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Unterrichtsmaterialien


Erzählvorschlag 1a: Aaron freut sich


Aaron steht mit seinen Enkelkindern Elias und Hanna auf dem flachen Dach seines Hauses und lässt seine Blicke über Tell-Abib schweifen. Das hätte er sich vor 50 Jahren nicht träumen lassen, dass dies einmal seine Heimat werden könnte.

Die ersten Jahre in Babylon waren auch ganz schön hart: Noch Jahre nach der Vertreibung verfolgten ihn die Bilder vom brennenden Tempel und dem Feuerschein über Jerusalem. Als die Soldaten ihnen damals befohlen hatten, schnell alles Wichtige zusammenzupacken, hatte Aaron schreckliche Angst gehabt: er war überzeugt gewesen, dass nun alles aus sei, dass man ihn von seiner Familie trennen und in die Sklaverei verkaufen würde.

Und dann – nach dem elendig langen Marsch die Ankunft in der Ruinenstadt Tell-Abib, die man ihnen als Wohnort zugeteilt hatte! Wie schwer war es hier am Anfang: Monatelange mussten sie in Zelten hausen, es mangelte an Nahrungsmitteln, an Kleidern. Die Babylonier hatten ihnen Land zur Bebauung zugeteilt. Aber die meisten von ihnen hatten ihr Leben lang in Jerusalem gelebt. Nun mussten ehemalige Hofbeamte und Priester zum ersten Mal in ihrem Leben auf dem Feld arbeiten.

Doch sie hatten sich eingewöhnt: mit der Zeit wurden sie so geschickt im Ackerbau, dass ihr Getreide besser wuchs als in so manchem babylonischen Dorf. Sie bauten sich zuerst einfache Hütten, später, als sie erste Gewinne erwirtschaften konnten, errichteten sie solide Häuser. Eigentlich war es ihnen ganz gut ergangen, denn sie durften zusammenbleiben und sie waren keine Sklaven geworden. Ja, sie hatten es geschafft, in der Fremde anzukommen.

Aaron hat vor vielen Jahren Deborah geheiratet. Mit Freude denkt er an die gemeinsamen Kinder Samuel, Rut und Mirjam und an die 12 Enkel, die er inzwischen hat. Ja, sie leben alle ganz gut in Tell-Abib. Und trotzdem: nie hat Aaron Jerusalem und den Tempel vergessen können. Nie hat ihn die Sehnsucht nach seiner Heimat ganz verlassen.

Und jetzt ist etwas Unglaubliches geschehen: Vor einigen Monaten besiegten die Perser die Babylonier. Und als die Perser alle Tempel und Schatzkammern in Babylon nach Wertgegenständen durchforsteten, stießen sie auch auf den Jerusalemer Tempelschatz.

Die Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer in Tell-Abib verbreitet: „König Kyros will uns erlauben, den Tempelschatz nach Jerusalem zurückzubringen!“ Aaron hat Tränen in den Augen, wenn er daran denkt. Er kann sich noch gut an die vergoldeten Becken und silbernen Becher aus seiner Kindheit erinnern. Kyros will nun allen Judäern erlauben, in ihre Heimat zurückzukehren, damit sie die Stadt und den Tempel wieder aufbauen.

„Opa, warum weinst du“, fragt Hanna, Aarons jüngste Enkelin Hanna. „Bist du traurig?“ „Nein, im Gegenteil“, antwortet Aaron, „ich freue mich so sehr über die guten Neuigkeiten, dass ich weinen muss! Als ich so alt war wie du, wohnte ich neben dem Tempel. Er war groß und prächtig ausgestattet, mit Zedernholztüren und vergoldeten Fußböden!“ Und er beginnt zu erzählen und im Sand die Umrisse aufzumalen: den Hauptraum und das Allerheiligste, die Vorhalle und den Vorhof. Gebannt schauen seine Enkel zu.

„Aber der größte Schatz, den wir haben“, sagt Aaron, „sind unsere Erinnerungen. Die Erinnerungen an Jerusalem, aber auch an die Zeit hier. Wir müssen alles aufschreiben, damit diese Erinnerungen niemals verloren gehen. Am meisten hat uns hier in der Fremde unser Glaube geholfen, dass Gott uns nicht verlässt. Diesen Glauben müssen wir uns unbedingt bewahren, auch wenn wir nach Hause zurückkehren, wir müssen aufschreiben, wie uns der Glaube hilft.

Deshalb freue ich mich, dass euer Vater Samuel den Beruf des Schreibers erlernt hat und dass er auch euch diese Kunst beibringen will. Was sollen wir eurer Meinung nach unbedingt aufschreiben, damit es nicht verloren geht?“


Erzählvorschlag 1b: In der Schreiberwerkstatt

In Samuels Schreiberwerkstatt herrscht konzentrierte Stille. Samuel hat an der Wand eine Handschrift befestigt und kopiert mit großer Sorgfalt die Buchstaben der neuen Schrift auf ein Pergament. Seine Kinder Elias und Hanna sitzen schweigend dabei. Elias ist schon 10 Jahre alt und lernt das Schreiben, indem er die Buchstaben auf einer Tonscherbe übt. Hanna ist erst 6. Sie schaut, was Samuel schreibt, und malt die Zeichen im Sand nach.

Plötzlich schaut ihr Großvater Aaron zur Tür herein. Die Kinder freuen sich. Aaron will nicht stören, deshalb hält er den Finger vor den Mund. Er kommt näher heran und schaut, was Hanna gemalt hat. „Weißt du, was das bedeutet?“, fragt er Hanna flüsternd. Sie zuckt mit den Schultern. „Soll ich es dir erklären?“, bietet Aaron ihr an. Sie nickt begeistert. Er bedeutet ihr nach draußen zu kommen.

„Kannst du mir die letzten Zeichen, die du gemalt hast, noch einmal untereinander malen?“, fragt Aaron, als sie draußen ein schattiges Plätzchen gefunden haben.

Hanna malt ein Schin, ein Aleph, ein Nun und ein Daleth auf den Boden. „Das machst du schon ganz schön“, sagt Aaron. „Ich kann genau erkennen, welche Buchstaben das sind. Ich will dir mal zeigen, wie sie entstanden sind. Wir haben sie von den Phöniziern gelernt.“ Aaron malt etwas neben das Schin. „Das sind Zähne!“, sagt Hannah erstaunt. „Genau. Und unser Wort ‚Zahn‘ beginnt mit einem Schin.“ Mit wenigen Strichen macht Aaron aus dem Aleph einen Stierkopf, aus dem Nun eine Schlange und aus dem Daleth einen Fisch. Hanna ist begeistert.

„Wenn du möchtest, werde ich dir das Schreiben beibringen.“ „Oh ja! Dann verstehe ich endlich, was Vater und Elias schreiben.“

In den nächsten Wochen bringt Aaron Hanna jeden Tag einen Buchstaben bei, indem er ihr zuerst das Bildzeichen der Phönizier und dann das daraus entstandene Quadratzeichen der hebräischen Schrift erklärt. So kann sich Hanna die 22 Zeichen des hebräischen Alphabets bald merken.


Von der Bilderschrift zur Buchstabenschrift

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