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Unterrichtsmaterialien


M 0.2a Ein Flüchtlingskind erzählt


Louis

Louis ist 9 Jahre alt und kommt aus einem Dorf in Syrien. Seit einem Jahr wohnt er in Bielefeld. Louis konnte mit seiner Familie (Vater, Mutter, seinen Schwestern Chanel, 5 Jahre, und Christiana, 2 ½ Jahre, Oma und Onkel) nach Deutschland kommen, weil ein Pfarrer und seine Frau für die Versorgung der Familie gebürgt haben. Inzwischen haben sich aus der Kirchengemeinde andere Menschen angeschlossen und nun sind es ungefähr 25 Personen, die Louis‘ Familie bei ihrem neuen Leben in Deutschland unterstützen. Louis kann schon sehr gut Deutsch.

Über sein Leben in Syrien erzählt er:

Wir haben in einem kleinen Dorf gelebt. Da gab es viel Sand, aber auch einen Fußballplatz und ein paar Geschäfte. In einem gab es Süßigkeiten für Kinder und Falafel. Es gab nicht viele Autos, alle fahren Motorrad. Wir hatten ein großes Haus. Da haben alle zusammen gewohnt: Oma und mein Opa, als er noch lebte, meine Mutter und mein Vater, mein Onkel und Tante Rosa und Chanel und Christiana. Im Garten gab es 24 Weinstöcke und Gurken und Tomaten und schwarze Tomaten (, die kann man nur zum Kochen nehmen,) und zwei Apfelbäume. Zwischen unserm Garten und dem Nachbargarten gibt es einen Birnbaum, den mussten wir mit den Nachbarn teilen. Alle Erwachsenen haben im Garten gearbeitet. Ich musste manchmal gießen. Wir hatten eine Kuh, die haben wir verkauft, bevor wir weggegangen sind.

Einmal hing eine giftige Schlange von einem Baum. Mein Onkel hat sie mit einer Schaufel getötet. In Syrien gibt es auch Skorpione. Manchmal haben wir Kinder in Skorpionlöchern so lange gebuddelt, bis einer rauskam.

Die Häuser in Syrien haben flache Dächer. Im Wohnzimmer hatten wir drei ganz große Sofas. Wir hatten auch drei Tische: einen draußen, da haben wir immer gegessen, wenn das Wetter gut war, und einen drinnen, dann stand noch ein Tisch im Garten. Im Sommer ist es in Syrien so heiß wie in einem Feuer, im Winter regnet es ganz viel.

In Syrien hatte ich ganz viele Freunde. Wir haben z.B. im Matsch gespielt, etwas aus Matsch gebaut und dann trocknen lassen.

Ich bin mit 5 Jahren in die Schule gekommen. Auf meine Schule sind die Kinder gegangen, bis sie 13 Jahre alt waren. Neben unsrer Schule war noch eine Schule für Ältere. Schule in Syrien ist wie hier vor hundert Jahren, wir haben darüber im Lesebuch eine Geschichte gelesen. Die Sitze und die Tische sind „zusammengeklebt“. Auf einer Seite stehen die Bänke von der ersten Klasse, auf der anderen Seite sitzen die Zweitklässler. Wir hatten einen Lehrer, der war streng und hat manchmal geschrien. Er hat erst den Erstklässlern und dann den Zweitklässlern eine Aufgabe gegeben und ist dann ins Lehrerzimmer gegangen. Wenn wir fertig waren, hat ihn jemand geholt, dann haben wir gerufen: „Er kommt! Er kommt!“ Nur Englisch hatten wir bei einer anderen Lehrerin. Alle Kinder mussten ein langes blaues Hemd, so lang wie ein Kleid, tragen. Schule war von 8 Uhr bis 12 Uhr. Es gab da nichts zu essen wie hier in der Ganztagsschule. Eine nette Oma hat leckere salzige Körner/Kerne verkauft. Die waren nicht teuer, so wie hier 25 Cent. Der Schulhof war ein Fußballplatz und viel weiter weg war das Haus mit den Toiletten.

Wir sind Christen. Meine Oma ist jeden Samstag oder Sonntag in die Kirche gegangen. Ich bin lieber zuhause geblieben und habe mit Freunden gespielt.

Über die Flucht seiner Familie von Syrien nach Deutschland erzählt er:

Wir hatten Angst, dass der Krieg in unser Dorf kommt. Manchmal haben wir Flugzeuge gehört, die Rakete abgeworfen haben. Ich habe einen Onkel, der schon lange in Deutschland lebt, Wahrscheinlich wollten meine Eltern deshalb nach Deutschland. Ich selbst wusste von Deutschland nichts, bevor wir uns auf den Weg machten. Auch an meinen Onkel Walid, der uns von Deutschland aus besucht hat, als ich klein war, kann ich mich nicht erinnern.

Wir sind zuerst in den Libanon geflogen. Dort waren wir zwei Monate. Wir haben in der Wohnung von einer Tante gewohnt. Ich habe da viele Freunde und Bekannte aus unserem Dorf wiedergetroffen. Das war toll. Als wir meine Tante und meinen Onkel wiedergesehen haben, hat meine Mutter vor Freude geweint. Sie hat auch ein bisschen geweint, als wir im Auto zum Flughafen saßen.

Vom Libanon sind wir nach Dortmund geflogen. Wir sind um 3 Uhr nachts losgeflogen. Im Flugzeug musste ich mal. Aber wir konnten nicht richtig fragen, wo das Klo ist. Meine Oma ist zu einem Mann gegangen, der hat dann das Klo gezeigt – obwohl sie ja gar kein Deutsch konnte!

Wir sind in Dortmund gelandet. Onkel Walid und ein großer Junge, den ich nicht kenne, haben uns abgeholt. Onkel Walid hat Mama, Oma und Chanel und Christiana im Auto mitgenommen. Mein Onkel, mein Vater und ich sind mit dem Jungen im Zug nach Bielefeld gefahren, weil wir nicht alle Platz im Auto hatten. Ich habe mich gefreut, weil ich zum ersten Mal mit dem Zug fahren durfte. Den Bahnhof in Bielefeld fand ich groß. Bielefeld hat mir gleich gefallen. Der große Junge hat Kaugummi für mich aus einem Automaten gezogen. Das war das erste Mal, dass ich Essen aus einem Automaten gegessen habe.

Über sein neues Leben in Deutschland erzählt er:

Wir haben nur in der ersten Nacht in Deutschland bei Onkel Walid geschlafen. Onkel Walid ist mit uns auf einen Spielplatz gegangen. Ich war vorher noch nie auf einem Spielplatz. Am nächsten Tag sind wir in die Wohnung gegangen. Ich habe gestaunt, wie groß die Wohnung ist. In unserem Haus wohnt noch eine andere Familie. Wir sind zufrieden mit unserer Wohnung. Meiner Familie geht es gut in Deutschland. Wir gehen mit unseren neuen Freunden schwimmen und machen Ausflüge. Schwer ist es für meine Oma. Sie kann noch kein Deutsch.

Ich bin 10 Tage bei der AWO in einen Sprachkurs gegangen. Ich habe mich gefreut, dass da noch zwei andere syrische Kinder waren, mit denen konnte ich Arabisch sprechen. Dann bin ich an die Martinschule gekommen, in die zweite Klasse. Herr Grothe hat zu Kemal und Pam gesagt, sie sollen sich in der ersten Pause um mich kümmern. Sie haben mir Zeichen gemacht und mir alles gezeigt.

Wir haben mit dem Computer viel Kontakt zu Freunden und Verwandten, die auch aus Syrien weggegangen sind. Von denen weiß manchmal jemand etwas aus unserem Dorf. Wir haben auch ein Handy, mit dem können wir mit Verwandten telefonieren.

Komisch finde ich, dass mich keiner zu seiner Geburtstagsparty einlädt. In Syrien hatte ich mehr Freunde. Ich wünsche mir einen richtig großen Fernseher mit einer Playstation. Für meine Familie wünsche ich mir ein eigenes Haus und dass die Erwachsenen zufrieden sind.

 

M 0.2b Ein Flüchtlingskind erzählt

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