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Unterrichtsmaterialien


Erzählvorschlag: Wie im Exil ankommen?


Monate waren vergangen. Und es war alles für Aaron so normal geworden, dass er gar nicht mehr darüber nachdachte: Aufstehen und sich mit seiner Familie nach dem kargen Frühstück einreihen in die lange Aufstellung der Gefangenen und dann gehen, gehen, gehen – stundenlang dauerte dieser Marsch jedes Mal, bis sie eine Pause machen durften und das erste Mal etwas zu trinken bekamen. Und so ging es bis zum Abend fort – jeden Tag. Aaron hatte schon aufgegeben zu fragen: „Wann sind wir da?“, so sehr war ihm das tägliche Einerlei in Fleisch und Blut übergangen. Zum Glück, denn an seinen Füßen bildeten sich nun keine Blasen mehr und er konnte die langen Marschzeiten immer besser durchhalten, ohne über Müdigkeit und Erschöpfung zu klagen.

Im 6. Monat merkte Aaron, dass die Soldaten, die sie bewachten, unruhig wurden, sich ihre Schritte beschleunigten, als würden sie von etwas vorangezogen. Was war anders? Schon Wochen lang folgten sie dem Verlauf eines großen Flusses: dem Euphrat. Aber nun hatte sich die Landschaft, die der lange Zug durchzog, deutlich verändert: Es war noch grüner um sie herum geworden. Dattelpalmhaine und Gemüsegärten, die von Kanälen durchzogen waren, lagen an ihrem Weg. Aarons Vater vermutete: „Wir sind wohl bald am Ziel: Babylon!“ Und tatsächlich: Nur ein paar Stunden später konnte man die Spitze eines großen, siebenstufigen Turms sehen, der sich majestätisch in den Himmel erhob. Eine Stadtmauer kam in Sicht. Die Straße stieg sanft an und führte auf eine gigantische Toranlage zu, deren blauglänzende Verkleidung Aaron fast den Atem nahm: „Was für eine prächtige Stadt!“ Dazu waren als Zeichen großer Macht Reihen von Löwen auf dem blauen Saum der Stadtmauer und gewaltige Wildstiere und Schlangendrachen auf dem Tor zu sehen. Die Soldaten mussten ihre Gefangenen immer mehr antreiben, so geblendet waren diese von der Größe und Herrlichkeit Babylons. Aaron hatte ganz vergessen, dass schon seit langem Zeit für eine Pause gewesen wäre, aber nun war er doch froh, als die Gefangenen ihre Schritte verlangsamen durften und es für alle Wasser gab. Während dieser kleinen Pause wurde der Unterschied zwischen Wachen und Gefangenen überdeutlich. Während die Soldaten aufgeregt miteinander redeten und sich augenscheinlich sehr über die Rückkehr nach Babylon freuten, wurden die Gefangenen immer stiller und besorgter: Wo würde man sie hinbringen? Wie würde es nun mit ihnen weitergehen? In diese herrschaftliche, blühende Stadt schienen sie mit ihren zerlumpten Gewändern gar nicht zu passen.

Und in der Tat ging ihr Marsch weiter, wieder aus der Stadt heraus. Vor der Stadt verbrachten sie die Nacht und wurden am nächsten Tag fortgeführt zu einer ganz anderen Stadt, nicht so groß und vor allem nicht so prächtig, einer alten Ruinenstadt: Tel-Abib. Groß war das Erstaunen und dann auch die Freude der Gefangenen, als sie feststellten: Die Bewohner dieser Stadt waren Judäer wie sie, schon vor 10 Jahren in die Fremde geführt und hier vom babylonischen König angesiedelt worden. Und dann wurden sogar Wiedersehen gefeiert: Aarons Mutter entdeckte unter den Frauen der Stadt ihre lange vermisste Kusine Lea. Und Aarons Vater, der Priester, wurde von einer Gruppe von älteren Priestern erkannt, umarmt und eingeladen: „Wie schön, dich zu sehen! Komm heute Abend in unsere Versammlung, wir wollen hören, wie es in der Heimat steht!“

Nach dieser frohen Begrüßung war Aarons Vater abends in der Versammlung überrascht: Von der Wiedersehensfreude war nichts mehr zu spüren, stattdessen schlug ihm eine ganz andere Stimmung entgegen. Ihm wurde von den Diensten erzählt, die die Judäer für den babylonischen König ableisten mussten, und von hohen Abgaben für das Land, das sie bewirtschafteten. Aarons Vater hielt dagegen: „Immerhin, ihr durftet zusammenbleiben und ihr habt Land, von dessen Ertrag ihr leben könnt. Wir wissen ja noch gar nicht, was aus uns werden wird.“ Und dann begann er zu erzählen, von der Belagerung Jerusalems, von der Zerstörung des Tempels und ihrem langen Marsch.

Da erhob sich ein Murren in der Versammlung: „Wir dachten, wir kommen zu euch zurück und jetzt kommt ihr zu uns! 10 Jahre saßen wir auf gepackten Koffern, jederzeit bereit, wieder zurückzukehren. Und jetzt ist Jerusalem zerstört: Gott muss uns ganz aufgegeben haben. Hat er unsere Gebete nicht gehört?

Andere antworteten darauf: Das hätten wir wissen müssen. Erinnert euch, der Prophet Jeremia hat uns doch einen Brief geschrieben. Er hat uns geraten, uns hier richtig niederzulassen, Häuser zu bauen und Familien zu gründen. Er hat sogar geschrieben:

Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie! Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut.

Das Murren der ersten Gruppe schwoll sofort wieder an: „Jetzt sollen wir auch noch für die Babylonier beten? Das kann keiner von uns verlangen!“

Aarons Vater merkte: Hier lag eine gewaltige Spannung in der Luft.

 

Psalm 137, 1-8

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