Item 2.2: Warum ist der Jeansstoff außen dunkel und innen hell?
An der folgenden Unterrichtssequenz wird das Item Individuelle Unterstützung im Lernprozess als Unterkategorie Konstruktiver Unterstützung dargestellt und konkretisiert.Basisdimension 2: Konstruktive Unterstützung
Item 2.2: Individuelle Unterstützung im Lernprozess
Die Lehrkraft unterstützt die Schülerinnen und Schüler individuell in ihrem Lernprozess.
Grundidee
Simone Burkhardt [CC BY SA DE4]
Individuelle Hilfestellungen können durch die richtige Vorbereitung und Unterrichtsplanung mit Hilfe differenzierter Materialien und Scaffolding (vgl. Manual) erreicht werden und durch die Unterstützung in der Interaktion zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkraft in ko-konstruktiver Unterstützung während des Unterrichts (adaptiver Unterricht).
Eine empfehlenswerte Voraussetzung ist, dass die Schülerinnen und Schüler z.B. im Fach Kunst und Werken oder bereits in der Kita schon eigene Erfahrungen am Webrahmen und/oder mit Papierweben gesammelt haben.
Die nachfolgende Lupenstelle ist Teil einer Einheit zur textilen Kette (Produktionsweg einer Jeans) in einer vierten Klasse. Im Folgenden wird ein möglicher Produktionsweg exemplarisch dargestellt.
Ausgehend von einer eventuell bereits erarbeiteten Kartendarstellung zur globalen Reise einer Jeans zwischen den jeweiligen Produktionsschritten, setzen sich die Kinder handelnd mit der Entstehung des Jeansstoffs und dessen Webstruktur auseinander (Quelle: jeans.schaut.dev)
vom Serviceportal Verbraucherbildung). Die exemplarische Herstellung einer Jeans beginnt zum Beispiel mit dem Baumwollanbau in Indien oder den USA. Aus dieser Baumwolle folgt die Garnherstellung in China und die Färbung desselben in Tunesien. Anschließend wird der Jeansstoff in der Türkei gewebt und in Bangladesch die Jeans zusammengenäht. Zuletzt wird die Ware in Europa veredelt und verkauft. In der dargestellten Unterrichtssequenz wird gemeinsam mit den Kindern ein genauerer Blick auf das Webmuster eines Jeansstoffes gelegt.
Einstieg
Die Lehrkraft stellt in die Mitte des Sitzkreises einen Wäschekorb, in dem sich eine Jeanshose befindet. Diese wurde „verkehrt herum“ ausgezogen und somit die Innenseite der Hose teilweise oder ganz nach außen gedreht.
Mögliche Impulse der Lehrkraft: „Gut, dass man bei Jeans sofort sieht, welche Seite nach außen gehört. Das sollte bei allen Kleidungsstücken so sein. Woran erkennt man das bei der Jeans so gut? Warum ist das so?“
Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich hierzu zu äußern. Die Lehrkraft notiert dazu die daraus folgende herausfordernde Frage an der Tafel: „Warum ist der Jeansstoff außen dunkel und innen hell?“ Um die Kinder zum Nachdenken anzuregen, werden Vermutungen der Schülerinnen und Schüler zur Forschungsfrage schriftlich gesammelt und gegebenenfalls an der Tafel festgehalten. Die Lehrkraft gibt den Schülerinnen und Schülern genug Zeit, um überlegt auf Fragen antworten zu können. Unterschiedliche Meinungen und Lösungen werden einander gegenübergestellt. Erwartbar sind hier Äußerungen einzelner Schülerinnen und Schüler wie „Sie besteht aus einem Innenstoff und einem Außenstoff.“ oder „Sie ist unterschiedlich gefärbt, damit wir erkennen können, wie man die Jeans anziehen soll.“
(c) Yvette Weber und Carmen Schaut
Zur Differenzierung bietet die Lehrkraft hierbei Hilfen bei sprachlichen Barrieren an. Begrifflichkeiten wie „Jeans“, „heller“, „dunkler“ werden mit den Kindern geklärt und eventuell am Beispiel gezeigt. Zudem kann im Rahmen des sprachsensiblen Sachunterrichtes ein Wortspeicher für die Erklärungsversuche mit Wörtern wie der Faden/die Fäden, weiß, blau, dunkelblau, hellblau, heller, dunkler, die Farbe/die Farben, der Stoff/die Stoffe, innen, außen, weben … für einzelne Kinder hilfreich sein.
Simone Burkhardt, Carmen Schaut
Die Lehrkraft nimmt sich bei Verständnisproblemen, vor allem bezogen auf die Aufgabenstellung, gezielt Zeit für einzelne Schülerinnen und Schüler. Fragestellungen an einzelne Kinder, wie zum Beispiel „Habe ich dich richtig verstanden – du denkst, dass …?“ bieten die Möglichkeit, die Schülerinnen und Schüler sprachlich bei ihren Formulierungen zu unterstützen.
Die Lehrkraft stellt den Impuls zur Überleitung in die Arbeitsphase: „Wie können wir das nun untersuchen?“
Erster Arbeitsauftrag/Praxisphase
Die Schülerinnen und Schüler untersuchen ein gewebtes Stück Jeansstoff in Partner/-innenarbeit. Hierzu wird der Arbeitsauftrag „Findet nun heraus, warum die Jeans außen dunkler und innen heller ist“ formuliert. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, eigene Entdeckungen und Erklärungen festzuhalten.
Als Differenzierung kann hier zusätzlich folgender mündliche Impuls gegeben werden: „Schaut die gewebten Fäden des Jeansstücks genau an. Findet daran heraus, wie die jeweilige Farbe innen und außen entsteht.“ Nach Rückfragen erklärt die Lehrkraft klar und verständlich. Jedes Tandem erhält einen Dokumentationsbogen, weiße Fragekärtchen sowie eine Materialbox mit folgendem Inhalt: Ein Stück dunkle Jeans (ca. 6 x 6 cm), eine Lupe, eine Pinzette, eine Stopfnadel, Prickelnadel oder dünne Häkelnadel und eventuell einen Vergleichsstoff (z.B. Baumwollstoff). Zur individuellen Unterstützung kann das Material mit entsprechenden Hilfsmitteln wie Handmikroskopen oder stark vergrößerten Fotos ergänzt werden.
Carmen Schaut und Yvette Weber [CC BY SA DE4]
Schülerinnen und Schüler erhalten Materialien zum Untersuchen des Jeansstoffs. CC-BY Carmen Schaut, Yvette Weber
Während dieser Arbeitsphase wird der Jeansstoff von den Kindern als zweifarbig erkannt. Die Webstruktur beziehungsweise die freigelegten Fäden des Jeansstücks zeigen auf, dass der Stoff ausschließlich aus weißen und blauen Fäden gewebt und nicht innen und außen unterschiedlich gefärbt wurde. Es gibt keine Fäden, die ausschließlich auf der Außen- oder Innenseite zum Einsatz kommen. Die Kinder halten ihre Erkenntnisse und Ideen zeichnerisch und/oder schriftlich auf dem Dokumentationsbogen fest und notieren ihre offenen Fragen auf Kärtchen. Das Format der Aufgabe bietet unterschiedliche Auseinandersetzungsmöglichkeiten, die Erkenntnisgewinne auf unterschiedlichen Niveaustufen ermöglichen. Die Lehrkraft ermöglicht eine Differenzierung des Anspruchsniveaus (...) sowie der Inhalte.
Yvette Weber, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Während einige Kinder erkennen, dass es sich um zwei verschiedenfarbige Fäden handelt, setzen sich andere mit der Webstruktur auseinander. Bereits während der Arbeitsphase werden unterstützende Maßnahmen und Hilfestellungen der Lehrkraft individuell an den Lernstand der Schüler/-innen angepasst. Je nach Bedarf können Hinweise, wie zum Beispiel „Achte genau darauf, welche Farben die Fäden haben.“, „Kannst du den Weg des Fadens genau verfolgen?“ oder „Wo findest du weiße Fäden?“, gegeben werden. Auch in Bezug auf die Versprachlichung der gewonnenen Erkenntnisse oder der Beschreibung der individuellen Vorgehensweisen kann von einer größeren Heterogenität ausgegangen werden, mit der in der jeweiligen Klasse umzugehen ist.
Austausch / Reflexion 1
Nach der Arbeitsphase findet ein Austausch im Plenum statt. Die Tandems präsentieren ihre Erkenntnisse und erläutern ihre Überlegungen zur Entstehung der Zweifarbigkeit von Jeansstoff beziehungsweise zur Webstruktur. Offene Fragen werden von der Lehrkraft gesammelt und gegebenenfalls bereits strukturiert dokumentiert (z.B. auf Kärtchen).
Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, aktuelle Erklärungen mit den ursprünglichen Ideen zu vergleichen und ihre neu gewonnenen Vorstellungen zu begründen. Möglicher Impuls der Lehrkraft: „Wie passt das zu den anfänglichen Vermutungen?“
Hierbei ist es relevant, dass die Lehrkraft den Schülerinnen und Schülern genug Zeit gibt, um nachzudenken und überlegt auf gestellte Fragen antworten zu können. Einige Kinder benötigen mehr Zeit oder eine kurze Absprache mit ihren Gruppenmitgliedern. Zudem profitieren die Schülerinnen und Schüler davon, wenn die Lehrkraft visuelle Unterstützung, Hilfen bei sprachlichen Barrieren und/oder andere unterstützende Maßnahmen anbietet.
Hilfreiche Wortkarte zum Thema Jeans 2., Simone Burkhardt, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Die ursprünglichen Vermutungen der Schülerinnen und Schüler werden nochmal aufgegriffen und gegebenenfalls durch Impulsfragen der Lehrkraft zur Webtechnik erweitert, z.B. „Schaut genau hin, wird der blaue Faden wirklich immer einmal über und einmal unter den weißen Fäden entlang geführt?“
Die Kinder haben die Möglichkeit, anhand ihres Jeansstoffes und den zerlegten Fäden am Material direkt ihre Erkenntnisse zu visualisieren. Gleichzeitig bieten ihnen Satzanfänge wie „Die Jeans ist außen dunkler, weil…“ ein sprachliches Gerüst. Der Lehrkraft kommt in dieser Unterrichtsphase eine besondere Aufgabe zu. Sie erarbeitet mit den Kindern eine klare, verständlichen Erklärung. Dabei geht sie insbesondere auf die Rückfragen der Schülerinnen und Schüler ein. Hilfreich ist hierbei die Unterstützung durch die Veranschaulichung mit dem Material.
Schülerinnen und Schüler veranschaulichen gemeinsam die Webstruktur im Plenum, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Die Kinder sollen bereitgelegte blaue und weiße Papierstreifen oder Seile zur Erklärung und Veranschaulichung ihrer vermuteten Webstruktur verwenden. Die genaue Webstruktur (3mal über, 1mal unter den Fäden entlang, dann wiederholt) wird gemeinsam geklärt und dabei mindestens zwei Reihen als Erkenntnis visualisiert.
Ausgehend von den Erklärungen der Schülerinnen und Schüler unterstützt die Lehrkraft beim Zusammenfassen der gewonnenen Erkenntnisse.
Mögliche Ergebnisse: „Die Jeans besteht aus blauen und weißen Fäden. Der Webfaden ist dabei blau und die eingespannten Fäden sind weiß. Der blaue Faden wird stets dreimal über den weißen Faden und dann einmal unter dem weißen Faden entlanggeführt. Diese Reihenfolge wird wiederholt bis die Reihe zu Ende ist.“
Die Lehrkraft nimmt sich bei Verständnisproblemen nochmal gezielt Zeit für einzelne Schülerinnen und Schüler. Eine individuelle Unterstützung und zusätzliche Erklärung am Material ist vor allem auch während der folgenden Arbeitsphase möglich. Sofern schnelle Kinder bereits mit den Aufgaben des zweiten Arbeitsauftrags beschäftigt sind, kann die Lehrkraft einzelne Kinder nochmal gezielt herausfordern, ihre Erkenntnisse zum Webmuster zu kommunizieren. Bereit-gestellte Formulierungshilfen können Schülerinnen und Schüler hierbei unterstützen.
Wortkarte zum Thema Jeans 3, Simone Burkhardt und Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Zweiter Arbeitsauftrag
Die Schüler/-innen sollen das Webmuster in mehreren Reihen visualisieren. Dabei können sie dies zunächst am Material und/oder digital umsetzen und anschließend zeichnerisch festhalten. Sie erhalten zum Einstieg folgenden Impuls der Lehrkraft: „Schaut euch nun genau an, was sich von einer Reihe zur nächsten Reihe verändert. Haltet eure Erkenntnisse fest!“ Die Schüler/-innen nutzen erneut die Materialbox und Zusatzmaterial, blaue und weiße Papierstreifen oder ein Tablet mit QR-Code und einen Dokumentationsbogen mit kariertem Papier der Lineatur 7 zum Einzeichnen des Webmusters. Link zum QR - Code: jeans.schaut.dev
Schülerinnen und Schüler weben das Muster einer Jeans mit Papierstreifen, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Schülerinnen und Schüler nutzen den QR-Code und klicken das Webmuster digital an, Carmen Schaut, Elias Schaut [CC BY SA DE4]
Schülerinnen und Schüler zeichnen das Webmuster einer Jeans in karierte Kästchen auf Ihrem Dokumentationsbogen, Yvette Weber [CC BY SA DE4]
Die Schüler/-innen halten das diagonale, schräg verlaufende Muster zeichnerisch fest. Die Lehrkraft nimmt sich bei Verständnisproblemen individuell Zeit für einzelne Schülerinnen und Schüler. Sie gibt Hilfestellungen und Tipps bezogen auf Webstruktur und Fadenverlauf. Auch Hilfsbilder entlasten die Lehrkraft, die so Zeit gewinnt, um einzelne Kinder intensiv zu unterstützen. Unterschiedliche Darstellungsformen (mit Seilen weben, am Papier, zeichnen, digital ausfüllen,…) können genutzt werden und zum Verständnis beitragen.
Die Gruppen arbeiten auf ihrem Niveau und in ihrem Lerntempo und können sich frei für eine oder mehrere Dokumentationsformen entscheiden. Ziel ist es, dass weder eine Unter- noch Überforderung entsteht. Unterstützende Maßnahmen und Hilfestellungen der Lehrkraft sind somit individuell an den Lernstand der Schülerinnen und Schüler angepasst.
Reflexion im Plenum 2
Nach der Arbeitsphase moderiert die Lehrkraft den gemeinsamen Reflexionsprozess. Hierbei wird der diagonale Verlauf des Webmusters besprochen. Bei der Herstellung des Jeansstoffs wird in jeder Reihe der Anfang des Webmusters (3mal oben, 1mal unten) um eine Position versetzt. Durch dieses Versetzen des Webmusters entsteht die typische Jeansstruktur (diagonal/schräg verlaufende Rippenstruktur/Rillen).
Ein weiterer Fokus im Reflexionsgespräch liegt darauf, die Webergebnisse auf den Webkarten und/oder den digitalen Aufgaben von der Vorder- und Rückseite zu betrachten, um die unterschiedliche Farbgebung zu erkennen.
Schülerinnen und Schüler halten ihre gewonnene Entdeckung auf dem Dokumentationsbogen fest, Carmen Schaut [CC BY SA DE4]
Im Anschluss kann nun gemeinsam die Forschungsfrage beantwortet werden. Ein beispielhafte Erklärung wäre zum Beispiel: „Der Stoff besteht aus blauen und weißen Fäden. Diese sind nach dem Muster „3mal oben, dann 1mal unten“ verwebt. So ist außen mehr von den blauen Fäden und innen mehr von den weißen Fäden zu sehen.“
Durch die Veranschaulichung anhand der Papierstreifen und des Karomusters können die Kinder bei Bedarf das Material zur Unterstützung ihrer Erklärungen verwenden. Durch die freigestellte Dokumentationsform gibt es Kinder, die bereits zusätzlich Erkenntnisse in Form von Sätzen oder bildlichen Darstellungen fixiert haben. Diese dienen neben der klaren und verständlichen Erklärung der Lehrkraft dazu, dass alle Kinder dem Inhalt folgen können.
Ergebnissicherung: Die Kinder halten ihre gewonnenen Entdeckungen auf dem Dokumentationsbogen fest.
Möglicher Ausblick / Transfer in eine Folgestunde
Kognitive Verarbeitungsprozesse werden auch dadurch angeregt, dass die Erkenntnis im Folgenden auf die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler übertragen wird.
Impuls der Lehrkraft: „Warum könnte die Jeans genau dieses ungewöhnliche Webmuster haben? Ist an der Jeans irgendetwas besonders?“
Die Schülerinnen und Schüler dürfen an der Jeans im Wäschekorb ziehen, wodurch auf die Robustheit und Stabilität als Vorteil dieser Webart (Köperbindung) hingeführt wird. Die Webstruktur führt dazu, dass der Stoff trotzdem beweglich, angenehm und tragbar bleibt.
Als mögliche Vertiefung und zusätzliche Veranschaulichung dieses Sachverhalts könnte im Anschluss der Film „Sendung mit der Maus – Wie entsteht Jeans-Stoff“ in der WDR Mediathek in den Unterricht eingebunden werden (kinder.wdr.de ).