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Sibylle Berg: Erwartungshorizone

Sibylle Bergs Kurzgeschichte wurde in der ZEIT online unter der Gesellschaftsrubrik „Dating“ mit folgendem Untertitel abgedruckt: „Dating – der neue Zeitvertreib kam über uns wie die Informationsflut des Web.“ Tatsächlich eröffnen journalistisch geprägte Titel und Untertitel bereits einen Kontext der digitalen Anonymität, welchen Berg in ihrer Kurzgeschichte lange zu verbergen versteht. Die äußere Handlung ist schnell erzählt: Eine Frau sehnt ein „Date“ mit jemanden herbei, den sie noch gar nicht kennt, für den sie aber bereit ist, ihr gesamtes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Schwerpunkt der Handlung bleibt die Vorfreude der Protagonistin auf das „Date“, deren etwaiges Scheitern von ihr in keiner Weise in Erwägung gezogen wird. Das eigentliche Treffen im Restaurant am Ende der Kurzgeschichte bleibt vom Umfang her knapp gestaltet, ist in seiner Wirkung aber fundamental: Der Ersehnte kommt nicht, und die Protagonistin kehrt mit maximaler Traurigkeit in die Einsamkeit der Nacht zurück.

Die Protagonistin bleibt namenlos, damit selbst anonym. Charakteristisch sind starke Kontraste für diese weibliche Figur: Altes und neues Leben werden auf antithetische Weise gegeneinandergestellt. Das „Alte“ bleibt verbunden mit Einsamkeit, Traurigkeit, Dunkelheit, Fremdheit. Ihr bisheriges Alleinsein wird von der Progatonistin als unerträglich empfunden. Demgegenüber malt sich die Protagonistin ihr neues Leben mit Partner hell und farbig aus. Leitmotiv bleibt die Musik, welche die Aufbruchsstimmung der Protagonistin beim Warten auf das ersehnte Treffen mit dem unbekannten Partner untermalt: Es handelt sich dabei um kraftvolle, schnelle Technomusik, zu der „Sie“ tanzt. Konträr dazu wird das alte, zu überwindende Leben mit einem muffigen Badetuch verglichen. Es überrascht nicht, dass die Protagonistin sich auch rein äußerlich für den Unbekannten im Restaurant schön anzieht, mit einem Kleid, das ebenfalls pars pro toto für das gesamte neue, aufregende Leben steht. Eine Charakterisierung kann insgesamt nur gelingen, wenn Schülerinnen und Schüler auch das personale Erzählverhalten erkennen und die Protagonistin darüber hinterfragen. So lässt sich das große Maß an Naivität dechiffrieren, welches der Protagonistin eigen ist.

Anfang und Ende der Kurzgeschichte bleiben antithetisch aufeinander bezogen. Die Wunschwelt zu Beginn wird allein schon über die Lichtmetaphorik wiederholt als „hell“, ja dadurch „neu“ beschreiben. Wenn die Protagonistin am Ende das Restaurant einsam verlässt, ist es „Nacht“. Der

Schrei einer Amsel zeigt existentielle Verlorenheit, und steht symbolisch für den inneren Schrei der Protagonistin. Das wiederum verweist auf das ausgelassene Tanzen der Protagonistin zu Beginn der Kurzgeschichte. Die kalte und dunkle, dazu jenseits des Amselschreis auch tonlose, gerade dadurch brutale Wirklichkeit des Endes hat sämtliche positiven Aspekte der anfänglichen Wunschwelt quasi zu Nichte gemacht.