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Mediation


Sie kann lächeln

Inklusion bedeutet: Behinderte Kinder sollen nicht ausgeschlossen werden. Unsere Autorin Sandra Roth suchte einen Kindergartenplatz für ihre schwerbehinderte Tochter.
Von Sandra Roth


Lotta soll in den Kindergarten gehen? Ben lacht. „Die kann doch gar nicht gehen.“ Lotta ist zwei und so schwer behindert, dass sie sich nicht mal an der Nase kratzen kann, ihr Bruder Ben ist fünf und einer der wenigen Menschen, die das Wort behindert so aussprechen wie blond oder kleine Schwester. „Wie geht das, Mama?“, fragt Ben und lacht schon wieder. „Lotta kann nicht Fangen spielen, nicht singen, nicht malen ...“ Was macht ein Kind im Kindergarten, das so viel wohl nie lernen wird? Den anderen zusehen kann sie auch nicht, sie ist auch schwer sehbehindert. „Lächeln“, sagt Ben. „Das kann sie da. Kindergarten ist lustig, Mama.“ – „Genau“, sage ich. Reicht das?

Lotta wurde mit einer Gefäßfehlbildung im Kopf geboren, einer sogenannten Vena-Galeni-Malformation. Ein Teil des sauerstoffreichen Bluts in ihrem Kopf nahm schon während der Schwangerschaft eine Abkürzung – am Gehirn vorbei. Heute steht auf ihrem Behindertenausweis „100 Prozent“ und in ihren Arztbriefen „schwer mehrfach“ und „spastische Cerebralparese“, sie bekommt Pflegestufe 3 und macht große Fortschritte dabei, ihren Kopf gerade zu halten.

Sie lacht, wenn im Radio Michael Jackson läuft, und gurrt wie eine Taube, wenn Ben sich neben sie legt und ihr vom Kindergarten erzählt. Sie hat blonde Locken, große Augen und Knie, die immer nach innen zeigen. Jede Woche absolviert sie Therapiestunden bei der Physiotherapeutin, der Logopädin und der sogenannten Sehfrühförderung, bei der sie schon gelernt hat, ihre Augen nicht kullern zu lassen, sondern still zu halten. Sie macht Fortschritte – weil sie gefördert wird. /…/

2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, in dem Jahr, in dem Lotta geboren wurde. Inklusion heißt das Stichwort dazu. Integration hieß: Du darfst mitmachen – wenn du dich anpasst. Inklusion heißt: Wir gehören alle zusammen. Die inklusive Gesellschaft soll keinen mehr ausschließen. Alle Menschen haben beispielsweise Anspruch auf den gleichen Zugang zu Bildung, alle Kinder sollen auf die gleichen Schulen gehen können. Das ist ein Menschenrecht. Im Moment gehen in Deutschland nur circa 25 Prozent der Schüler mit Förderbedarf auf Regelschulen, in anderen Ländern sind es 85 Prozent. Das soll sich ändern. Nur wie? Sollen die Sonderschulen geschlossen werden – so wie der Kindergarten in Köln geschlossen wurde? Sollen sie geöffnet werden für andere Kinder? Wie soll sie aussehen – die „eine Schule für alle“? /…/

Nach vielen Bemühungen gelingt es der Autorin ihre Kinder gemeinsam in einem Kindergarten unterzubringen.

Jedes Mal, wenn ich Lotta nach dem Mittagsschlaf abhole, finde ich am Schwarzen Brett einen Zettel mit allen Kindernamen. Unter „Finkengruppe, Lotta“ steht: „Lotta hat heute mit Theo und Kofi gebastelt.“ – „Gebastelt?“, frage ich Katarina, die Erzieherin. „Habt ihr euch nicht im Kind geirrt?“ – „Nein“, sagt sie lächelnd. „Die anderen haben Watte auf Pappe geklebt, und Lotta hat mit den Händen draufgedrückt, bis der Kleber trocken war.“ Ben steht neben mir und küsst Lotta. „Jetzt kannst du auch schon basteln“, sagt er. Kofi kommt und küsst Lotta auf die andere Backe. „Das ist meine Lotta“, sagt Ben. „Komm, wir gehen.“ – „Die anderen Kinder halten noch Abstand, oder?“, sage ich zu Katarina. „Ja, die wissen nicht so ganz, wie sie Lotta einordnen sollen. Aber Ida ist neugierig, die traut sich bestimmt bald.“ Ida hat gerade laufen gelernt. Latzhose, rote Haare, Kuhfellpantoffeln. Lotta heißt bei ihr Lolla.

Es kommen die Tage, an denen morgens Zora anruft und darum bittet, dass wir Lotta heute nicht in den Kindergarten bringen. Es sind zu viele Erzieher krank: „Wir schaffen das heute nicht.“ Es kommen die Tage, an denen ich mich frage, wann sich die anderen Eltern beschweren werden, weil die Erzieher zu viel Zeit für mein Kind aufwenden und zu wenig für ihres. Wie lange können wir ohne Integrationshelfer weitermachen? Ich gehe zu einer Anwältin und lasse mich beraten. „Es kommt mir vor, als schöben sich die Ämter gegenseitig die Verantwortung zu. Als hofften sie, dass wir aufgeben ...“ Das sei kein Einzelfall, sagt die Anwältin. Vielleicht müssen wir vor Gericht ziehen. „Vielen Eltern bleibt keine andere Wahl. Die Ämter lassen es darauf ankommen.“ /…/

Wenn ich sie in den Kindergarten bringe, lacht Lotta. Wenn Ida und Kofi in den Flur stürmen, fängt sie an zu strampeln vor Freude. Sie macht mehr Laute als früher, sie ist wacher, sie profitiert. /…/ Ja, das funktioniert. Sie wird dort gefördert, und sie hat mir gezeigt, dass etwas anderes für sie genauso wichtig ist: Freunde finden und mit ihnen zusammen sein. Dafür ist es unwichtig, ob sie mitsingen kann oder nur „Hei“ gurren. Wir haben Erzieher gefunden, die fast ein ganzes Jahr lang neben dem normalen Betrieb Lotta mitgetragen haben. Freiwillig. Wir haben erfahren, wie sehr man um staatliche Unterstützung für dieses persönliche Engagement kämpfen muss. Wir haben endlich die Fördermittel und eine Integrationshelferin bewilligt bekommen – es hat elf Monate gedauert statt vier Wochen. Sie heißt Bella und sagt: „Lotta bewegt sich so viel, ich glaube, dass die irgendwann krabbelt.“ Unser Kindergarten wird im nächsten Jahr das nächste behinderte Kind aufnehmen. Und ich werde diesen Herbst anfangen, mir Schulen für Lotta anzusehen. /…/

Quelle: DIE ZEIT Nº 34/2013 Aktualisiert 23. August 2013 17:25 Uhr

 


Mediationsaufgabe

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http://diepresse.com/home/kultur/film/581930/Pablo-Pineda_Ich-bin-nicht-krank

 

 

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