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Unterrichtsmaterialien


Erzählvorschlag: Wie mächtig ist unser Gott?


In der Ortschaft Tel-Abib ist seit Tagen ungewöhnlich viel los: Die Menschen schmücken ihre Häuser, die Gasthäuser sind voll belegt, immer mehr Reisegruppen ziehen durch die Straßen - auf Eseln, Kamelen und zu Fuß kommen sie aus dem Süden und dem Osten und ziehen die Hauptstraße nach Norden entlang. Denn dort liegt die Hauptstadt Babylon und in wenigen Tagen beginnt dort das wichtigste Fest des Jahres: das Frühjahrsfest zu Ehren des Gottes Marduk. Dieses Fest leitet nicht nur den Frühling, sondern auch das Neue Jahr ein, das im März beginnt. Es wird 11 Tage dauern und soll Marduk freundlich stimmen, dass er den Menschen in Babylonien wieder ein gutes Jahr gewährt. Auch der König ist in der Stadt und wird erst nach dem Fest wieder mit seinem Heer zu Eroberungen losziehen. Denn ohne den König kann das Fest nicht stattfinden.

Die Menschen freuen sich schon auf den Abend des 4. Tages, denn dann sind die traurigen Gebete und Klagelieder beendet, mit denen das Fest beginnt. Danach wird das Enuma Elisch vorgetragen. Es ist ein feierliches Gedicht darüber, wie der junge Gott Marduk in den Kampf gegen die urzeitliche Göttin Tiamat zieht und wie er aus dem Leib der besiegten Göttin die Welt erschafft.

In den darauffolgenden Tagen werden prunkvolle Prozessionen stattfinden, bei denen der König in Erscheinung treten wird und bei denen alle Götterstatuen durch die Straßen getragen werden. Auf die riesige Statue des Marduk freuen sich die Menschen besonders, denn während der übrigen Zeit des Jahres ist diese im Tempel verborgen.

Natürlich werden am Rande des Festes auch zahlreiche andere Unterhaltungen stattfinden. Kurzum: Es ist ein großes Spektakel und wer kann, reist nach Babylon, um daran teilzunehmen.

Nicht jedoch die Juden aus Tel-Abib, die immer noch an ihren Gott Jahwe glauben und nur ihre eigenen religiösen Feste feiern. Vor allem der wöchentliche Sabbat, an dem sie alle Arbeit ruhen lassen und sich in ihren Familienverbänden zu Gottesdiensten treffen, macht sie einzigartig unter allen Bewohnern Babyloniens. Die Juden von Tel-Abib verhalten sich kurz vor dem Frühlingsfest so, als sei nichts Besonderes los. Sie bewirten die Reisenden freundlich, sie verkaufen ihnen ihre Waren, aber ansonsten halten sie Abstand von dem bunten Treiben.

Einige jedoch wollen sich nicht fernhalten. Zu ihnen gehört Samuel, der 10jährige Sohn des Priesters Aaron. Wie gerne würde er nach Babylon reisen und endlich mal den König und die prunkvollen Prozessionen bestaunen! Er läuft den Karawanen entgegen, fragt Fremde, die sich suchend umschauen, nach ihren Wünschen, und versucht, so viele Neuigkeiten wie möglich aufzuschnappen. So hört er, wie sich zwei Reisende Sorgen darüber machen, dass der neue König Nabonid sich ständig in anderen Städten aufhält oder in den Krieg zieht und seine Hauptstadt Babylon vernachlässigt. „Dauernd ist er unterwegs“, sagt ein heimkehrender Händler aus Babylon zu seinem Mitreisenden. „Ich sag dir: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich entscheidet, zu Neujahr woanders zu sein. Und du weißt ja, dass dann das Frühjahrsfest ausfallen muss.“

Samuel hört das mit Schrecken. Vielleicht ist dies die letzte Chance für ihn, an dem Fest teilzunehmen? Wer weiß, was der König in den nächsten Jahren unternimmt?

Er beschließt, seinen Vater noch einmal zu bearbeiten, obwohl seine früheren Versuche erfolglos waren.

Sein Vater Aaron ist vor über 30 Jahren aus dem zerstörten Jerusalem nach Babylonien deportiert worden. Obwohl er, wie es in der Familie seit vielen Generationen üblich ist, Priester geworden ist, muss er auf dem Feld arbeiten, um die Pachtabgaben an den König zahlen und um die Familie ernähren zu können. Samuel rennt hinaus auf den Acker, auf dem der Vater gerade arbeitet.

„Vater, Vater, ich habe gerade gehört, dass das Frühjahrsfest nächstes Jahr vielleicht ausfallen muss, weil der König sich woanders aufhält! Lass uns doch bitte nach Babylon gehen und uns wenigstens einmal die Götterprozession anschauen. Bitte, Vater!“

Aaron sieht seinen Sohn bedauernd an: „Samuel, die babylonischen Götter sind für uns nichts als Götzen. Wir glauben, dass es nur einen Gott gibt, nämlich Jahwe. Du weißt welches Gebot für uns gilt.“ Samuel sagt widerwillig: „Ja, dass wir keine anderen Götter haben dürfen und dass wir uns kein Götterbild machen dürfen. Aber...“ „Nichts aber! Die Babylonier verehren nicht nur Marduk, sondern auch viele anderen Götter und sie tragen deren Bilder durch die Straßen.“

„Aber“, setzt Samuel nochmal an, „wenn unser Gott der einzige Gott ist, wie kommt es dann, dass die Babylonier die Welt beherrschen, dass sie die schönste und reichste Stadt der Welt haben, und wir hier in Gefangenschaft leben? Du hast selbst schon oft erzählt, wie der Tempel unseres Gottes und die Stadt Jerusalem zerstört wurden. Das zeigt doch, dass Marduk stärker ist als Jahwe.“

Aaron kann nicht glauben, was sich sein Sohn da erdreistet. Das ist Gotteslästerung. Er schickt ihn nach Hause, wo er ohne Abendessen zu Bett gehen muss. In den nächsten Tagen darf Samuel das Haus nicht verlassen. Aber Aaron weiß auch, dass solche Bestrafungen auf Dauer nichts ausrichten. Die anderen jüdischen Familien haben ähnliche Probleme. Ihre Kinder sind nicht in Juda aufgewachsen, sie sehen die Übermacht und den Erfolg der Babylonier und wollen am liebsten die alten Traditionen aufgeben und die babylonischen annehmen. Das ist auch der Grund, warum Aaron zusammen mit anderen Priestern und Ältesten begonnen hat, die Geschichten der Väter zu sammeln und aufzuschreiben. Schließlich hat Jahwe schon Abraham, Isaak und Jakob, aber auch Mose und vielen anderen gezeigt, wie mächtig er ist. Und diese Geschichten werden am Sabbat vorgelesen und besprochen. Aaron nimmt sich vor, am kommenden Sabbat das jüdische Schöpfungsgedicht vorzutragen. Vielleicht gibt es Samuel und den anderen zu denken, die zurzeit dauernd Geschichten aus dem babylonischen Enuma Elisch hören.

Am nächsten Sabbat versammeln sich wieder die Verwandten und Freunde der Familie zur Sabbatfeier. Im Ort ist es ruhiger geworden, denn das Frühjahrsfest in Babylon ist noch in vollem Gange.

Aaron hat noch einen weiteren Grund, heute das Schöpfungsgedicht vorzutragen: Er weiß, dass vor allem die jüngeren Juden den Sabbat zunehmend lästig und unnötig finden. Heute sollen sie erfahren, warum der Sabbat wichtig ist.

Nachdem die Gemeinde ihre Gebete gesprochen hat, beginnt er deshalb mit dem Vortrag des Gedichts:

(SuS erhalten Gen 1 und lesen im Wechsel.)

Auch wenn Samuel immer noch seinen Hausarrest der letzten Tage als zu harte Strafe empfindet, ist er bereit, über den Sinn des Gedichtes nachzudenken, denn ihm ist klar, dass sein Vater nicht zufällig über die Weltschöpfung und den Sabbat spricht. Und er muss zugeben: das Gedicht klingt mindestens so schön wie das Enuma Elisch.


Schöpfungsgedicht Genesis 1

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