Walter Helmut Fritz: Augenblicke, Erwartungshorizonte
Walter Helmut Fritz gestaltet in seiner Kurzprosa „Augenblicke“ zwei ganz unterschiedliche Situationen: Einmal die folgenreiche Begegnung zwischen Mutter und Tochter im häuslichen Badezimmer, dann die Flucht der Tochter in die anonyme Großstadt. Ganz am Ende, „kurz vor Mitternacht“, kehrt Elsa in die häusliche Wohnung zurück und ist verzweifelt.
Der erste Teil der Kurzgeschichte ist in einer Mischung aus personalem und neutralem Erzählverhalten verfasst. Der Leser, die Leserin bekommt das Ressentiment der Tochter mit, weil die Mutter unter einem Vorwand das Badezimmer betritt, in dem die Tochter sich für ihren Ausgang in die Stadt zurechtmacht. Die wenigen Augenblicke im Bad – titelgebend – stehen für eine Kommunikation voller Missverständnisse: Während die Mutter die „Verzweiflung“ ihrer Tochter noch nicht einmal wahrnimmt, und ersichtlich um Kontakt bemüht ist, darum, aus ihrem Zustand der Einsamkeit wenigstens punktuell herauszukommen – reagiert die Tochter mit Aggression und Flucht. Sie verlässt das Badezimmer, nimmt damit ihrer Mutter die Gelegenheit zum Sprechen, und flieht im Anschluss daran auch aus ihrer Wohnung. Der personale Erzähler bleibt nahe an der Tochter, und auch die Schilderungen der Gesprächspassagen im neutralen Erzählverhalten lassen wenig Rückschlüsse auf die Mutter zu. Schüler:innen der Gegenwart lesen aber aus diesem ersten Teil der Kurzgeschichte durchaus auch ein Fehlverhalten der Tochter heraus, welche (so Originalzitate aus dem Unterricht) inadäquat auf das Leiden ihrer Mutter sowie deren Einsamkeit reagiere.
Im zweiten Teil der Kurzgeschichte verlässt der Erzähler punktuell die rein personale Perspektive und fügt im auktorialen Stil durchaus distanzierende Bemerkungen hinsichtlich der Tochter Elsa ein. Erkennbar wird die Planlosigkeit der Tochter. Sie hat es versäumt, die Adresse der Wohnungsvermittlung mitzunehmen. Deutlich wird zudem, wie sehr sich Elsa in der Stadt treiben lässt, ohne erkennbares Ziel. Ihr Wunsch, sich eine eigene Wohnung zu nehmen, ist mit ihrem Verhalten kaum in Einklang zu bringen. Auf der symbolischen Ebene lässt sich der Vorweihnachtstag als Zeit für die Familie lesen, welche die Tochter Elsa bewusst unterläuft. Sie verbringt ja gerade keine Zeit mit ihrer Mutter, sondern will erst dann nach Hause zurückkommen, wenn diese schläft („Sie würde erst spät zurückkehren“). Sehr spät erfährt die Leserin, der Leser den Grund für die relativ distanzlosen Annäherungsversuche der Mutter an ihre Tochter: den Tod des Vaters („Ihre Mutter lebte seit dem Tod ihres Mannes allein.“). Es wird deutlich, dass die Tochter um dieses Leiden der Mutter zwar weiß, aber trotzdem kein Verständnis für die Kontaktbemühungen der Mutter im Badezimmer aufbringen kann.
Der Schluss der Kurzgeschichte ist auf der Symbolebene sehr ambivalent zu lesen. Einerseits verweist die Erzählfigur auf die „Zuneigung“, welche Elsa zu den wildfremden Menschen der Stadt empfinde, andererseits wird im letzten Satz zum ersten Mal die absolute Verzweiflung der Tochter gestaltet: „Sie kauerte sich in ihren Sessel, und sie hätte unartikuliert schreien mögen, in die Nacht mit ihrer entsetzlichen Gelassenheit.“ Diese Ambivalenz zwischen städtischem Freiheitsgefühl und der Enge der elterlichen Wohnung bleibt unaufgelöst.
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