Druckansicht von http://lehrerfortbildung-bw.de/kompetenzen/gestaltung/forum_m_g/08_produktgestaltung/08_7_denkanstoesse/08_75/, Stand 26. May. 2012
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Die moderne Kunst hat sich seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts den Erscheinungen
der Massenzivilisation zugewandt, weniger um diese darzustellen, als um deren
Funktionieren begreifbar und somit hinterfragbar zu machen.
Der erste, der an dieser Stelle zu erwähnen ist, ist Marcel Duchamp, der
1914 einen Skandal auslöste, indem er ein Urinoir und einen Flaschentrockner
zu Kunstwerken erklärte und diese als solche in Kunstgalerien ausstellte.
Ob diese Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs Designprodukte waren
oder sind, ist hier nicht die Frage. Seinerzeit kamen solche Industrieprodukte
sicherlich nie mit einem geschulten Gestalter in Berührung, der Durchschnittsbürger
kannte sie in ihren Zusammenhängen und benutzte sie entsprechend.
Genau hier wurzelt auch Duchamps künstlerischer Ansatz: Was darf Kunst
sein? Ist Kunst schön? Wo fängt Kunst und Erbauung durch dieselbe
an und wo hört sie auf? .... Die bürgerliche Sicherheit in der Beurteilung
dieser Fragen schien in ihrem Fundament erschüttert. Ganze Hierarchiegebäude
werden mit dieser Ausstellung des Alltäglichen, sogar Peinlichen, in Frage
gestellt.
Ähnlich verfuhren die Vertreter des Surrealismus mit den Dingen des Alltags:
Der Regenschirm traf die Nähmaschine auf dem Operationstisch. Nicht umsonst
ist der Surrealismus in seinen Anfängen ein literarisches Phänomen
und er befasst sich mit dem menschlichem Bewusstsein, seinem Unterbewusstsein
und den Hierarchien, Verboten und Regeln, die den Umgang mit der Denk- und Fühlfähigkeit
regeln und auf diesem Wege das Zusammenleben in den Industriegesellschaften
bestimmen. Gebrauchsgegenstände werden in diesem Zusammenhang zu Zeichen
einer Sprache der Dinge, in der sich das Denken materialisiert.
Ihre Erscheinungsformen, ihre Materialität, Nutzerfreundlichkeit und alle
Aspekte, die am Design heute interessieren, interessierten die Künstler
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht.
Aber der künstlerische Umgang mit Gebrauchsgegenständen hat seither
Tradition und lebt bis heute. Von Warhol über Jeff Koons, Chaim Steinbach
bis Sylvie Fleurie befassen sich Künstler mit Produkten zum Massenkonsum
und mit Hervorbringungen der Massenmedien.
Die Schwerpunkte wechseln dabei erheblich: Einerseits kann die Ästhetik
der Printmedien zum künstlerischen Ausdruck übersteigert werden, andererseits
die Aufgeladenheit trivialer Massenprodukte mit persönlichen Gefühlen
der Nutzer durch den Künstler thematisiert werden.
Der Künstler hat die Freiheit, die Dinge losgelöst von ihrem Nutzen
zu sehen. Formen, Farben und Materialien erscheinen als Rohmaterial.
Als Rohmaterial kann ebenso der Umgang mit Gebrauchsgegenständen oder ihr
Prestigewert betrachtet werden. Mit diesem Material können künstlerische
Aussagen getroffen werden.
Heute sind Alltagsgegenstände größtenteils Designprodukte. Somit
rückt also auch „Design“ als gestaltete Umwelt ins Blickfeld
der Kunst.
Der Künstler Georg Winter entfernt zum Beispiel Treppengeländer aus
Ausstellungsgebäuden, weil diese die Wahrnehmung der Kunst behinderten.
Matthias Rehberger lässt Wohnraum-Einrichtungen naiv beschreiben und zeichnen.
Nach diesen Beschreibungen werden dann von Dritten diese Idealräume aufgebaut
wie in einem Möbelhaus; Dabei zeigt sich deutlich, welche Erwartungen im
kollektiven Unterbewusstsein an Design gestellt werden, welchen Denkmustern
die Verbraucher folgen und dass diese durch Medien und Werbung manipuliert sein
können.
Die künstlerische Auseinandersetzung mit der gestalteten Umwelt geht heute
weit über den Einsatz von Ready-mades hinaus.
Andererseits gibt es die Möglichkeit für Künstler, sozusagen
die Kehrseite der Warenästhetik für ihre Arbeit zu nutzen. Joseph
Beuys benutzt in seinen Installationen oder Performances fast nur Abgenutztes,
Altes, sich zersetzende Materialien, unangenehm riechende organische Stoffe.
Diese Gegenstände bilden ganz offensichtlich eine Gegenwelt zur sauberen,
glatten, angenehmen Welt von Konsum und Werbung.
Oder dieser Künstler benutzt Naturmaterialien, die durch ihre elementaren
Eigenschaften existenzielle Aussagen möglich machen: Filz kann Wärme
speichern, Fett ist ein Energiepotential.
Aber wie blicken Designer oder Gestalter auf die Hervorbringungen der Modernen
Kunst?
Im 19. Jahrhundert schien die Welt in Ordnung: Die Kunst schuf „Das Wahre,
Gute, Schöne“, oft in Anlehnung an Formen der Antike. Kunst war akademisch
lehrbar, also wurden Kunstakademien gegründet. Diesen Institutionen der
Kunst waren oft Abteilungen für „Angewandte Kunst“ angegliedert,
wie z.B. an der Kunstakademie Karlsruhe.
In Weimar versuchte Henry van der Velde die hergebrachte Handwerksproduktion
technisch zu verbessern und ästhetisch auf die Höhe seiner Zeit zu
heben. Die Handwerker nahmen zum Teil diese Anregungen auf und hatten Erfolg
damit.
Auch dem Bauhaus ging es später darum, Kunstproduktion und Gebrauchsproduktion
zu verbinden, also darum, dass auch Gestalter vom aufgehäuften Wissen der
Kunst profitierten. Im Sinne des 19. Jahrhunderts entstanden Begriffe wie „die
gute Form“ oder der „Rat für Formgebung“ konnte ernstgemeinte
Ratschläge erteilen.
Seither schauen Gestalter oder Designer gern auf die Entwicklungen in der Bildenden
Kunst und machen ästhetische und inhaltliche Anleihen. Darüber hinaus
sehen sich so manche sicherlich selbst als Künstler. Das trägt dazu
bei, dass die Bedeutungen dieser Begriffe ineinander verschwimmen. Insgesamt
hat die sogenannte Postmoderne alle erdenklichen Cross-Over-Produkte zwischen
Design, Architektur und Kunst hervorgebracht und dieser Trend ist noch nicht
am Ende.
Wie das Ende dieser Verschmelzung aussehen könnte, wage ich nicht zu sagen
und auch nicht daran zu denken, denn Medien, Zeitgeschmack und der rasende Wandel
in allen gesellschaftlichen Bereichen machen diesen Schmelztiegel tatsächlich
zur Büchse der Pandora.
Ingolf Plaga, Gewerbliche Schule Schwäbisch Gmünd