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Druckansicht von http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/englisch/hs/didaktik/phil.html, Stand 25. May. 2012

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Der Umgang mit den Neuen Medien aus einem philosophischen Blickwinkel


Die Suche nach Antworten auf die Fragen, warum, weshalb, wofür Computer & Co im Englischunterricht gut sind, führen zu einigen grundsätzlichen Überlegungen zum Einsatz der Neuen Medien im Schulalltag.

Welchen Einfluss haben die Neuen Medien auf unsere Urteils- und Entscheidungsfähigkeit, unser soziales  Miteinander?

Claus Günzler, Professor der Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, hat  sich in seinem Artikel Zwischen Datenflut und Erziehungsauftrag  mit verschiedenen Aspekten solcher Fragestellungen, die in den letzten Jahren mehr und mehr ins Zentrum des pädagogischen Nachdenkens gerückt sind, auseinandergesetzt. Vereinfacht ausgedrückt sind wir angehalten zu überlegen, welchen Einfluss Computer und Neue Medien auf unser Verhalten, unsere Denkmuster und gar unseren Fortbestand als menschliche Lebensform haben.

Ob der Umgang mit Neuen Medien die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit fördert oder eher verunsichert, ob er das soziale Miteinander stabilisiert oder eher fragmentarisiert sind Fragen, die nicht ad hoc beantwortet werden können, sondern einer gründlichen Beobachtung von Entwicklungen und einer intensiven Reflexion bedürfen. Wir erheben nicht  den Anspruch, dass wir im Rahmen dieser Veranstaltung zu Antworten finden werden, sondern regen vielmehr dazu an, diese und andere Fragestellungen zu Wegbegleitern in unserer täglichen Auseinandersetzung innerhalb unserer Arbeit zu machen.

Was uns wichtig ist, prägt unser Tun und wird Wirkung zeigen.

Wenn uns die Entwicklung von Urteils- und Entscheidungskraft, wenn uns die Entwicklung von sozialem Miteinander selbst ein wichtiges Anliegen sind,  wird unser pädagogisches Tun von dieser Haltung geprägt sein und ungeachtet der Flüchtigkeit, die in den Neuen Medien durch deren Schnelllebigkeit enthalten ist, seine Wirkung entfalten.

Welche innere Haltung nehmen wir ein und geben wir weiter?

Ebenso wird es sich mit weiteren Fragestellungen verhalten: ob „die Darstellung Vorrang gewinnt vor dem Dargestellten, die Präsentation vor dem Sachgehalt, das Instrumentelle vor dem Substanziellen, die Klischees von außen vor den Ansprüchen von innen, die industriell erzeugten Scheinstrukturen vor der persönlichen Erfahrung“ (1)  hängt nicht zuletzt davon ab, welche innere Haltung wir einnehmen und in und durch unseren Unterricht weitergeben.

Schule soll auf das Leben vorbereiten und Denken in Zusammenhängen vermitteln.

Schließlich, so Günzler, hat Schule den humanitären Auftrag, auf das Leben vorzubereiten. Es zählt zum Erbe der Aufklärung, dass der Umgang mit lebensdienlichen Errungenschaften jedermann zugänglich sein muss, also heute auch der Umgang mit PC und Internet. (2)

„Bildung beginnt erst dann, wenn ein Lernender sich neugierig einer Frage zuwendet, deren Antwort er nicht kennt, und sich in vielen kleinen Schritten auf den Weg zur Lösung begibt, um diese schließlich als  befriedigende, weil persönlich vollzogene Erkenntnisleistung zu erfahren. […] Schule kann, sofern sie sich selber treu bleiben will, auf Prinzipien geleitetes Handelns nicht verzichten und darf deshalb das in den Bildungsplänen geforderte „Denken in Zusammenhängen“ nicht zugunsten eines kunterbunten Hantierens mit Daten relativieren."

Struktur ermöglicht den Weg vom Sehen zum Denken.

Günzler weist darauf hin, dass die herkömmlichen Offline-Medien auf die Sachgehalte des Unterrichts angelegt sind und voraussetzen, dass eine fachkundige Lehrperson das Sehen der Lernenden strukturiert. Dadurch entstünde zumindest die Chance, dass „der Weg vom Sehen zum Denken weiterführt“, sich also vom rein wahrnehmenden Sehen zum erkennenden, sprich geistigen Sehen steigert. Günzler befürchtet, dass das Sehen in der Online-Welt keine Hilfe zur  Ortung des Gesehenen erhält, sondern einer Fülle von optischen Reizen ausgesetzt und in der Rezeption sich selbst überlassen ist. Dass aus dieser Art Sehen Erkennen wird, hält er für höchst unwahrscheinlich.

Erzeugen die Neuen Medien neue Wahrnehmungsweisen?

Pädagogen, Philosophen, Bildungstheoretiker beschäftigen sich mit der Frage, ob die Neuen Medien demzufolge neue Wahrnehmungsweisen erzeugen. Aus der Hirnforschung weiß man heute, dass das Gehirn als ein dynamisches Funktionsganzes zu verstehen ist, welches sich in der Auseinandersetzung mit der Realität bildet, indem es fortlaufend Handlungsmuster entwickelt, die dem Überleben in der jeweils wahrgenommenen Welt dienen. Günzler weist auf die Gefahr hin, dass es sich nicht ausschließen lässt, dass eine Abkopplung des Sehens von der Sprache und dem Denken neuronale Möglichkeiten verkümmern lässt, die so nie mehr wiederkehren. (3)

Wie kommt man zu Entscheidungsfähigkeit?

Claus Günzler wirft einen kritischen Blick auf die durch den Umgang mit dem Internet hervorgerufene Verschiebung der Wirklichkeitsebenen bei Kindern und Jugendlichen. Wie kommen Jugendliche zu einer begründeten Entscheidung? Wer weder Leseerfahrung noch Urteilsfähigkeit im Rücken hat, unterliegt als unerfahrener Datensucher leicht der Faszination des Klickens. „Wer nur sehen, aber nicht strukturieren, nicht systematisieren kann, der kann auch nicht kritisch sortieren, und wer nicht kritisch sortieren kann, der kann auch keine Handlungsalternativen beurteilen und wird seine Entscheidungen vom Gesehenen abhängig machen.“ (4)

Urteils- und Entscheidungsfähigkeit müssen gezielt gefördert werden ebenso Kritikfähigkeit und Selbständigkeit.

Günzlers These ist, dass Schulkinder ihre Orientierungen aus zwei heterogenen Welten beziehen: aus der Welt des realen Lebens und aus der Welt der virtuellen Scheinstrukturen. Als Beispiel wären da die Marketingimpulse zu nennen, mit denen das Datenangebot finanziert wird und die den Internet-User mit Glücksweltsuggestionen überschwemmen. Unsere Aufgabe ist es, Kindern zu helfen, diese beiden Welten voneinander zu unterscheiden. Das ist eine Herausforderung für alle Schulfächer. Wir müssen die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit weitaus gezielter fördern als bisher. Unser Ziel muss es sein,  Kindern zu vermitteln, als kritische Sucher und nicht als versierte Klicker an das Internet heranzugehen. Das könnte uns gelingen, wenn wir uns eine Grundhaltung zu eigen machen, die sich in der Frage dokumentiert „Wie fordere ich die Lust an der Selbständigkeit heraus?“

   Artikel als PDF [33 KB]

(1)  Günzler, C.: „Zwischen Datenflut und Erziehungsauftrag, S. 35
(2)  Ebd. S. 35
(3)  Ebd. S. 39
(4)  Ebd. S. 41

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Quelle: SXC

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Letzte Änderung: 06.10.2005