Der Umgang mit den Neuen Medien aus einem philosophischen
Blickwinkel
Die Suche nach Antworten auf die Fragen, warum, weshalb, wofür
Computer & Co im Englischunterricht gut sind, führen zu
einigen grundsätzlichen Überlegungen zum Einsatz der Neuen
Medien im Schulalltag.
Welchen Einfluss
haben die Neuen Medien auf unsere Urteils- und Entscheidungsfähigkeit, unser
soziales Miteinander?
Claus
Günzler, Professor der Philosophie an der Pädagogischen
Hochschule Karlsruhe, hat sich in seinem Artikel Zwischen Datenflut und Erziehungsauftrag
mit verschiedenen Aspekten solcher Fragestellungen, die in den letzten
Jahren mehr und mehr ins Zentrum des pädagogischen Nachdenkens
gerückt sind, auseinandergesetzt. Vereinfacht ausgedrückt
sind wir angehalten zu überlegen, welchen Einfluss Computer
und Neue Medien auf unser Verhalten, unsere Denkmuster und gar unseren
Fortbestand als menschliche Lebensform haben.
Ob der Umgang
mit Neuen Medien die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit
fördert oder eher verunsichert, ob er das soziale Miteinander
stabilisiert oder eher fragmentarisiert sind Fragen, die nicht ad hoc
beantwortet werden können, sondern einer gründlichen
Beobachtung von Entwicklungen und einer intensiven Reflexion
bedürfen. Wir erheben nicht den Anspruch, dass wir im Rahmen
dieser Veranstaltung zu Antworten finden werden, sondern regen vielmehr
dazu an, diese und andere Fragestellungen zu Wegbegleitern in unserer
täglichen Auseinandersetzung innerhalb unserer Arbeit zu machen.
Was uns wichtig ist,
prägt unser Tun und wird Wirkung
zeigen.
Wenn uns die
Entwicklung von Urteils- und Entscheidungskraft, wenn uns die
Entwicklung von sozialem Miteinander selbst ein wichtiges
Anliegen sind, wird unser pädagogisches Tun von dieser
Haltung geprägt sein und ungeachtet der Flüchtigkeit, die in
den Neuen Medien durch deren Schnelllebigkeit enthalten ist, seine
Wirkung entfalten.
Welche innere Haltung
nehmen wir ein und geben wir weiter?
Ebenso wird es sich
mit weiteren Fragestellungen verhalten: ob „die Darstellung
Vorrang gewinnt vor dem Dargestellten, die Präsentation vor dem
Sachgehalt, das Instrumentelle vor dem Substanziellen, die Klischees
von außen vor den Ansprüchen von innen, die industriell
erzeugten Scheinstrukturen vor der persönlichen
Erfahrung“ (1) hängt nicht zuletzt davon ab, welche innere
Haltung wir einnehmen und in und durch unseren Unterricht weitergeben.
Schule soll auf das
Leben vorbereiten und Denken in Zusammenhängen
vermitteln.
Schließlich, so
Günzler, hat Schule den humanitären Auftrag, auf das Leben
vorzubereiten. Es zählt zum Erbe der Aufklärung, dass der
Umgang mit lebensdienlichen Errungenschaften jedermann zugänglich
sein muss, also heute auch der Umgang mit PC und Internet. (2)
„Bildung
beginnt erst dann, wenn ein Lernender sich neugierig einer Frage
zuwendet, deren Antwort er nicht kennt, und sich in vielen kleinen
Schritten auf den Weg zur Lösung begibt, um diese
schließlich als befriedigende, weil persönlich
vollzogene Erkenntnisleistung zu erfahren. […] Schule kann,
sofern sie sich selber treu bleiben will, auf Prinzipien geleitetes
Handelns nicht verzichten und darf deshalb das in den
Bildungsplänen geforderte „Denken in
Zusammenhängen“ nicht zugunsten eines kunterbunten
Hantierens mit Daten relativieren."
Struktur ermöglicht
den Weg vom Sehen zum Denken.
Günzler
weist darauf hin, dass die herkömmlichen Offline-Medien auf die
Sachgehalte des Unterrichts angelegt sind und voraussetzen, dass eine
fachkundige Lehrperson das Sehen der Lernenden strukturiert. Dadurch
entstünde zumindest die Chance, dass „der Weg vom Sehen zum
Denken weiterführt“, sich also vom rein wahrnehmenden Sehen
zum erkennenden, sprich geistigen Sehen steigert. Günzler
befürchtet, dass das Sehen in der Online-Welt keine Hilfe
zur Ortung des Gesehenen erhält, sondern einer Fülle
von optischen Reizen ausgesetzt und in der Rezeption sich selbst
überlassen ist. Dass aus dieser Art Sehen Erkennen wird, hält
er für höchst unwahrscheinlich.
Erzeugen die Neuen
Medien neue Wahrnehmungsweisen?
Pädagogen,
Philosophen, Bildungstheoretiker beschäftigen sich mit der Frage,
ob die Neuen Medien demzufolge neue Wahrnehmungsweisen erzeugen. Aus
der Hirnforschung weiß man heute, dass das Gehirn als ein
dynamisches Funktionsganzes zu verstehen ist, welches sich in der
Auseinandersetzung mit der Realität bildet, indem es fortlaufend
Handlungsmuster entwickelt, die dem Überleben in der jeweils wahrgenommenen Welt dienen. Günzler weist auf die Gefahr
hin, dass es sich nicht ausschließen lässt, dass eine
Abkopplung des Sehens von der Sprache und dem Denken neuronale
Möglichkeiten verkümmern lässt, die so nie mehr
wiederkehren. (3)
Wie kommt man
zu Entscheidungsfähigkeit?
Claus
Günzler wirft einen kritischen Blick auf die durch den Umgang mit
dem Internet hervorgerufene Verschiebung der Wirklichkeitsebenen bei
Kindern und Jugendlichen. Wie kommen Jugendliche zu einer
begründeten Entscheidung? Wer weder Leseerfahrung noch
Urteilsfähigkeit im Rücken hat, unterliegt als unerfahrener
Datensucher leicht der Faszination des Klickens. „Wer nur sehen,
aber nicht strukturieren, nicht systematisieren kann, der kann auch
nicht kritisch sortieren, und wer nicht kritisch sortieren kann, der
kann auch keine Handlungsalternativen
beurteilen und wird seine Entscheidungen vom Gesehenen abhängig
machen.“ (4)
Urteils- und Entscheidungsfähigkeit müssen
gezielt gefördert werden ebenso Kritikfähigkeit und Selbständigkeit.
Günzlers
These ist, dass Schulkinder ihre Orientierungen aus zwei heterogenen
Welten beziehen: aus der Welt des realen Lebens und aus der Welt der
virtuellen Scheinstrukturen. Als Beispiel wären da die
Marketingimpulse zu nennen, mit denen das Datenangebot finanziert wird
und die den Internet-User mit Glücksweltsuggestionen
überschwemmen. Unsere Aufgabe ist es, Kindern zu helfen, diese
beiden Welten voneinander zu unterscheiden. Das ist eine
Herausforderung für alle Schulfächer. Wir müssen die
Urteils- und Entscheidungsfähigkeit weitaus gezielter fördern
als bisher. Unser Ziel muss es sein, Kindern zu vermitteln, als
kritische Sucher und nicht als versierte Klicker an das Internet
heranzugehen. Das könnte uns gelingen, wenn wir uns eine
Grundhaltung zu eigen machen, die sich in der Frage dokumentiert
„Wie fordere ich die Lust an der Selbständigkeit
heraus?“
Artikel
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(1) Günzler, C.: „Zwischen Datenflut und Erziehungsauftrag, S. 35
(2) Ebd. S. 35
(3) Ebd. S. 39
(4) Ebd. S. 41