| Hypertext ist eine
der wichtigsten Basisinnovationen zur Entstehung, Aufbereitung, Darstellung
und Rezeption von Wissen und Information. Darüber hinaus ist er konzeptionelle
Grundlage der wichtigsten Internet-Dienste und hat damit eine Bedeutung
erlangt, die weit über das wissenschaftliche Interesse hinausgeht.
Der folgende Beitrag soll einen einführenden Überblick über
Konzept (nach Kuhlen, a.a.O.), Nutzen und Anwendungsmöglichkeiten
von Hypertext in der Praxis liefern. Entsprechend der Hypertext-Philosophie
kann es sich hier jedoch nicht um ein endgültiges Dokument handeln,
sondern nur um eine erste Navigationshilfe, die wir als Grundlage für
Beispielunterrichtseinheiten nutzen wollen. Ansatzpunkte für Praktische
Anwendungen in Hypertext-Übungen und Internet-Projekten werden in
diesem und den folgenden Online-News vorgestellt. |
1 Text und
Hypertext
Herkömmliche
Texte sind von der Struktur her und nach dem logischen Prinzip meist hierarchisch
und damit linear aufgebaut und abarbeitbar (z.B.: in Kapiteln, Abschnitten).
Dabei wird bereits in traditionellen Texten das lineare Prinzip mit Verweisen,
Fußnoten, Registern, Leseanweisungen wie "wie wir im nächsten...
ausführen wollen" usw. ausgehöhlt und es werden Bezüge geschaffen
und ein Zusammenhalt (Kohäsion) eines Textes erzeugt, der bereits
über die an der Oberfläche liegende Linearität hinausgeht.
Zusätzlich bringt der einzelne Leser Vorwissen, Interesse, Lernstil,
verfügbare Zeit, usw. mit ein, wodurch zusätzliche Bezüge
zum Text geschaffen werden. Allerdings wird in der Regel die Linearität
des Textes insgesamt nicht aufgehoben.
Die Abgrenzung
zwischen traditionellem Text und Hypertext ist auf den ersten Blick schwierig,
insbesondere dann wenn als Hypertextbasis Text verwendet wird, da eine
"Benutzerführung" auf textueller Basis beim Leser die gewohnte Linearität
eines Buches erzeugt. Jedoch erhebt Hypertext die schon in Texten verwendeten
nicht-linearen Gestaltungsmittel zum beherrschenden Prinzip - anstelle
der kohäsiven Mittel in Texten treten explizite Verknüpfungen
(Links), beispielsweise über eine Schaltfläche "vor zum nächsten"
geht es zum nächsten Abschnitt, ... Die Grundidee von Hypertext liegt
also darin, die Linearität eines Textes radikal aufzuheben. Informationelle
Einheiten, d.h. inhaltlich und optisch als Einheit wahrnehmbare (Text-)Bausteine
werden zu beliebigen Themen auf textuelle, graphische oder audiovisuelle
Weise dargestellt und flexibel über Verknüpfungen (Links) "manipuliert".
Damit ist gemeint, daß Hypertexteinheiten vom Benutzer leicht in
neue Kontexte gestellt werden können, die er selber dadurch erzeugt,
daß er passend erscheinenden Verknüpfungsangeboten nachgeht.
Die Einheiten selber bleiben dabei in der Regel unverändert. Hypertext
ist nicht-linear, d.h. von einer Einheit können mehrere Verzweigungen
weggehen und zu einer Einheit können viele Verknüpfungen hinführen.
Eingearbeitete dialogische Prinzipien erleichtern den Umgang mit großen
und komplexen Hypertexten für den Benutzer. Der Benutzer wandert gleichsam
durch einen mehrdimensionalen "Textraum".
2
Kohärenz der Hypertextbasis
Zusammenhalt
(Kohärenz) wird in Hypertext formal über die verschiedenen Formen
der Verknüpfung oder durch die Auswahl von Teilmengen nach Suchanfragen
erzeugt. Das bedeutet, daß Kohärenz in Hypertext noch radikaler
als bei Texten von der individuellen Rezeptionssituation und -verhalten
des Benutzers / Lesers abhängt. Eine bzw. die Hypertextkohärenz
kann es deshalb nicht geben, da Hypertexte ja qua Definition in hohem Grade
rezipientenabhängige Informationssysteme sind, denn der Benutzer kann
individuell wählen, welchen Zugang er nutzt oder welchen Verzweigungen
er folgt .
Hypertextsysteme
bieten dem Benutzer jedoch nicht nur Navigations- und Suchfunktionen, sondern
die Benutzer können darüber hinaus Anmerkungen und eigene Verknüpfungen
einarbeiten und so bestehende Hypertextbasen erweitern. In dieser Möglichkeit
zur individuellen Erweiterung der Hypertextbasis ist auch die Möglichkeit
zu kollaborativem Arbeiten angelegt: unterschiedliche Nutzer können
Annotationen, neue Links und eigene Bausteine in derselben Hypertextbasis
mit unterschiedlichen Kennungen zu verschiedenen Zeiten und/oder an verschiedenen
Orten vornehmen.
Die Radikalisierung
des rezeptionsabhängigen Kohärenzprinzips in Hypertext weist
Parallelen zum geisteswissenschaftlichen Rezeptionsverständnis auf:
der geisteswissenschaftlich begründete Lese- und Verstehensprozeß
ist im Prinzip nie abgeschlossen und führt bei jedem Leser zu einem
anderen Verständnis: die Leser erschaffen sich ihr Textverständnis
selbst bis hin zur Aufhebung der klassischen Rollenteilung von Leser und
Autor. Kohärenz kann deshalb keine Funktion des Textes allein mehr
sein, sondern eine Funktion von Text und Kontext, der wesentlich durch
die Situation des Lesers bestimmt ist. Deshalb kann es für eine spezifische
Fragestellung keinen optimalen Weg durch ein Hypertextsystem geben. Insbesondere
von Geisteswissenschaftlern wird darüber hinaus die Essenz von Hypertext
nicht in der Möglichkeit explorativen Navigierens in strukturierter
Information gesehen, sondern in der kreativen Möglichkeit, Text aktiv
durch den Nutzer in seiner Doppelrolle als Leser und Autor (um)zu gestalten.
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Nutzen von Hypertext
Hypertext erzeugt
als Informationssystem informationellen Mehrwert. Information ist per se
kein frei verfügbares, objektiv definierbares Stück Wissen, sondern
muß unter Berücksichtigung vieler pragmatischer Rahmenbedingungen
wie Geld, Zeit, soziale Umgebung, organisationelle Ziele, individuelle
Verarbeitungskapazität, Lernstile, jeweils neu erstellt und angeeignet
werden; d.h. Information bzw. die Einschätzung ihrer Relevanz ist
vom Benutzer und dessen Kontext abhängig:
-
Information muß
Neuigkeitswert haben und aktuell benötigt werden
-
neues Wissen, was
aktuell nicht benötigt wird, ist keine Information
-
Information variiert
also nach wechselnden Anforderungen und Rahmenbedingungen, sie muß
aus der Darstellung des Wissens erarbeitet werden.
-
Information ist
"Wissen in Aktion" und flüchtig.
Wenn Wissen also
so gespeichert wird, daß das Informationssystem dem jeweiligen Benutzer
mit dessen individuellen Bedürfnissen entsprechen kann, ist es ein
Informationssystem und kann Informationen produzieren. An der Schnittstelle
System / Benutzer entsteht für den jeweiligen Benutzer informationeller
Mehrwert, z.B. in Form von Zeitersparnis oder Kostenersparnis, Qualität
der Information,...). In diesem Kontext leistet Hypertext einen Beitrag
zur
-
Beherrschung der
zunehmenden Informationsflut: Benutzer werden mit Daten zugeschüttet,
aber nur die wirklich interessanten Infos müssen in den eigenen Beständen
integriert werden, mit herkömmlichen linearen Methoden (z.B. Karteikärtchen)
ist man schnell an die Grenzen gekommen.
-
Handhabbarkeit
von Informationssystemen: Hypertext ist bei der Erstellung und Nutzung
von Daten im Unterschied zu Datenbank- / Expertensystemen leichter einsetzbar
unter der Voraussetzung, daß Modellierung und Design, Verknüpfung
und Navigationstechnik im Hypertextsystem anspruchsvoll realisiert sind
-
flexiblen Darstellung
von Wissen und Erarbeitung von Informationen: Wissen im menschlichen Gehirn
ist vergleichbar organisiert wie Hypertext, man nimmt daher an, daß
sich mithilfe von Hypertextstrukturen leichter lernen läßt
-
Anpassung an vielfältige
Verwendungszwecke und Nutzertypen: anspruchsvolle Hypertextsysteme sind
so angelegt, daß der Benutzer sie auf seine individuellen (Lern-)Bedürfnisse
hin zugeschnitten benutzen kann
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Erstellung von Hypertext
Der Zweck der
Umwandlung von Text in Hypertext ist nicht die Imitation von Texteigenschaften,
sondern die Erzeugung von
informationellem
Mehrwert:
-
Dies beinhaltet
eine systematische Bearbeitung des entsprechenden "Themas": die in die
Hypertextbasis einzubringende "Informationellen Einheiten" müssen
eindeutig ausgemacht und eingegrenzt werden, benannt und weiter strukturiert.
-
Wird dabei auf
vorhandene Quelltexte zurückgegriffen, muß der Text segmentiert
und entlinearisiert werden, d.h. die sequentielle, vorgegebenen Textstruktur
muß in einen angemessenen Hypertext überführt werden.
-
Des weiteren müssen
die zusammengehörigen Einheiten zu größeren Einheiten zusammengefaßt
und mit den übrigen verknüpft werden und die Formen des Zugriffs
auf die festgelegten Strukturen definiert werden (Orientierung und Navigation).
Wie soll eine "informationelle
Einheit" als Basisbaustein einer Hypertextbasis aussehen?
Eine "informationelle
Einheit" als Basisbaustein einer Hypertextbasis muß dem Primat der
bedingungslosen Nutzerorientierung folgen, d.h. sie soll einem Benutzer
einen Mehrwert verschaffen, also muß sie auch nach didaktischen Maßgaben
erstellt und ausgeführt werden. Eine informationelle Einheit als ìContainerî
von mehreren multimedialen Objekten (Text, Audio, Video, Grafik, Fotos...)
muß so abgegrenzt sein, daß sie aus sich selbst heraus verstanden
werden kann und gleichzeitig auf ihren informationellen Kontext verweist.
Kontext kann in Hypertextsystemen hergestellt werden, indem
-
eine Bildschirmseite
ergänzend zur eigentlichen Information viele Metainformationen bringt
(z.B. lokale und globale Übersichtskarten oder Extrafenster, die neben
den eigentlichen informativen inhaltlichen Teilen noch kontexterzeugende
Orientierungs- und Übersichtsinformationen geben)
-
eine Bildschirmseite
nicht nur aus einer informationellen Einheit besteht, sondern unter Ausnutzung
von Fenstertechnik mehrere inhaltlich verwandte Hypertexteinheiten wiedergibt.
Aus lernpsychologischen
Gründen sollten nicht mehr als sieben Elemente in einer Einheit/Seite
enthalten sein, mehr kann man sich aus mnemotechnischen Gründen nicht
merken. Die Zusammenfassung zu größeren informationellen Einheiten
sollte nicht beliebig, sondern inhaltlich begründet sein. Eine Grundregel
lautet dabei, daß sich deskriptive Elemente direkt in Hypertext umsetzen
lassen, diskursive oder gar argumentative Komponenten erfordern eine Aufarbeitung,
an deren Ende ein völlig neues Produkt, eben ein Hypertext steht.
Neben der Identifikation
der informationellen Einheiten ist für eine Übertragung (Konversion)
von traditionellen Texten in Hypertext die Segmentierung und Entlinearisierung
des Gesamtwerkes von Bedeutung. Durch die Konversion sollen textuelle Strukturen
nicht imitiert, sondern hypertextspezifische Möglichkeiten konstruiert
werden.
Dies gilt nicht nur für den linearen Haupttext, sondern auch für
Strukturteile (textuelle Orientierungshilfen wie Inhaltsverzeichnisse,
Glossare,...) um dadurch einen besonderen informationellem Mehrwert zu
schaffen. Ziel dieser Rekonstruktion von Text in Hypertext ist es, Darstellung
und Zugriff zu flexibilisieren. Prinzipien und Formen der Konversion sind:
-
einfache Übertragung,
d.h. online-Version statt gedruckter Form; wichtig: bildschirmgerechte
Darstellung. Zum Hypertext wird der Text erst, wenn durch Verknüpfung
verschiedener Elemente oder Passagen im Text nicht-lineare Strukturen entstehen;
Ergebnis: intratextueller Hypertext, d.h. der Text wird nicht in autonome
Einheiten zerlegt, sondern es wird ein hypertextgerechtes "browsing" im
gesamten Text angestrebt.
-
Segmentierung und
Relationierung über formale Texteigenschaften, d.i. Segmentierung
in hypertextgerechte Einheiten unter Ausnutzung formaler textueller Makrostrukturen
(Kapitel, Abschnitte, Absätze, aber auch textuelle Strukturmittel
wie Glossar, Inhaltsverzeichnis o.ä.)
-
Segmentierung und
Relationierung nach Kohärenzkriterien, d.h. Reorganisation des Textes
nach informationellen Einheiten durch aufwendige inhaltliche Analyse, um
neue Hypertexteinheiten zu erstellen, da zusammengehörige Passagen
auch zusammengehören.
-
intertextuelle
Konversion, wenn die Hypertextbasis sich nicht auf einen einzelnen Text
bezieht, sondern aus einer Vielzahl von Texten aufgebaut wird, dann müssen
neben der Segmentierung und Relationierung Duplizitäts- und Ähnlichkeitskontrollen
stattfinden. Die Schwierigkeit der intertextuellen Konversion besteht in
der Beherrschung von Vielfachverknüpfungen. Dieses semantische Netzwerk
ist textuell und visuell kaum vermittelbar (Spaghetti-Syndrom). Auf der
praktischen Ebene wird deswegen empfohlen, Texte lieber autonom zu lassen
und mit intertextuellen Verknüpfungen zu arbeiten. Last but not least
muß überprüft werden, ob durch die Zusammenfassung überhaupt
ein informationeller Mehrwert entsteht (!)
Nicht alle Texte
sind gleichermaßen geeignet für Konversion in Hypertext. Einfach
umwandeln lassen sich
-
Texte, deren Inhalt
sich leicht in elementare Blöcke zergliedern lassen, z.B. technische
Handbücher
-
Texte, die nach
einheitl. Kategorienschemata strukturiert sind
-
Texte, die klar
benennbare und formalisierbare Beziehungsmuster zwischen einzelnen Informationseinheiten
aufweisen
-
Texte, die eine
reiche Vielfalt an strukturellen Metainformationen(Register,....) enthalten
-
Texte mit statischen,
d.h. weitgehend abgeschlossenen bzw. abgesicherten Wissenstrukturen
-
Lerntexte, die
aus didaktischen Gründen argumentativ klar aufgebaut und aus sich
heraus verständlich sind, und sich daher wenig auf externe Referenzen
stützen
Problematische
Textsorten für Konversion sind
-
größere
Textsequenzen, bei denen die Entlinearisierung zu atomisierten Einheiten
führt
-
Textsorten mit
Wissensstrukturen, die sich ständig ändern und daher laufen aktualisiert
werden müssen
-
Textsorten mit
organisch inhaltlicher Strukturierung, die durch Aufbrechen Gesamtaussage
verlieren, z.B. Kunstprosa
-
Interpretationen,
zusammenfassende Beurteilungen, Herleitungen von Begründungszusammenhängen
Allerdings sind
gerade letztere Textsorten für die Erzeugung informationellen Mehrwertes
durch Hypertext besonders anfällig, weil sich dadurch beispielsweise
ganz neue Interpretationen oder experimentelle Beziehungsmuster herstellen
lassen (beispielsweise im Prozesse der Erschaffung von Literatur oder der
Dokumentation von unsicheren Forschungsergebnissen).
Da die Bedeutung
und Funktion informationeller Einheiten nicht isoliert erschlossen, sondern
erst dadurch, daß ihr Kontext mit einbezogen wird, muß Hypertext
Verknüpfungen (Links) sowie Navigations- und Orientierungshilfen leisten,
d.h. erst die Kombination aus Inhalt, Verknüpfungen und Orientierungshilfe
zusammen ergeben eine Hypertexteinheit.
Verknüpfungen
(Links) sind die fundamentale Idee von Hypertext. Das in einer Menge verknüpfter
Objekte dargestellte Wissen ist komplexer als das in der Gesamtheit isolierter
Objekte dargestellte ("Das Wesen des Wassers ist aus der Erforschung des
Tropfens nicht ersichtlich"). Dieser Anspruch leitet sich aus der vermuteten
Analogie zur Speicherung von Wissen im menschlichen Gehirn ab. Verknüpfungen
sind also wesentlich für die Mehrwerteffekte von Hypertext verantwortlich,
aber auch gleichzeitig dafür, daß die Navigation in Hypertextbasen
im Nirwana münden kann. Für den Benutzer wird die Orientierung
erheblich vereinfacht und der Aufbau kognitiver Muster erleichtert, wenn
Vorabinformationen über die Inhalte der Zieleinheiten in den zusammenfassenden
Teilen gegeben werden.
Links können
danach unterschieden werden, wie sie Verknüpfungen realisieren:
-
Intra: Ausgangs-
und Zielpunkt werden innerhalb von Einheiten verbunden. Diese Technik wird
gewählt, wenn informationelle Einheiten größer als eine
Bildschirmseite sind, insbesondere dann, wenn das gesamte referenzierte
Objekt, z.B. ein längerer Text, als eine Einheit gespeichert ist.
-
inter: Ausgangs-
und Zielpunkt werden zwischen verschiedenen Einheiten verbunden, wobei
als Zielpunkt die ganze Einheit oder ein spezieller Punkt in ihr adressiert
werden kann.
-
extra: Ausgangspunkt
einer Verknüpfung hinaus auf Zielpunkte in externen Objekten (z.B.
in externen Hypertextbasen)
Für Beziehungsverhältnisse
zwischen Ausgangs- und Zieleinheiten lassen sich vier Grundmodelle unterscheiden:
-
Beziehung: eine
Ausgangseinheit hat genau eine Zieleinheit und umgekehrt
-
n:1-Beziehung:
eine Ausgangseinheit hat eine Zieleinheit; eine Zieleinheit kann aber von
mehreren Ausgangseinheiten angesteuert werden.
-
1:m-Beziehung:
eine Ausgangseinheit kann zu mehreren Zieleinheiten führen
-
n:m-Beziehung:
zu einer Einheit können mehrere Einheiten hinführen und von ihr
auf mehrere verweisen; für Hypertext sollten sie typisch sein.
Wie bereits angesprochen
kann die Nutzung der Links zu einem kreativen neugierigen Informationsverhalten
(Mitnahmeeffekte und gerichtete Erkenntnisprozesse), aber auch zum Verlust
von Kontext und Orientierung führen:
-
Man ist unsicher,
wo man sich gerade im Verhältnis der gesamten Information befindet
oder
-
wie man zu einem
bestimmten Punkt kommt,
-
wie man den besten
Einstieg findet,
-
ob man den optimalen
Pfad findet,
-
man weiß
nicht, was man bereits besucht hat oder
-
wie man aus einem
nicht weiterführenden Bereich zu sinnvollen Stellen zurückfinden
kann,
-
ob man wirklich
alles Relevante gefunden hat oder
-
wieviel Information
im näheren Kontext noch vorhanden ist.
Es müssen
also Muster und Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden, die die
Navigation erleichtern und Orientierungshilfen schaffen. Bild 1 zeigt unterschiedliche
Möglichkeiten zur Navigation in Hypertextsystemen. Dieses Metainformationsgerüst
ist nötig, um Strukturen und Zugriffswege transparent zu machen. Dabei
muß der schmale Pfad zwischen ìcognitivem overloadî
und informationeller Kurzsichtigkeit gefunden werden. Bei jedem Knoten
ergibt sich die Entscheidung, wie weitergegangen wird; da der Informationsgehalt
jeder Folgeeinheit meist erst im Nachhinein beurteilt werden kann, ist
das Problem bei weiterem Fortschreiten immer schwieriger zu lösen,
hohe Konzentration und Gedächtnisleistung sind erforderlich. Bei der
Erstellung einer Hypertexteinheit reicht es daher nicht, Einheiten festzulegen
und zu verknüpfen, sondern es muß eine Struktur in die Sammlung
von Einheiten gebracht werden, sonst droht Orientierungsverlust. Dies erreicht
man dadurch, daß die gesamte Hypertextbasis durchgängig hierarchisiert
wird, Metainformationen erstellt werden, Navigationsangebote zusammengestellt
werden, durch die Teilmengen von Hypertexteinheiten unter thematischen
Gesichtspunkten durchlaufen werden können.
Bild 1: Navigationsstrukturen
in Hypertextsystemen (Wilson: world wide web design guide. München:
Markt & Technik 1996)
Orientierungshilfen
sind textuelle und strukturierte Zusammenfassungen und werden in der Regel
als selbständige Teile den informativen Teilen der Einheiten vorgeordnet
oder auch von diesen unabhängig in getrennten Fenstern vorab gezeigt.
Sie sollen beim Aufbau kognitiv wichtiger Vorurteile helfen, d.h. sie sollen
zu den informativen Teilen hinführen (oder von ihnen abhalten). Als
Übersichtsmittel eignen sich Inhaltsverzeichnisse und Register (herkömmliche
Art und Weise) oder (hypertextspezifisch) grafische Übersichten (Netz-
oder Baumstruktur), Pfade, vernetzte Sichten (web-views: enthalten die
jederzeit speicherbare Dokumentation bereits vollzogener Links, Hilfsmittel
zur Orientierung und vorgegebene Pfade, an die man sich halten kann, wenn
man will), geführte Unterweisungen (guided tours zur Unterstützung
ungeübter Benutzer) oder Dialoghistorien (verzeichnen, wie oft eine
Einheit schon angeschaut wurde), Bookmarks (leserdefinierte Fixpunkte)
gestalten komplexe Dokumente übersichtlicher.
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Hypertext in der Bildung
Faßt man
die bisherigen Ausführungen unter ausgewählten programmatischen
Punkten zusammen, so ergeben sich für den Einsatz von Hypertext in
der Bildung drei Ansatzpunkte
-
Binnendifferenzierung:
Hypertext erhöht die Flexibilität im Zugriff auf Wissen, da Lernsituationen
in hohem Maße individualisierte Situationen sind, wo Ausbildungsmaterialien
auf unterschiedliche Fähigkeits-, Erfahrungs- und Verständnisebenen
reagieren können sollten. Unterschiedlichen Lernstilen und Verarbeitungsgeschwindigkeiten
wird Rechnung getragen. Lernerfolge werden begünstigt, indem Eigeninitiative
entfaltet wird, d.h. eigene Erkundungen gefördert und nicht vorgegebene
Pfade wie bei der programmierten Unterweisung nachvollzogen werden müssen.
-
Handlungsorientierter
Unterricht: Lernen ist nicht nur die bloße Übernahme, Kopieren
neuer Wissensbereiche, sondern das Einbetten neuer Strukturen in schon
bestehende, d.h. Lernen ohne Anknüpfungsmöglichkeit scheint kaum
möglich, Lernen ist immer Selektieren auf Basis individueller Lernmerkmale
und objektiver Lernsituation. Hypertextunterstütztes Lernen fördert
über verschiedene Abstraktionsebenen hinweg den sukzessiven Aufbau
eines kognitiven Netzes sowie die Anpassung des Netzes an Benutzervoraussetzungen.
Für das pragmatische Design von Hypertextlernbasen bedeutet dies,
einen Überblick zu schaffen, was gelernt werden soll. Dafür ist
man häufig auf Vorschläge des Lernsystems angewiesen, aber es
ist nicht zweckmäßig allein ausschließliche Vorgaben oder
Steuerungen des Systems oder die direkte Manipulation für den Benutzer
einzusetzen, sondern wir benötigen eine konversationale Dialogführung,
die dem System im Sinne des Ansatzes der wechselnden Initiative Spielraum
für Reaktionen, wie Antizipation von Navigationsschritten des Benutzers,
Kompensation von Fehlbedienungen, Hinweis auf Handlungsalternativen ...
gestattet. Darüber hinaus können die Lernenden die Hypertextbasis,
die sie lernen sollen, selber aufbauen, (Lernen durch Modellieren).
-
Über diese
beiden Beispiele für den Einsatz von Hypertext zu didaktischen und
pädagogischen Zwecken wird sich nicht zuletzt auch die Präsentation
und Organisation von Bildungseinrichtungen und Lehrkräften verändern:
beispielsweise kann mit Hypertext die ìwissensbasierte Arbeitî
unterstützt werden, also das eigene Wissen der Lehrkraft verwaltet
oder Information aus anderen Hypertexten komfortabel und flexibel verarbeitet
und mit anderen Kollegen und Kolleginnen ausgetauscht werden. Bildungseinrichtungen
haben dann auch die Chance, ihren Fundus an Wissen und Erfahrungen nicht
zwischen Aktendeckeln zu beerdigen, sondern als wertvolles Gut beispielsweise
als Mittel zur Selbstdarstellung einer Ausbildungseinrichtung und Referenz
für die Qualität der Ausbildung zu veröffentlichen. Die
laufenden im Web publizierten Internet-Projekte sind hier sicherlich ein
erster Schritt.
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Ansatzpunkte für Praktische Anwendungen in Hypertext-Übungen
und Internet-Projekten
-
Recherche: themenorientierte
individuelle Informationssammlung von Schülern (Wissenserkundung und
Selbstlernen)
-
Weiterentwicklung
und Neuinterpretation von (literarischen) Texten durch Annotationen und
Verknüpfungen (Kontext und Kohäsion)
-
Konversion von
herkömmlichen Texten in Hypertext (z.B. Fachtexte, Handbücher,
Nachrichten, Dokumentation von Versuchsabläufen und -ergebnissen)
-
Modellierung von
informationellen Einheiten: Wie müssen Inhalte für verschiedene
Zielgruppen ausgewählt und aufbereitet werden
-
Design einer informationellen
Einheit: Alternativen zur Auswahl, Abgrenzung und Darstellung einer informationellen
Einheit
-
Übungen zum
grafischen und textuellen Aufbau von Navigations- und Orientierungshilfen
-
Kooperative Hypertext-Erstellung:
Von Schülern für Schüler
7
Literatur
Kuhlen, Rainer:
Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Berlin,
Heidelberg: Springer 1991.
Gutheil, Mügge:
Hypermediale Formen des Schreibens von Sachverhalten. Computer und Unterricht
23/1996.
Wilson: world
wide web design guide. München: Markt & Technik 1996
Walheim-Abele:
Informationelle Relevanz von Multimedia. Konstanz: Universität 1993
Der Artikel ist in Online News Nr.
6 erschienen und hier abrufbar (basisdoc.exe
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