Doppelstunde 4: UFB-Items 1.1, 1.2 und 1.3
Unterrichtsinhalte im Überblick:
Die Schülerinnen und Schüler lernen die für den Ethikunterricht zentralen Begriffe „moralische Zwickmühle“ bzw. „ethisches Dilemma“ als Bezeichnung für Regelkonflikte kennen. Im Zentrum der Doppelstunde steht die Kenntnis und Anwendung der fachspezifischen Methode der ethischen Fallanalyse anhand eines klassischen Dilemmas aus der Wertklärungsliteratur. Dazu lernen die Schülerinnen und Schüler, den Aufbau und die Logik der Fallanalyse in Grundzügen zu beschreiben, Regelkonflikte zu identifizieren, Regeln gegeneinander abwägen sowie Begründungen zu vergleichen und zu diskutieren.
Berücksichtigung der Basisdimension „Kognitive Aktivierung“:
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UFB-Items und Positivindikatoren |
Fachspezifische Exemplifizierung |
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Herausfordernde Aufgaben und Fragen (1.3): Die Lehrkraft konfrontiert die Schülerinnen und Schüler mit widersprüchlichen Sachverhalten. Ermittlung von Denkweisen und Vorstellungen (1.2.): Die Lehrkraft befragt die Schülerinnen und Schüler nach ihren Ideen und Vorstellungen zu einem Thema. Die Lehrkraft sammelt unterschiedliche Schülerbeiträge und hält sich dabei zurück. |
Als Einstieg dient ein ethisches Dilemma zum Thema Reichweite von Freundschaft, in dem es um einen Wertekonflikt zwischen Wahrheit und Loyalität geht. Die Schülerinnen und Schülern artikulieren zunächst mündlich ihr moralisches Vorverständnis, das von Lehrkraft aufgenommen wird. |
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Verständnisorientierung (1.1): In der Stunde wird deutlich, was die Schülerinnen und Schüler am Ende einer Einheit können, verstanden oder kritisch reflektiert haben sollen. Ermittlung von Denkweisen und Vorstellungen (1.2.): Die Lernenden werden aufgefordert, ihre Antworten zu begründen. Herausfordernde Aufgaben und Fragen (1.3): Die von der Lehrkraft gestellten Fragen und Aufgaben nicht nur mit Ja und Nein beantwortet werden. Die von der Lehrkraft gestellten Fragen und Aufgaben gehen über die reine Reproduktion von auswendig gelernten Wissen oder der Anwendung von Prozeduren hinaus. Unterschiedliche Meinungen, Lösungen oder Fälle werden einander kontrastierend gegengestellt. Die Schülerinnen und Schüler werden zu Selbsterklärungen angehalten. |
Die Schülerinnen und Schüler führen anhand eines klassischen Dilemmas mit kleinem Personentableau ein ethische Fallanalyse durch. Die ethische Fallanalyse ist eine in der Unterrichtspraxis etablierte und in der Philosophiedidaktik anerkannte fachspezifische Unterrichtsmethode zur Förderung des ethischen Argumentierens und der ethischen Urteilsbildung. Für die Einführung in diese Unterrichtsmethode wird in dieser Unterrichtseinheit ein didaktisch transformiertes Modell für die Unterstufe präsentiert, das an einen „Lösungsalgorithmus“ erinnert. Dieses orientiert sich an dem klassischen Dreischritt der von gymnasialen Fachberaterinnen und Fachberatern Ethik in Baden-Württemberg entwickelten Schema. Nach diesem haben die Schüler:innen bei der Fallbearbeitung folgenden unterrichtlichen Dreischritt zu leisten: „Sachanalyse“ mit Benennung der wesentlichen Beteiligten und Betroffenen, „ethische Analyse und Abwägung“ eines zentralen Wertekonflikts und „wohlbegründetes eigenes Urteil und Entscheidung“. Diese drei Schritte lassen sich folgenden Teilaufgaben in der beiden Fallanalyse zuordnen: 1.) Sachanalyse: Teilaufgaben 1-3 2.) Wertanalyse: Teilaufgaben 4-6 3.) Urteilsfindung: Teilaufgaben 7-8. Moralische Zwickmühlen bzw. ethische Dilemmata werden dabei als Regelkonflikte angesehen, da die Begriffe „Normen“ und „Werte“ erst in späteren Unterrichtseinheiten der Klassen 5 und 6 genauer erarbeitet werden. Als Hilfestellungen sind bei den Teilaufgaben Satzanfänge vorgeben. Den größten Schwierigkeitsgrad besitzt die Teilaufgabe, in der die Schüler:innen die konfligierenden Regeln identifizieren und formulieren sollen. |
Materialien
M4.1: Ethische Fallanalyse
Wie lösen wir eine moralische Zwickmühle?
Marlene ist mit Charlotte, ihrer besten Freundin, in ein Bekleidungsgeschäft gegangen. Charlotte will ein T-Shirt kaufen. Sie probiert verschiedene T-Shirts an. Eines sagt ihr besonders zu. Inzwischen schaut sich Marlene Hosen an. Marlene sieht, wie Charlotte aus der Umkleidekabine herauskommt. Sie hat ihren Kapuzenpullover an, winkt Marlene zu und zeigt kurz auf das T-Shirt unter dem Pullover. Charlotte geht zur Ausgangstür und verlässt das Bekleidungsgeschäft.
Auf einmal kommt der Hausdetektiv. Er will Marlenes Tasche sehen. Dann fragt der Detektiv: „Wer war das Mädchen, mit dem du zusammen warst? Sie hat ein teures T-Shirt gestohlen. Nenne uns den Namen, sonst erhältst auch du wegen Unterstützung einer kriminellen Tat eine Strafe.“
Quelle: Text Marcel Remme formuliert nach einen Dilemma von Georg Lind (2003): Moral ist lehrbar. Handbuch zur Theorie und Praxis moralischer und demokratischer Erziehung. München: Oldenbourg, S. 138)
Frage: Soll Marlene ihre Freundin Charlotte verraten?
Arbeitsanregungen:
- Lest den Fall noch einmal durch.
- Würdest du Marlene verraten oder nicht? Begründe deine Entscheidung.
Arbeitsanregungen:
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Wer hat mit der Handlung von Charlotte zu tun? Nenne die Personen.
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Wie könnte sich Marlene fühlen, als sie sieht, dass ihre Freundin das T-Shirt klaut? Vollende den Satz:
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Warum würde sich Marlene in diesem Fall so fühlen?
Sie fühlt sich so, weil
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Nenne die beiden Regeln, die Marlene einhalten möchte.
Regel 1:
Regel 2:
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Was passiert, wenn Marlene sich nicht an die Regeln hält?
Wenn Marlene sich nicht an die Regel 1 hält, dann
Wenn Marlene sich nicht an die Regel 2 hält, dann
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Welche Regel ist wichtiger Regel 1 oder Regel 2? Benutze dazu das Größer- (>) oder Kleinerzeichen (<).
Regel 1 Regel 2
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Schreibe in die Sprechblase, was Marlene zu dem Detektiv sagen sollte.
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Warum gibst du Marlene genau diesen Ratschlag? Begründe deine Entscheidung.
Ergebnissicherung
Wie lösen wir ein moralisches Dilemma?
Was ist ein moralisches Dilemma?
(Bild: moralische Zwickmühle, Quelle: reli-ethik-blog.de, 10.11.2024)
Ein moralisches Dilemma (Plural: Dilemmata) ist eine bestimmte Art von Zwickmühle, in der eine Person steckt. Weil die Person eine Entscheidung treffen muss, fühlt sie sich dabei oft unwohl.
Eine moralisches Dilemma liegt dann vor, wenn die Person sich entscheiden muss zwischen zwei moralischen Regeln. Sie kann nicht beide moralischen Regeln gleichzeitig einhalten.
Trifft die Person die eine Entscheidung, kann sie nur eine ethische Regel einhalten. Dieses hat Folgen, die für die Person oder für andere schlecht sind.
Trifft die Person die andere Entscheidung, kann sie ebenfalls nur eine ethische Regel einhalten. Dieses hat ebenfalls Folgen, die für andere oder für die Person schlecht sind.
Ein ethisches Dilemma erkennt man an also zwei sich widersprechenden moralischen Regeln. Ein moralisches Dilemma ist also ein moralischer Regelkonflikt.
Wie gehen wir vor, um ein moralisches Dilemma zu lösen?
Dazu gehen wir in drei Schritten vor und beantworten folgende Fragen:
Schritt 1:
- Wer handelt?
- Wer hat mit der Handlung sonst noch zu tun?
- Wie könnte sich der/die Handelnde fühlen?
- Wie könnten sich die anderen Personen fühlen?
Schritt 2:
- Warum würde sich der/die Handelnde bzw. die anderen in diesem Fall gut/schlecht fühlen?
- Welche beiden ethischen Regeln kann die/der Handelnde nicht gleichzeitig einhalten?
- Was passiert, wenn die einzelnen Regeln nicht eingehalten werden?
Schritt 3:
- Welche Regel soll eingehalten werden?
- Was rätst du der/dem Handelnden?
- Warum soll die/der Handelnde sich so entscheiden?