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Unterrichtsmaterialien


Erzählvorschlag: Hat uns Gott aufgegeben?


Aaron schreckt aus dem Schlaf hoch. Ein schlimmer Traum hat ihn so beschäftigt, dass er davon wach wurde, ein Traum, in dem ihm brennende Häuser, schreiende Soldaten und weinende Kinder Angst einflößten.

Einen Moment lang weiß Aaron nicht, wo er sich befindet. Er liegt unter freiem Himmel, rings um ihn nimmt er schemenhaft seine Familie wahr, seinen zusammengekrümmten Vater, die Mutter, an die sich seine Schwester Rebekka kuschelt. Irgendwo in dem notdürftig eingerichteten Lager weint ein Baby, die Mutter versucht es zu trösten. Am Rande sind die Umrisse der Soldaten zu erkennen, die das Lager bewachen. Über Aaron spannt sich ein wunderbar klarer Sternenhimmel, doch er kann sich nicht daran erfreuen. Seit einigen Wochen marschieren sie schon in ein fremdes Land, Männer, Frauen und Kinder, schwer bewacht von berittenen Soldaten und niemand weiß, wie lange die Reise noch dauern wird. Und immer wieder übermannen Aaron die Gedanken an die letzten Tage in der Heimatstadt Jerusalem. Sie beschäftigten ihn in seinen Träumen und lassen ihn aus dem Schlaf hochschrecken.

Er denkt an den Lärm, als die Babylonier das Jerusalemer Stadttor in der Nähe zertrümmerten, an das Geschrei fliehender Menschen. Er hatte sich mit der Familie im Haus verkrochen und gehofft, dass nichts Schlimmes passieren würde. Dann sahen sie die lodernden Flammen am Tempel, spürten die Unruhe in der Stadt, bis die Soldaten kamen und ihnen sagten, sie müssten sich am nächsten Morgen auf den Weg machen. Von Babylon war die Rede, von einem langen Marsch, viele Tage lang, an einen Ort, an dem schon andere Juden leben. Nie hatte er seine Eltern so verzweifelt gesehen, sogar Vater weinte. Doch dann rafften sie ihren Besitz zusammen, reihten sich ein in den langen Zug der Deportierten, bewacht von den Soldaten, die nicht nur die Menschen in die Fremde brachten, sondern auf zahlreichen Wagen auch den Tempelschatz, die goldenen und silbernen Schalen und Becher, von denen Aarons Vater manchmal erzählt hatte.

Aaron merkt gar nicht, wie er noch einmal einschläft. Plötzlich wird er von seinem Vater geweckt, denn in wenigen Minuten geht der Marsch weiter. Da hört Aaron eine alte Frau schreien, die an einem Steinhaufen kniet, umgeben von Frauen, die sie vergeblich zu trösten versuchen. „Hat Gott uns denn aufgegeben?“, diese Klagen der alten Frau prägen sich Aaron ein. Er weiß, was die Szene zu bedeuten hat. Aaron hatte beobachtet, wie der Ehemann der Frau in den letzten Tagen immer mehr Mühe hatte, dem Tross zu folgen, wie er am Abend zuvor zusammengebrochen war. Jetzt ist er wohl gestorben und notdürftig bestattet worden. Am Rand bekommt Aaron mit, wie die berittenen Soldaten die Frauen zwingen aufzustehen und den Marsch fortzusetzen. Schweigend gehen sie voran, durch steiniges Gelände. Am Morgen war es noch frisch, aber Aaron weiß, dass im Lauf des Tages die sengende Sonne den Marsch schwerer und schwerer machen wird.

Erst merkt er gar nicht, dass sein Vater schweigend neben ihm geht. Doch dann spricht der Vater Aaron an: „Aaron, was ist mit dir, du bist heute so schweigsam!“

„Ich denke über die alte Frau nach, die ihren Mann verloren hat, sie tut mir so leid. Sie hat gesagt, dass Gott uns vergessen hat. Stimmt das? Gott half uns nicht, als sie uns die Häuser wegnahmen, er half uns nicht, als der Tempel angezündet wurde, er lässt zu, dass Menschen unterwegs sterben.“

„Aaron, ich weiß, das alles ist schwer zu verstehen, aber ich glaube nicht, dass Gott uns vergessen hat.“

„Was macht dich da so sicher, Vater?“

„Schau, unser Volk hat eine lange Geschichte mit Gott. Immer wieder mussten Menschen Wege gehen, auf denen sie dachten, Gott habe sie vergessen. Aber dann machten sie die Erfahrung, dass Gott ihnen immer noch nah ist. Wenn du willst, kann ich dir erzählen, was mein Vater mir von ihnen erzählt hat.“

Aaron sagt nichts, aber am Abend, vor dem Schlafengehen, bittet er seinen Vater zu erzählen. Und der erzählt zunächst von Abraham, dem Gott einen schweren Weg zugemutet hatte. Und von nun an erzählt Aarons Vater ihm jeden Abend von einem Menschen, den Gott auf seinem Lebensweg begleitet hatte. Er erzählt von Sara und Isaak, von Rebekka, Esau und Jakob, von Josef und seinen Brüdern, aber auch von Mose , von Noomi und Rut und von David.

M 2.4

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