Inhaltliche und didaktische Vorüberlegungen
Die vorliegende vier Doppelstunden umfassende Reihe ist für den Unterricht in einem Philosophiekurs der gymnasialen Oberstufe konzipiert. Die Lernsettings beziehen sich auf die inhaltsbezogene Kompetenz 3.1.3 Kulturphilosophie und Kulturanthropologie und fokussieren auf das Selbstverständnis des Menschen vor dem Hintergrund einer sich rasant entwickelnden künstlichen Intelligenz. Dabei steht die Frage nach der Interdependenz von KI und Menschsein im Hinblick auf die Kunst als Ausdrucksform menschlicher Kreativität im Zentrum des Vorhabens. Wie verändern neue Möglichkeiten der Nutzung künstlich intelligenter Systeme die kulturelle Praxis des Kunst Erschaffens, Betrachtens, Konsumieren und Analysierens?
Zunächst findet eine – wie im Bildungsplan 2016 geforderte – Analyse und Prüfung künstlicher Intelligenz statt, um das Spezifikum des maschinellen Computerdenkens mit den Lernenden herauszuarbeiten. Dabei werden Texte von Manuela Lenzen, Joseph Weizenbaum, Byung-Chul Han, James Bridle und Cathy O‘Neil erarbeitet, um die Merkmale künstlicher Intelligenz fassbar zu machen und deren Potentiale sowie Limitationen zu verdeutlichen. Anschließend wird die Kunst als vermeintliche Domäne und spezifisch menschliche Ausdrucksform mithilfe der Arbeiten von Catrin Misselhorn analysiert. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob und inwiefern Maschinen kreativ sein können und damit in der Lage sind, Kunst zu erschaffen. Diese Debatte leitet zur dritten Doppelstunde über, in welcher die Arbeiten Walter Benjamins zur technischen Reproduzierbarkeit eines Kunstwerks analysiert werden. Da die Potentiale von KI im Bereich der künstlerischen Kreativität zunehmend Anwendung finden, drängt sich die Frage nach der technischen Produzierbarkeit eines Kunstwerks auf: Kann KI-Kunst Kunst sein? Benjamins Grundlagentext zur Kunstphilosophie aus dem Jahre 1935 steht bezüglich dieser Frage im Vordergrund des Unterrichtssettings, welches in der vierten Doppelstunde seinen Abschluss in und mit der Frage nach der Kooperation von KI und Mensch im Bereich des Kunstschaffens findet. Ist die Kunst ein Paradebeispiel für die Interdependenz von KI und Mensch oder zeigt sich gerade anhand von kreativen Erzeugnissen die Unvereinbarkeit von Mensch und Maschine? Wird die Kunst zum Lackmustest menschlicher Kultur und Einzigartigkeit oder muss sich unsere Spezies im Angesicht der künstlichen Intelligenz einer vierten Kränkung der Menschheit preisgeben?