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Doppelstunde 8: UFB-Items 2.1 und 2.2

Unterrichtsinhalte im Überblick

Die 8. Doppelstunde beginnt mit einer Umfrage mit Hilfe eines Online-Tools wie Minnit oder Mentimeter. Die Schülerinnen und Schüler positionieren sich auf diese Weise zu verschiedenen Aussagen in Bezug auf Tugenden (M8.1) und diskutieren im Anschluss Punkte, die sich als besonders kontrovers herausgestellt haben. Auf diesem Weg explizieren sie ihre Vorverständnisse in Bezug auf den Tugend-Begriff, die sich häufig auf Sekundärtugenden belaufen und damit von gängigen philosophischen Konzepten abweichen. Entsprechend sensibilisiert, erarbeiten sie daraufhin in leistungsheterogenen Gruppen mit Hilfe von kompetenzstufengemäß aufbereiteten Texten zur Tugendlehre (M8.2) eine letzte aristotelische Perspektive auf die Frage nach dem Glück und setzen sich kritisch mit dieser auseinander. In der Hausaufgabe fassen sie die in der Stunde erarbeitete Textstelle übend unter Berücksichtigung der individuellen Rückmeldungen aus Stunde 4 nach den eingeführten Gütekriterien für wissenschaftliche Textwiedergaben zusammen.

Berücksichtigung der Basisdimension „Konstruktive Unterstützung“:

UFB-Items und Positivindikatoren

Fachspezifische Exemplifizierung

Individuelle Unterstützung im Lernprozess (2.2): Unterstützende Maßnahmen und Hilfestellungen der Lehrkraft sind individuell an den Lernstand der Schülerinnen und Schüler angepasst.

Die Erarbeitung der Tugend-Lehre erfolgt in leistungsheterogen Gruppen mit gemeinsamer Aufgabenstellung auf Textgrundlagen verschiedenen Schwierigkeitsgrades.

Qualität des Feedbacks (2.1): Die Rückmeldungen und Kommentare der Lehrkraft helfen den Schülerinnen und Schülern dabei, ihre Fehler zu erkennen und ihr weiteres Vorgehen zu verbessern.

Die Hausaufgabe dient der weiteren Einübung der Methodik der wissenschaftlichen Textwiedergabe unter gezielter Berücksichtigung von Defiziten, die sich in einer vorherigen Übung zeigten.

Materialien

M8.1: Umfrage zu „Tugenden“

Wie stark stimmen Sie den nachfolgenden Aussagen zu?

(0 = überhaupt nicht; 4 = voll und ganz)

Tugenden …

0

1

2

3

4

… sind für den stabilen gesellschaftlichen Fortbestand wichtig.

… werden in der Gegenwartsgesellschaft immer weniger beachtet.

… sollten in der Kindererziehung wieder mehr berücksichtigt werden.

… können auch schädlich und gefährlich sein.

… stellen für mich eine wichtige moralische Orientierung dar.

M8.2: Textgrundlage für Niveau A

Das System der Tugenden

Aristoteles beschreibt zwei verschiedenen Arten der Tugend: die Verstandestugenden und den Charaktertugenden. Die Verstandestugenden können wir im Verlauf unserer Lebenszeit durch Belehrung und durch das Sammeln eigener Erfahrungen erwerben. Ein Beispiel für diese Art der Tugend ist für Aristoteles die Klugheit, verstanden als die Fähigkeit, in der praktischen Lebensführung geeignete Entscheidungen zu treffen, um seine Ziele zu erreichen.

Davon unterscheidet Aristoteles die ethischen Tugenden, die man auch als Charaktertugenden bezeichnen kann. Sie werden von der Gesellschaft vermittelt und erhalten ihre Gültigkeit aus der Tradition und der allgemeinen Zustimmung der Leute. Inhaltlich sind die Charaktertugenden jeweils bestimmt als Mitte zwischen falschen Extremen. So ist z.B. die Tapferkeit zu verstehen als Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Ebenso stellt die Großzügigkeit die Mitte zwischen Geiz und Verschwendungssucht dar. Wichtig für das Verständnis aller Charaktertugenden ist, dass sie sich nicht einer bloßen Überlegung verdanken. Sie müssen stattdessen durch längere Übung erworben werden. Sie ergeben insgesamt eine sittliche Haltung, aus der heraus wir auf zunehmend intuitive Weise ethisch angemessen handeln können.

Verstandes- und Charaktertugenden stehen übrigens nicht unverbunden nebeneinander. Die Klugheit ist für die ethischen Tugenden sogar in einem doppelten Sinn wichtig. Zum einen gibt sie uns immer wieder darüber Auskunft, ob wir tatsächlich eine gute Mitte zwischen den Extremen getroffen haben. Das ist immer dann der Fall, wenn das Ergebnis des Handelns nützlich für uns selbst und die anderen war. Zum anderen bestimmt sie aber auch in der konkreten Entscheidungssituation die richtigen Mittel und Wege, um das von den ethischen Tugenden vorgegebene Ziel zu realisieren. Nur Klugheit und Charaktertugenden zusammen führen also zum guten Handeln.

Text: Generiert von Volker Haase unter Verwendung von FairChat auf der Grundlage der Nikomachischen Ethik, Buch II.1f.

Arbeitsanregungen:

  1. Arbeiten Sie die Merkmale von Verstandestugenden und Charaktertugenden in einer tabellarischen Gegenüberstellung heraus:

    Verstandestugenden

    Charaktertugenden

    Entstehung

    Merkmale / Aufgaben

    Beispiele

  2. Stellen Sie den Zusammenhang zwischen Verstandestugenden, Klugheit und gutem Handeln grafisch in einem Schaubild dar. Ergänzen Sie ggf. weitere Begriffe.
  3. Zeigen Sie für Ehrlichkeit und Freundlichkeit auf, dass es sich um Charaktertugenden handelt, indem Sie jeweils ein Zuviel und Zuwenig angeben.

M8.3: Textgrundlage für Niveau B

Das System der Tugenden

Im zweiten Buch seiner Nikomachischen Ethik erläutert Aristoteles, was er unter Tugenden versteht und inwiefern diese zu einem glücklichen Leben und gerechten Handeln führen können. Dabei unterscheidet er zwei verschiedenen Arten der Tugend: die Verstandestugenden und die Charaktertugenden. Die Verstandestugenden können wir im Verlauf unserer Lebenszeit durch Belehrung und durch das Sammeln eigener Erfahrungen erwerben. Beispiele für diese Art der Tugend sind für Aristoteles philosophische Weisheit und Klugheit – letztere verstanden als die Fähigkeit, in der praktischen Lebensführung geeignete Entscheidungen zu treffen, um seine Ziele zu erreichen. Verstandestugenden entstehen durch Belehrung und Erfahrung. Gut ist es, sie möglichst zu maximieren. Anders verhält es sich bei den Charaktertugenden:

Charaktertugenden erwirbt man durch Gewöhnung.

Bei Kunst und Handwerk ist es genauso. Denn was man erst lernen muss, bevor man es ausführen kann, das lernt man, indem man es ausführt: Baumeister wird man, indem man baut, und Kitharakünstler, indem man das Instrument spielt. So werden wir auch gerecht, indem wir gerecht handeln, besonnen, indem wir besonnen, und tapfer, indem wir tapfer handeln. […] Mit einem Wort: aus gleichen Einzelhandlungen erwächst schließlich die gefestigte Haltung. […] Ob wir gleich von Jugend auf in dieser oder jener Richtung uns formen – darauf kommt nicht wenig an, sondern viel, ja alles.

Charaktertugenden bedeuten Mäßigung.

Wir sehen es – um hier weniger Augenfälliges durch greifbare Tatsachen zu erklären – an der Kraft der Gesundheit. […] Übermaß an Speise und Trank richtet die Gesundheit ebenso zugrunde wie Unterernährung, während ein richtiges Maß sie erzeugt, steigert und erhält. Dasselbe ist nun der Fall bei der Besonnenheit, der Tapferkeit und den übrigen Wesensvorzügen. Wer vor allem davonläuft und sich fürchtet und nirgends ausharrt, wird ein Feigling. Wer überhaupt vor nichts Angst hat und auf alles losgeht, der wird ein sinnloser Draufgänger. Wer sich in jeden Genuss stürzt und sich nichts versagt, wird haltlos, wer jeden meidet wie die Spießer, wird stumpfsinnig. So wird denn [ein] besonnenes Wesen durch ein Zuviel und ein Zuwenig zerstört, dagegen bewahrt, wenn man der rechten Mitte folgt.

Charaktertugenden und die Klugheit arbeiten beim guten Handeln zusammen.

Die Charaktertugend der Klugheit ist es, die immer wieder darüber Auskunft gibt, ob wir tatsächlich eine gute Mitte zwischen den Extremen getroffen haben, was dann der Fall ist, wenn das Ergebnis des Handelns nützlich für uns selbst und die anderen war. In der konkreten Entscheidungssituation bestimmt sie die richtigen Mittel und Wege, um das von den ethischen Tugenden vorgegebene Ziel zu realisieren. Nur Klugheit und Charaktertugenden zusammen führen also zum guten Handeln.

Beispiele für ethische Tugenden als Mitte

Zuwenig

Mitte

Zuviel

Feigheit

Tapferkeit

Tollkühnheit

Geiz

Großzügigkeit

Verschwendung

Aristoteles, Nikomachische Ethik II.1f. Nach der Übersetzung von Franz Dirlmeier. Stuttgart: Reclam 1997, S. 34-37. Recht-schreibung normalisiert. Kürzungen, Zwischenüberschriften und kursive Begleittexte: Volker Haase.

Arbeitsanregungen:

  1. Arbeiten Sie die Merkmale von Verstandestugenden und Charaktertugenden in einer tabellarischen Gegenüberstellung heraus.
  2. Stellen Sie den Zusammenhang zwischen Verstandestugenden, Charaktertugenden und gutem Handeln grafisch in einem Schaubild dar. Ergänzen Sie ggf. weitere Begriffe.
  3. Zeigen Sie für Ehrlichkeit und Freundlichkeit auf, dass es sich um Charaktertugenden handelt, indem Sie jeweils ein Zuviel und Zuwenig angeben.

M8.4: Textgrundlage Gruppe C

Das System der Tugenden

Im zweiten Buch seiner Nikomachischen Ethik erläutert Aristoteles, was er unter Tugenden versteht und inwiefern diese zu einem glücklichen Leben und gerechten Handeln führen können. Dabei unterscheidet Aristoteles zwei verschiedene Arten der Tugend.

Es gibt Vorzüge des Verstandes (dianoëtische) und Vorzüge des Charakters (ethische). Die ersteren nun gewinnen Ursprung und Wachstum durch Lehre […], die letzteren sind das Ergebnis von Gewöhnung. […] Somit ist auch klar, dass keiner der Charaktervorzüge uns von Natur eingeboren ist. Denn kein Naturding lässt sich in seiner Art umgewöhnen. Es ist in der Natur des Steines zu fallen. Keine Gewöhnung wird ihn zum Steigen bringen, selbst wenn man ihn […] unzählige Male in die Höhe wirft. […] Also entstehen die sittlichen Vorzüge ins uns weder mit Naturzwang noch gegen die Natur, sondern es ist in unserer Natur, fähig zu sein, sie aufzunehmen, und dem vollkommenen Zustande nähern wir uns dann durch Gewöhnung.

[…] Bei Kunst und Handwerk ist es genauso. Denn was man erst lernen muss, bevor man es ausführen kann, das lernt man, indem man es ausführt: Baumeister wird man, indem man baut, und Kitharakünstler, indem man das Instrument spielt. So werden wir auch gerecht, indem wir gerecht handeln, besonnen, indem wir besonnen, und tapfer, indem wir tapfer handeln. […] Mit einem Wort: aus gleichen Einzelhandlungen erwächst schließlich die gefestigte Haltung. […] Ob wir gleich von Jugend auf in dieser oder jener Richtung uns formen – darauf kommt nicht wenig an, sondern viel, ja alles.

[…] Als erste Erkenntnis nun ist festzuhalten, dass alles was irgendwie einen Wert darstellt, seiner Natur nach durch ein Zuviel oder ein Zuwenig zerstört werden kann. Wir sehen es – um hier weniger Augenfälliges durch greifbare Tatsachen zu erklären – an der Kraft der Gesundheit. […] Übermaß an Speise und Trank richtet die Gesundheit ebenso zugrunde wie Unterernährung, während ein richtiges Maß sie erzeugt, steigert und erhält. Dasselbe ist nun der Fall bei der Besonnenheit, der Tapferkeit und den übrigen Wesensvorzügen. Wer vor allem davonläuft und sich fürchtet und nirgends ausharrt, wird ein Feigling. Wer überhaupt vor nichts Angst hat und auf alles losgeht, der wird ein sinnloser Draufgänger. Wer sich in jeden Genuss stürzt und sich nichts versagt, wird haltlos, wer jeden meidet wie die Spießer, wird stumpfsinnig. So wird denn [ein] besonnenes Wesen durch ein Zuviel und ein Zuwenig zerstört, dagegen bewahrt, wenn man der rechten Mitte folgt.

Bespiele für die Verstandestugenden sind für Aristoteles z.B. Weisheit und Klugheit. Die Klugheit ist aber auch für die ethischen Tugenden relevant. Sie ist es, die immer wieder darüber Auskunft gibt, ob wir tatsächlich eine gute Mitte zwischen den Extremen getroffen haben, was dann der Fall ist, wenn das Ergebnis des Handelns nützlich für uns selbst und die anderen war. In der Entscheidungssituation bestimmt sie zudem die richtigen Mittel und Wege, um das von den ethischen Tugenden vorgegebene Ziel zu realisieren. Nur Klugheit und Charaktertugenden zusammen führen also zum guten Handeln.

Aristoteles, Nikomachische Ethik I.1f. Nach der Übersetzung von Franz Dirlmeier. Stuttgart: Reclam 1997, S. 34-37. Rechtschreibung normalisiert. Kursive Begleittexte: Volker Haase.

Arbeitsanregungen:

  • Arbeiten Sie die Merkmale von Verstandestugenden und Charaktertugenden in einer tabellarischen Gegenüberstellung heraus.
  • Stellen Sie den Zusammenhang zwischen Verstandestugenden, Charaktertugenden und gutem Handeln grafisch in einem Schaubild dar. Ergänzen Sie ggf. weitere Begriffe.
  • Zeigen Sie für Ehrlichkeit und Freundlichkeit auf, dass es sich um Charaktertugenden handelt, indem Sie jeweils ein Zuviel und Zuwenig angeben.