Unterrichtsbeispiel, Klassenstufe 5, 6
Die beiden Aufgaben sollen veranschaulichen, wie gerade bei einem Thema, das sonst zumeist deduktiv und wenig herausfordernd unterrichtet wird, eine Aufgabe gestellt werden kann (Item 1.3), die kognitiv herausfordert.
1.1 Kontext der Unterrichtseinheit
Die Aufgaben sind einer Einheit zum Babylonischen Exil entnommen, welche die Entstehung der Bibel in den Kontext einer Erzählung einbindet, die ein Junge aus Jerusalem nach der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier erlebt.
Die gesamte Unterrichtseinheit findet sich hier: lehrerfortbildung-bw.de
Der historische Kontext, zentrale Begriffe wie „Exil“ sowie einige biblische Erzählungen und sonstige Texte (Texte bei Jeremia zur Eroberung Jerusalems und zum Exil, „Vätergeschichten“ von Sara und Abraham, Rebekka und Isaak, Jakob, Josef, Erzählungen von Mose, Ruth und Noomi, verschiedene Psalmen – besonders Psalm 137, Genesis 1 ...) wurden bereits behandelt.
1.2 Kontext der Unterrichtsstunde
Die Anbahnung läuft über die Frage: „Warum lesen Menschen Bücher?“, an die sich die Frage anschließt: „Warum lesen Menschen die Bibel?“ Damit nimmt sie die Lernenden als Subjekte ernst und lässt Spielraum für eigenständiges Denken. Die Anknüpfung an der Erfahrungswelt der SuS öffnet den Blick auf die historische Dimension.
Die Aufgaben (Auszug aus dem Unterrichtsverlauf)
Einstieg / Erarbeitung 1 (25-30´)
Aufgabe 1 (Unterrichtsgespräch):
Die Bibel besteht aus vielen Büchern - allein im AT sind es schon 39. Ganz viele dieser Bücher wurden zum ersten Mal während und nach dem Babylonischen Exil aufgeschrieben.
Könnt ihr euch vorstellen, warum gerade die Menschen im Exil begonnen hatten, alles aufzuschreiben?
SuS äußern erste Überlegungen (z.B. Sie haben schon viel verloren. Jetzt wollen sie die Geschichten bewahren).
Dazu hören wir nun die Fortsetzung von Aarons Geschichte.
Lehrervortrag: (Erzählung M1): Aaron freut sich
Überleitung: Gemeinsam überlegen Aaron und seine Enkel, was von ihrem Glauben unbedingt bewahrt werden muss. Sie stellen sich vor, dass sie eine Truhe mitnehmen, wenn sie zurück nach Jerusalem reisen dürfen.
Aufgabe 2:
Sammelt auf Papierstreifen, welche Geschichten und andere Texte Aaron und seine Enkel in die Truhe packen könnten. Was würdet ihr ihnen empfehlen?
- Ergebnissicherung: Die Truhe wird an die Tafel gezeichnet und mit den Papierstreifen gefüllt.
- Zusätzlich kann im fragend-entwickelnden Verfahren der Tafelanschrieb entstehen (M2). Er systematisiert die exemplarischen Inhalte der Truhe:
- Sammlung von Liedern und Gebeten, Sammlung von Regeln und Gesetzen, Sammlung von Vätergeschichten, Sammlung von Prophetenüberlieferungen
- Diese Struktur des biblischen Kanons kann nun im weiteren Unterrichtsverlauf mit dem Inhaltsverzeichnis der Bibel verglichen werden.
Tiefenstruktur
1.3 HERAUSFORDERNDE AUFGABEN UND FRAGEN:
Im Unterricht wird mit Fragen und Aufgaben gearbeitet, die die Schülerinnen und Schüler zur vertieften Auseinandersetzung mit den Inhalten herausfordern.
Der Inhalt der Bibel wird nicht einfach als gegeben hingenommen. Vielmehr werden die SuS kognitiv aktiviert, aus der Perspektive von Aaron die Intention für die Auswahl der zu bewahrenden Texte (von bekannten Erzählungen, bestimmter Textgattungen wie z.B. Lieder, Gesetze etc.) aktiv nachvollziehen. Das heißt, dass die SuS angeregt werden, „neue Konzepte oder Ideen zu generieren.“1 Damit geht die Aufgabe über reine Reproduktion gerade an einem Thema weit hinaus, das sonst sehr häufig rein deduktiv unterrichtet wird (siehe 1.5)
2 Eine Aufgabe zum gleichen Inhalt in nicht kognitiv aktivierender Form
- Nimm eine Bibel und schlage das Inhaltsverzeichnis auf.
- Die Bibel ist wie eine Bibliothek. Trage auf dem Arbeitsblatt zur Bibelbibliothek die fehlenden Bücher ein.
Abbildungen von solchen Bibelbibliotheken, bei denen man auf leere Buchrücken die biblischen Bücher einträgt, finden sich in vielen Schulbüchern und lassen sich auch im Internet über die Bildsuche finden (unter „Bibelbibliothek“). Eine solche Aufgabe ist deshalb nicht kognitiv aktivierend, weil sie eine reine Reproduktionsleistung einfordert, bei der die SuS nicht aufgefordert werden, eigene Lösungswege zu suchen. Das heißt aber nicht, dass die Aufgabe deshalb nicht schwierig wäre. Für einige SuS stellt die Übertragung sogar eine Überforderung dar. Es ist also nicht der Schwierigkeitsgrad, anhand dessen man kognitive Aktivierung erkennen kann, sondern die angestoßene gedankliche Eigenleistung, die in dem gegebenen Beispiel gering ist. Natürlich sind solche Aufgaben als Übung und Vertiefung dennoch legitim.
Hinweis: Im Downloadbereich gibt es eine visuell eingänglichere Ansicht des dargestellten Unterrichtsverlaufs
1 IBBW_Unterrichtsfeedbackbogen_Manual_Juni 2021.pdf S.10.
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