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Deutsch - Gymnasium

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Die Drei Basisdimensionen von Unterrichtsqualität spielen auf der Ebene der Tiefenstrukturen eine zentrale Rolle

Zum Kern der Kurzgeschichte vordringen

Kurzgeschichten erfreuen sich innerhalb der Didaktik großer Beliebtheit. Häufig beginnen Lehrerinnen und Lehrer mit dieser Textgattung, insofern die Textmenge gut auf eine Doppelstunde passt, und die Vielfalt unterschiedlicher Kurzgeschichten für eine relative Breite innerhalb dieser ersten Unterrichtseinheit sorgt. Allerdings sind Kurzgeschichten für Schülerinnen und Schüler herausfordernd. Die Interpretationsaufgabe im Abitur gehört häufig zu den besonders schlecht bewerteten; und auch die erste Klassenarbeit nach einer Unterrichtseinheit zu Kurzgeschichten sorgt bei vielen Schülerinnen und Schülern für Enttäuschung. Das hängt damit zusammen, dass verknappte Texte (zu denen neben lyrischen Texten auch kürzere Prosatexte gehören) auf der hermeneutischen Ebene häufig schwer zu verstehen sind. Insofern bedarf es der Hilfestellungen von Seiten der Lehrkraft, um das Textverständnis für Schülerinnen und Schülern zu fördern.

Wendet man den Begriff der Tiefenstrukturen (bzgl. kognitive Aktivierung) auf das Unterrichtsthema Kurzgeschichten an, dann geht es bezüglich zu stellender Aufgaben darum, zum Kern der Kurzgeschichte vorzudringen. Das wird in den folgenden, beiden Unterrichtsentwürfen auf zwei ganz unterschiedlichen Wegen versucht.

Sibylle Berg: Liebe im Zeitalter des Internets

Die vorgestellte erste Unterrichtssequenz zu Sibylle Bergs Kurzgeschichte „Liebe im Zeitalter des Internets“ ist induktiv aufgebaut. In Anlehnung an Harald Frommers Konzept des „verzögerten Lesens“ erhalten Schülerinnen und Schüler zunächst nur zwei Drittel der Kurzgeschichte, deren Ende ausgespart bleibt. Diese angewandte Methode zielt exakt auf den zentralen Kontrast, der innerhalb der Kurzgeschichte gegeben ist: Berg kontrastiert in „Liebe im Zeitalter des Internets“ die hochfliegenden Hoffnungen ihrer Protagonistin mit der brutalen Enttäuschung, als sich diese Hoffnungen am Ende der Kurzgeschichte als völlig unrealistisch entpuppen. Auch dass in den Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler der Titel der Kurzprosa nicht genannt wird, sorgt dafür, dass Schülerinnen und Schüler auf den Ort einer von der Progatonistin ersehnten Liebe aufmerksam werden – eben das Internet. Frommers Methoden des verzögerten Lesens lenken den Blick der Schülerinnen und Schüler auf den zenralen Kern der Kurzgeschichte, nämlich die vorherrschende Anonymität im Netz, welche einer gelingenden Beziehung im Wege steht.

Walter Helmut Fritz: Augenblicke

Ganz anders ist die zweite Unterrichtssequenz zu Walter Helmut Fritz‘ Kurzgeschichte „Augenblicke“ aufgebaut. Hier dominiert ein deduktiver Weg, der aber ebenfalls – wie bei Bergs „Liebe im Zeitalter des Internets“ – dabei hilft, Schülerinnen und Schüler auf direktem Wege mit dem Kern der Kurzgeschichte vertraut zu machen. Diese Unterrichtssequenz folgt dem Interpretationsbegriff von Jan Philipp Reemtsma1, den er in seinem Buch „Was heißt: einen literarischen Text interpretieren?“ im Jahre 2016 vorgestellt hat. Reemtsma wertet in Anlehnung an Emil Staiger die emotionale Seite jeglicher Interpretation auf. Reemtsma formuliert:
„Wer über einen literarischen Text redet […], der tischt auf. Er beginnt bei einer Emotion. Dabei bleibt er nicht. […] Der Mitteilung der Emotion muss die Begründung folgen, warum es keine

Zeitverschwendung ist, für eine Weile zuzuhören. Das verlangt –aus Gründen kommunikativen Anstands – geordnete Rede, Aufklärung über die Bedeutsamkeit, über die nun gesprochen wird.“2

Reemtsma koppelt also die emotionale Erstbegegnung an sein Konzept des Interpretierens, welches im Kern das Aufspüren des Auffälligen und Bedeutsamen ist.3 Viel zu häufig lenken wir unsere Schülerinnen und Schüler von diesem Auffälligen insofern ab, als wir sie lange Einleitungen und noch längere inhaltliche Zusammenfassungen des zu interpretierenden Textes schreiben lassen. Hier setzt die zweite Unterrichtssequenz insofern an, als Schülerinnen und Schüler nach der Einstiegsfrage zu ihrer emotionalen Reaktion auf die Kurzgeschichte sofort gebeten werden, Auffälliges an dieser Kurzgeschichte zu notieren und in einem letzten Schritt dann auch zu deuten. Dieser Dreischritt aus Emotion, Entdecken und schließlich Deuten von Auffälligkeiten entspricht dem, was Reemtsma über den Beginn jeglicher Interpretation sagt. Er erleichtert es Schülerinnen und Schüler zudem sich zu äußern, weil die Beurteilung ihrer Interpretationsbemühungen jenseits des Paradigmas von richtig und falsch liegt: Ausgangspunkt sind ja individuelle Textbegegnungen, und die sind primär nicht kritisierbar.

Die beiden im Folgenden vorgestellten Unterrichtssequenzen können in den Klassenstufen 9 und 10 zum Einsatz kommen. Jede Sequenz bietet die zu behandelnde Kurzgeschichte, die für dieses Projekt zentralen Fragestellungen für die Schülerinnen und Schüler, zudem auch originales Schülermaterial. Bei beiden Kurzgeschichten haben wir zudem eine fachliche Deutung der Kurzgeschichte mit abgedruckt, um den induktiven Zugang der Unterrichtssequenz zu verdeutlichen. Auch diese Unterrichtssequenz lehnt sich an Reemtsmas Interpretationsbegriff an, insofern zwei Dinge für die emotionale Verankerung der Kurzgeschichte sorgen: Da ist zum einen die Überraschung der Schülerinnen und Schüler bezüglich des tatsächlichen Endes, und da ist zum anderen die Vertiefungsaufgabe, eine eigene Techno-Musik auszusuchen, welche zum ersten Teil der Kurzgeschichte passt. Während der Bereich der Emotion bei Fritz‘ „Augenblicke“ von Anfang an ins Zentrum des Unterrichts gerückt wird, ist er bei Bergs „Liebe im Zeitalter des Internets“ implizit.

Literaturverzeichnis

  1. Jan Philipp Reemtsma, Was heißt: einen literarischen Text interpretieren? München: Beck-Verlag, 2016.↩︎

  2. Ebd., S. 48.↩︎

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