Item 1.3: Warum ist der Jeansstoff außen dunkel und innen hell?
An der folgenden Unterrichtssequenz wird das Item Herausfordernde Aufgaben und Fragen als Unterkategorie Kognitiver Aktivierung dargestellt und konkretisiert.
Basisdimension 1: Kognitive Aktivierung
Item 1.3 Herausfordernde Aufgaben und Fragen
Im Unterricht wird mit Fragen und Aufgaben gearbeitet, die die Schülerinnen und Schüler zur vertieften Auseinandersetzung mit den Inhalten herausfordern.
Eine empfehlenswerte Voraussetzung ist, dass die Schülerinnen und Schüler z.B. im Fach Kunst und Werken oder bereits in der Kita schon eigene Erfahrungen am Webrahmen und/oder mit Papierweben gesammelt haben.
Simone Burkhardt [CC BY SA DE4]
Die nachfolgende Lupenstelle ist Teil einer Einheit zur textilen Kette (Produktionsweg einer Jeans) in einer vierten Klasse. Im Folgenden wird ein möglicher Produktionsweg exemplarisch dargestellt. Ausgehend von einer eventuell bereits erarbeiteten Kartendarstellung zur globalen Reise einer Jeans zwischen den jeweiligen Produktionsschritten, setzen sich die Kinder handelnd mit der Entstehung des Jeansstoffs und dessen Webstruktur auseinander (Quelle: jeans.schaut.dev)
vom Serviceportal Verbraucherbildung A). Die exemplarische Herstellung einer Jeans beginnt zum Beispiel mit dem Baumwollanbau in Indien oder den USA. Aus dieser Baumwolle folgt die Garnherstellung in China und die Färbung desselben in Tunesien. Anschließend wird der Jeansstoff in der Türkei gewebt und in Bangladesch die Jeans zusammengenäht. Zuletzt wird die Ware in Europa veredelt und verkauft. In der dargestellten Unterrichtssequenz wird gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ein genauerer Blick auf das Webmuster eines Jeansstoffes gelegt.
Einstieg
Die Lehrkraft stellt in die Mitte des Sitzkreises einen Wäschekorb, in dem sich eine Jeanshose befindet. Diese wurde „verkehrt herum“ ausgezogen und somit die Innenseite der Hose teilweise oder ganz nach außen gedreht.
Mögliche Impulse der Lehrkraft: „Gut, dass man bei der Jeans sofort sieht, welche Seite nach außen gehört. Das sollte bei allen Kleidungsstücken so sein. Woran erkennt man das bei der Jeans so gut? Warum ist das so?“
Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich hierzu zu äußern. Die Lehrkraft notiert dazu die daraus folgende herausfordernde Frage an der Tafel: „Warum ist der Jeansstoff außen dunkel und innen hell?“ Die von der Lehrkraft gestellten Fragen und Aufgaben gehen über die reine Reproduktion von auswendig gelerntem Wissen oder der Anwendung von Prozeduren hinaus. Um die Kinder zum Nachdenken anzuregen, werden Vermutungen der Schülerinnen und Schüler zur Forschungsfrage schriftlich gesammelt und gegebenenfalls an der Tafel festgehalten. Unterschiedliche Meinungen und Lösungen werden einander gegenübergestellt. Erwartbar sind hier Äußerungen einzelner Schülerinnen und Schüler wie „Sie besteht aus einem Innenstoff und einem Außenstoff.“ oder „Sie ist unterschiedlich gefärbt, damit wir erkennen können, wie man die Jeans anziehen soll.“
(c) Yvette Weber und Carmen Schaut
Die Lehrkraft stellt den Impuls zur Überleitung in die Arbeitsphase: „Wie können wir das nun untersuchen?“
Erster Arbeitsauftrag/Praxisphase
Die Schülerinnen und Schüler untersuchen ein gewebtes Stück Jeansstoff in Partner/-innenarbeit. Hierzu wird der Arbeitsauftrag „Findet nun heraus, warum die Jeans außen dunkler und innen heller ist“ formuliert. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, eigene Entdeckungen und Erklärungen festzuhalten.
Jedes Tandem erhält einen Dokumentationsbogen, weiße Fragekärtchen sowie eine Materialbox mit folgendem Inhalt: Ein Stück dunkle Jeans (ca. 6 x 6 cm), eine Lupe, eine Pinzette, eine Stopfnadel, Prickelnadel oder dünne Häkelnadel und eventuell einen Vergleichsstoff (z.B. Baumwollstoff).
Carmen Schaut und Yvette Weber [CC BY SA DE4]
Während dieser Arbeitsphase wird der Jeansstoff von den Kindern als zweifarbig erkannt. Die Webstruktur beziehungsweise die freigelegten Fäden des Jeansstücks zeigen auf, dass der Stoff ausschließlich aus weißen und blauen Fäden gewebt und nicht innen und außen unterschiedlich gefärbt wurde. Es gibt keine Fäden, die ausschließlich auf der Außen- oder Innenseite zum Einsatz kommen. Die Kinder halten ihre Erkenntnisse und Ideen zeichnerisch und/oder schriftlich auf dem Dokumentationsbogen fest und notieren ihre offenen Fragen auf Kärtchen. Diese herausfordernde Aufgabe führt bei den Schülerinnen und Schülern dazu, dass sie über einen Sachverhalt vertieft nachdenken und auf einer handelnden Ebene zur Selbsterklärung angehalten werden. Die herausfordernde Aufgabenstellung zur Zweifarbigkeit führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler eigene Ideen zur Erklärung entwickeln und geht über eine Reproduktion von reinem auswendig gelerntem Wissen hinaus. Vielmehr geht es um das selbstständige Generieren von Lösungsansätzen mittels (natur-) wissenschaftlicher Erkenntnismethoden wie genaues Betrachten und Zeichnen.
Yvette Weber, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Austausch / Reflexion 1
Nach der Arbeitsphase findet ein Austausch im Plenum statt. Die Tandems präsentieren ihre Erkenntnisse und erläutern ihre Überlegungen zur Entstehung der Zweifarbigkeit von Jeansstoff beziehungsweise zur Webstruktur. Offene Fragen werden von der Lehrkraft gesammelt und strukturiert dokumentiert (zum Beispiel auf Kärtchen).
Durch das eigenständige Ausprobieren und Nachdenken über die Problemstellung werden die Schülerinnen und Schüler zu Selbsterklärungen angehalten.
Die Schülerinnen und Schüler übernehmen selbst die Rolle der Lehrkraft und stellen Fragen, die von der Lehrerin schriftlich festgehalten werden. Aufgabe der Lehrkraft ist es an dieser Stelle die Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, ihre neuen Entdeckungen und Erkenntnisse einzuordnen.
Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, aktuelle Erklärungen mit den ursprünglichen Ideen zu vergleichen und ihre neu gewonnenen Vorstellungen zu begründen. Möglicher Impuls der Lehrkraft: „Wie passt das zu den anfänglichen Vermutungen?“
Die ursprünglichen Vermutungen der Kinder werden nochmal aufgegriffen und gegebenenfalls durch Impulsfragen der Lehrkraft zur Webtechnik erweitert, z.B. „Schaut genau hin, wird der blaue Faden wirklich immer einmal über und einmal unter den weißen Fäden entlang geführt?“
Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Die Schülerinnen und Schüler verwenden bereitgelegte blaue und weiße Papierstreifen oder Seile zur Erklärung und Veranschaulichung ihrer vermuteten Webstruktur. Die genaue Webstruktur (3mal über, 1mal unter den Fäden entlang, dann wiederholen) wird gemeinsam geklärt und dabei mindestens zwei Reihen als Erkenntnis visualisiert.
Mögliche Ergebnisse: „Die Jeans besteht aus blauen und weißen Fäden. Der Webfaden ist dabei blau und die eingespannten Fäden sind weiß. Der blaue Faden wird dreimal über den weißen Faden und dann einmal unter dem weißen Faden entlang geführt. Dieses Muster wird wiederholt, bis die Reihe zu Ende ist. In jeder Reihe wird der Anfang um eine Position versetzt.“
Durch bewusstes Nachdenken, Versprachlichen und Reflektieren kommen die Schülerinnen und Schüler zu tieferen Verarbeitungsprozessen und damit stärkerer kognitiver Aktivität.
Zweiter Arbeitsauftrag
Die Schülerinnen und Schüler sollen das Webmuster in mehreren Reihen visualisieren. Dabei können sie dies zunächst am Material und/oder digital umsetzen und anschließend zeichnerisch festhalten.
Sie erhalten zum Einstieg folgenden Impuls der Lehrkraft:
„Schaut euch nun genau an, was sich von einer Reihe zur nächsten Reihe verändert. Haltet eure Erkenntnisse fest.“
Die Kinder nutzen erneut die Materialbox und Zusatzmaterial, blaue und weiße Papierstreifen oder ein Tablet mit QR-Code und einen Dokumentationsbogen mit kariertem Papier der Lineatur 7 zum Einzeichnen des Webmusters (Link zum QR - Code: jeans.schaut.dev).
Carmen Schaut und Elias Schaut [CC BY SA DE4]
Mögliche Dokumentationsergebnisse, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Die Schülerinnen und Schüler halten das diagonale, schräg verlaufende Muster zeichnerisch fest. Diese herausfordernde Lerngelegenheit regt die Lernenden zum genauen Untersuchen und Hinschauen sowie zum Nachdenken an. Es wird von den Kindern gefordert, dass diese sich eigenständig mit der Aufgabenstellung auseinandersetzen und Entdeckungen machen und sich somit vertieft mit dem Lerngegenstand auseinandersetzen.
Reflexion im Plenum 2
Nach der Arbeitsphase moderiert die Lehrkraft den gemeinsamen Reflexionsprozess. Hierbei wird der diagonale Verlauf des Webmusters besprochen. Bei der Herstellung des Jeansstoffs wird in jeder Reihe der Anfang des Webmusters (3mal oben, 1mal unten) um eine Position versetzt. Durch dieses Versetzen des Webmusters entsteht die typische Jeansstruktur (diagonal/schräg verlaufende Rippenstruktur/Rillen).
Ein weiterer Fokus im Reflexionsgespräch liegt darauf, die Webergebnisse auf den Webkarten und/oder den digitalen Aufgaben von der Vorder- und Rückseite zu betrachten, um die unterschiedliche Farbgebung zu erkennen.
Im Anschluss kann nun gemeinsam die Forschungsfrage beantwortet werden.
Die Schülerinnen und Schüler übernehmen selbst die Rolle der Lehrkraft und (…) fassen zusammen (vgl. reziprokes Lehren).
Ein beispielhafte Erklärung wäre: „Der Stoff besteht aus blauen und weißen Fäden. Diese sind nach dem Muster „3mal oben, dann 1mal unten“ verwebt. So ist außen mehr von den blauen Fäden und innen mehr von den weißen Fäden zu sehen.“
Ergebnissicherung: Die Kinder halten ihre gewonnenen Entdeckungen auf dem Dokumentationsbogen fest.
Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Möglicher Ausblick / Transfer in eine Folgestunde
Kognitive Verarbeitungsprozesse werden auch dadurch angeregt, dass die Erkenntnis im Folgenden auf die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler übertragen wird.
Impuls der Lehrkraft: „Warum könnte die Jeans genau dieses ungewöhnliche Webmuster haben? Ist an der Jeans irgendetwas besonders?“
Die Schülerinnen und Schüler dürfen an der Jeans im Wäschekorb ziehen, wodurch auf die Robustheit und Stabilität als Vorteil dieser Webart (Köperbindung) hingeführt wird. Die Webstruktur führt dazu, dass der Stoff trotzdem beweglich, angenehm und tragbar bleibt.
Die Entwicklung eines fachwissenschaftlichen Konzepts zum Zusammenhang von Form und Funktion wird angebahnt.
Als mögliche Vertiefung und zusätzliche Veranschaulichung dieses Sachverhalts könnte im Anschluss der Film „Sendung mit der Maus – Wie entsteht Jeans-Stoff“ in der WDR Mediathek in den Unterricht eingebunden werden (kinder.wdr.de).