nicht alle Texte sind gleichermaßen geeignet für Konversion in Hypertext. Einfach umwandeln lassen sich
 
  • Texte, deren Inhalt sich leicht in elementare Blöcke zergliedern lassen, z.B. technische Handbücher   
  • Texte, die nach einheitl. Kategorienschemata strukturiert sind  
  • Texte, die klar benennbare und formalisierbare Beziehungsmuster zwischen einzelnen Informationseinheiten aufweisen  
  • Texte, die eine reiche Vielfalt an strukturellen Metainformationen(Register,....) enthalten  
  • Texte mit statischen, d.h. weitgehend abgeschlossenen bzw. abgesicherten Wissenstrukturen  
  • Lerntexte, die aus didaktischen Gründen argumentativ klar aufgebaut und aus sich heraus verständlich sind, und sich daher wenig auf externe Referenzen stützen  
Problematische Textsorten für Konversion sind
 
  • größere Textsequenzen, bei denen die Entlinearisierung zu atomisierten Einheiten führt  
  • Textsorten mit Wissensstrukturen, die sich ständig ändern und daher laufen aktualisiert werden müssen  
  • Textsorten mit organisch inhaltlicher Strukturierung, die durch Aufbrechen Gesamtaussage verlieren, z.B. Kunstprosa  
  • Interpretationen, zusammenfassende Beurteilungen, Herleitungen von Begründungszusammenhängen  
Allerdings sind gerade letztere Textsorten für die Erzeugung informationellen Mehrwertes durch Hypertext besonders anfällig, weil sich dadurch beispielsweise ganz neue Interpretationen oder experimentelle Beziehungsmuster herstellen lassen (beispielsweise im Prozesse der Erschaffung von Literatur oder der Dokumentation von unsicheren Forschungsergebnissen).

Da die Bedeutung und Funktion informationeller Einheiten nicht isoliert erschlossen, sondern erst dadurch, daß ihr Kontext mit einbezogen wird, muß Hypertext Verknüpfungen (Links) sowie Navigations- und Orientierungshilfen leisten, d.h. erst die Kombination aus Inhalt, Verknüpfungen und Orientierungshilfe zusammen ergeben eine Hypertexteinheit.

Verknüpfungen (Links) sind die fundamentale Idee von Hypertext. Das in einer Menge verknüpfter Objekte dargestellte Wissen ist komplexer als das in der Gesamtheit isolierter Objekte dargestellte ("Das Wesen des Wassers ist aus der Erforschung des Tropfens nicht ersichtlich"). Dieser Anspruch leitet sich aus der vermuteten Analogie zur Speicherung von Wissen im menschlichen Gehirn ab. Verknüpfungen sind also wesentlich für die Mehrwerteffekte von Hypertext verantwortlich, aber auch gleichzeitig dafür, daß die Navigation in Hypertextbasen im Nirwana münden kann. Für den Benutzer wird die Orientierung erheblich vereinfacht und der Aufbau kognitiver Muster erleichtert, wenn Vorabinformationen über die Inhalte der Zieleinheiten in den zusammenfassenden Teilen gegeben werden.

Links können danach unterschieden werden, wie sie Verknüpfungen realisieren:

  • Intra: Ausgangs- und Zielpunkt werden innerhalb von Einheiten verbunden. Diese Technik wird gewählt, wenn informationelle Einheiten größer als eine Bildschirmseite sind, insbesondere dann, wenn das gesamte referenzierte Objekt, z.B. ein längerer Text, als eine Einheit gespeichert ist. 
  • inter: Ausgangs- und Zielpunkt werden zwischen verschiedenen Einheiten verbunden, wobei als Zielpunkt die ganze Einheit oder ein spezieller Punkt in ihr adressiert werden kann. 
  • extra: Ausgangspunkt einer Verknüpfung hinaus auf Zielpunkte in externen Objekten (z.B. in externen Hypertextbasen) 
Für Beziehungsverhältnisse zwischen Ausgangs- und Zieleinheiten lassen sich vier Grundmodelle unterscheiden:
  • Beziehung: eine Ausgangseinheit hat genau eine Zieleinheit und umgekehrt 
  • n:1-Beziehung: eine Ausgangseinheit hat eine Zieleinheit; eine Zieleinheit kann aber von mehreren Ausgangseinheiten angesteuert werden. 
  • 1:m-Beziehung: eine Ausgangseinheit kann zu mehreren Zieleinheiten führen 
  • n:m-Beziehung: zu einer Einheit können mehrere Einheiten hinführen und von ihr auf mehrere verweisen; für Hypertext sollten sie typisch sein. 
Wie bereits angesprochen kann die Nutzung der Links zu einem kreativen neugierigen Informationsverhalten (Mitnahmeeffekte und gerichtete Erkenntnisprozesse), aber auch zum Verlust von Kontext und Orientierung führen:
  • Man ist unsicher, wo man sich gerade im Verhältnis der gesamten Information befindet oder 
  • wie man zu einem bestimmten Punkt kommt, 
  • wie man den besten Einstieg findet, 
  • ob man den optimalen Pfad findet, 
  • man weiß nicht, was man bereits besucht hat oder 
  • wie man aus einem nicht weiterführenden Bereich zu sinnvollen Stellen zurückfinden kann, 
  • ob man wirklich alles Relevante gefunden hat oder 
  • wieviel Information im näheren Kontext noch vorhanden ist. 
Es müssen also Muster und Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden, die die Navigation erleichtern und Orientierungshilfen schaffen. Bild 1 zeigt unterschiedliche Möglichkeiten zur Navigation in Hypertextsystemen. Dieses Metainformationsgerüst ist nötig, um Strukturen und Zugriffswege transparent zu machen. Dabei muß der schmale Pfad zwischen ìcognitivem overloadî und informationeller Kurzsichtigkeit gefunden werden. Bei jedem Knoten ergibt sich die Entscheidung, wie weitergegangen wird; da der Informationsgehalt jeder Folgeeinheit meist erst im Nachhinein beurteilt werden kann, ist das Problem bei weiterem Fortschreiten immer schwieriger zu lösen, hohe Konzentration und Gedächtnisleistung sind erforderlich. Bei der Erstellung einer Hypertexteinheit reicht es daher nicht, Einheiten festzulegen und zu verknüpfen, sondern es muß eine Struktur in die Sammlung von Einheiten gebracht werden, sonst droht Orientierungsverlust. Dies erreicht man dadurch, daß die gesamte Hypertextbasis durchgängig hierarchisiert wird, Metainformationen erstellt werden, Navigationsangebote zusammengestellt werden, durch die Teilmengen von Hypertexteinheiten unter thematischen Gesichtspunkten durchlaufen werden können.

Bild 1: Navigationsstrukturen in Hypertextsystemen (Wilson: world wide web design guide. München: Markt & Technik 1996)

Orientierungshilfen sind textuelle und strukturierte Zusammenfassungen und werden in der Regel als selbständige Teile den informativen Teilen der Einheiten vorgeordnet oder auch von diesen unabhängig in getrennten Fenstern vorab gezeigt. Sie sollen beim Aufbau kognitiv wichtiger Vorurteile helfen, d.h. sie sollen zu den informativen Teilen hinführen (oder von ihnen abhalten). Als Übersichtsmittel eignen sich Inhaltsverzeichnisse und Register (herkömmliche Art und Weise) oder (hypertextspezifisch) grafische Übersichten (Netz- oder Baumstruktur), Pfade, vernetzte Sichten (web-views: enthalten die jederzeit speicherbare Dokumentation bereits vollzogener Links, Hilfsmittel zur Orientierung und vorgegebene Pfade, an die man sich halten kann, wenn man will), geführte Unterweisungen (guided tours zur Unterstützung ungeübter Benutzer) oder Dialoghistorien (verzeichnen, wie oft eine Einheit schon angeschaut wurde), Bookmarks (leserdefinierte Fixpunkte) gestalten komplexe Dokumente übersichtlicher.
 

5 Hypertext in der Bildung

Faßt man die bisherigen Ausführungen unter ausgewählten programmatischen Punkten zusammen, so ergeben sich für den Einsatz von Hypertext in der Bildung drei Ansatzpunkte

  • Binnendifferenzierung: Hypertext erhöht die Flexibilität im Zugriff auf Wissen, da Lernsituationen in hohem Maße individualisierte Situationen sind, wo Ausbildungsmaterialien auf unterschiedliche Fähigkeits-, Erfahrungs- und Verständnisebenen reagieren können sollten. Unterschiedlichen Lernstilen und Verarbeitungsgeschwindigkeiten wird Rechnung getragen. Lernerfolge werden begünstigt, indem Eigeninitiative entfaltet wird, d.h. eigene Erkundungen gefördert und nicht vorgegebene Pfade wie bei der programmierten Unterweisung nachvollzogen werden müssen. 
  • Handlungsorientierter Unterricht: Lernen ist nicht nur die bloße Übernahme, Kopieren neuer Wissensbereiche, sondern das Einbetten neuer Strukturen in schon bestehende, d.h. Lernen ohne Anknüpfungsmöglichkeit scheint kaum möglich, Lernen ist immer Selektieren auf Basis individueller Lernmerkmale und objektiver Lernsituation. Hypertextunterstütztes Lernen fördert über verschiedene Abstraktionsebenen hinweg den sukzessiven Aufbau eines kognitiven Netzes sowie die Anpassung des Netzes an Benutzervoraussetzungen. Für das pragmatische Design von Hypertextlernbasen bedeutet dies, einen Überblick zu schaffen, was gelernt werden soll. Dafür ist man häufig auf Vorschläge des Lernsystems angewiesen, aber es ist nicht zweckmäßig allein ausschließliche Vorgaben oder Steuerungen des Systems oder die direkte Manipulation für den Benutzer einzusetzen, sondern wir benötigen eine konversationale Dialogführung, die dem System im Sinne des Ansatzes der wechselnden Initiative Spielraum für Reaktionen, wie Antizipation von Navigationsschritten des Benutzers, Kompensation von Fehlbedienungen, Hinweis auf Handlungsalternativen ... gestattet. Darüber hinaus können die Lernenden die Hypertextbasis, die sie lernen sollen, selber aufbauen, (Lernen durch Modellieren). 
  • Über diese beiden Beispiele für den Einsatz von Hypertext zu didaktischen und pädagogischen Zwecken wird sich nicht zuletzt auch die Präsentation und Organisation von Bildungseinrichtungen und Lehrkräften verändern: beispielsweise kann mit Hypertext die ìwissensbasierte Arbeitî unterstützt werden, also das eigene Wissen der Lehrkraft verwaltet oder Information aus anderen Hypertexten komfortabel und flexibel verarbeitet und mit anderen Kollegen und Kolleginnen ausgetauscht werden. Bildungseinrichtungen haben dann auch die Chance, ihren Fundus an Wissen und Erfahrungen nicht zwischen Aktendeckeln zu beerdigen, sondern als wertvolles Gut beispielsweise als Mittel zur Selbstdarstellung einer Ausbildungseinrichtung und Referenz für die Qualität der Ausbildung zu veröffentlichen. Die laufenden im Web publizierten Internet-Projekte sind hier sicherlich ein erster Schritt. 

  •  
6 Ansatzpunkte für Praktische Anwendungen in Hypertext-Übungen und Internet-Projekten
  • Recherche: themenorientierte individuelle Informationssammlung von Schülern (Wissenserkundung und Selbstlernen) 
  • Weiterentwicklung und Neuinterpretation von (literarischen) Texten durch Annotationen und Verknüpfungen (Kontext und Kohäsion) 
  • Konversion von herkömmlichen Texten in Hypertext (z.B. Fachtexte, Handbücher, Nachrichten, Dokumentation von Versuchsabläufen und -ergebnissen) 
  • Modellierung von informationellen Einheiten: Wie müssen Inhalte für verschiedene Zielgruppen ausgewählt und aufbereitet werden 
  • Design einer informationellen Einheit: Alternativen zur Auswahl, Abgrenzung und Darstellung einer informationellen Einheit 
  • Übungen zum grafischen und textuellen Aufbau von Navigations- und Orientierungshilfen 
  • Kooperative Hypertext-Erstellung: Von Schülern für Schüler 

  •  
7 Literatur

Kuhlen, Rainer: Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Berlin, Heidelberg: Springer 1991.

Gutheil, Mügge: Hypermediale Formen des Schreibens von Sachverhalten. Computer und Unterricht 23/1996.

Wilson: world wide web design guide. München: Markt & Technik 1996

Walheim-Abele: Informationelle Relevanz von Multimedia. Konstanz: Universität 1993



Der Artikel ist in Online News Nr. 6 erschienen und hier abrufbar (basisdoc.exe [31 KB] ).
, Johannes-Gutenberg-Schule, Stuttgart


 
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Letzte Änderung: 14.05.2009