Zur Haupt­na­vi­ga­ti­on sprin­gen [Alt]+[0] Zum Sei­ten­in­halt sprin­gen [Alt]+[1]

Li­te­ra­tur­wis­sen­schaftl. Ein­ord­nung & Deu­tungs­per­spek­ti­ven

Der Kel­lerschließt als zwei­ter Band der au­to­bio­gra­phi­schen Schrif­ten in­halt­lich an die Er­zäh­lung Die Ur­sa­che. EineAn­deu­tungan, die letz­te Phase der Schul­zeit des Ich-Er­zäh­lers zum Thema hat. Cha­rak­te­ris­tisch für Bern­hards au­to­bio­gra­phi­sches Schrei­ben ist das Spiel mit Rea­li­tät und Fik­ti­on, das – bei allen Par­al­le­len – eine ein­fa­che Gleich­set­zung des Werks mit dem Leben des Au­tors ver­hin­dert. Die Mög­lich­kei­ten au­to­bio­gra­phi­schen Schrei­bens wer­den in der Er­zäh­lung selbst ver­han­delt und an­ge­zwei­felt. Zwei Be­mer­kun­gen zei­gen das poe­to­lo­gi­sche Span­nungs­feld, in dem sich au­to­bio­gra­phi­sches Schrei­ben nach Bern­hard si­tu­iert. Ers­tens stellt Bern­hard fest:“ Das Be­schrie­be­ne macht etwas deut­lich, das zwar dem Wahr­heits­wil­len des Be­schrei­ben­den, aber nicht der Wahr­heit ent­spricht, denn die Wahr­heit ist über­haupt nicht mit­teil­bar.“ Die hier zum Aus­druck kom­men­de Sprachskep­sis wird je­doch kon­ter­ka­riert durch Bern­hards Auf­lö­sung der Gren­ze zwi­schen rea­lem und ent­wor­fe­ner Bio­gra­phie: „Hätte ich, was alles zu­sam­men heute meine Exis­tenz ist, nicht tat­säch­lich durch­ge­macht, ich hätte es wahr­schein­lich für mich er­fun­den und wäre zu dem­sel­ben Er­geb­nis ge­kom­men.“

Auf die einem sol­chen poe­to­lo­gi­schem Kon­zept in­hä­ren­te Kri­tik an der tra­di­tio­nel­lem Au­to­bio­gra­phie, die einen ein­heits­stif­ten­den Ent­wurf an­strebt, geht etwa Kra­mer ein, wenn er auf die Ver­mi­schung von Er­in­ne­rung und Fik­ti­on und die Wi­der­sprü­che und Ge­gen­sät­ze in der Er­zäh­lung hin­weist. Ähn­lich wie die tra­di­tio­nel­le Bio­gra­phie dient dem Ich-Er­zäh­ler das Schrei­ben dazu, der ei­ge­nen Exis­tenz „auf die Spur“ zu kom­men, was al­ler­dings durch die Über­zeu­gung, dass alles Ge­schrie­be­ne Lüge ist, wie­der un­ter­mi­niert wird. Eben die­ses Vor­ge­hen ist auch auf Kri­tik ge­sto­ßen. An­dre­as Maier, des­sen De­büt­ro­man Wäld­ches­tag (2000) sti­lis­tisch sehr stark an Bern­hards Prosa an­ge­lehnt ist, hob in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on von 2004 die Wi­der­sprü­che und Sti­li­sie­run­gen in Bern­hards Au­to­bio­gra­phie her­vor und pro­vo­zier­te durch seine Kri­tik an Bern­hards Poe­to­lo­gie hef­ti­gen Wi­der­spruch. Uwe Wirth (2008) und in jüngs­ter Zeit Jan Sü­se­l­beck (2023) grif­fen Maier stark an, weil Bern­hard die Äs­the­tik sei­ner li­te­ra­ri­scher Form­ge­bung, die sich Zi­ta­ten, star­ken Kon­tras­tie­run­gen und hy­per­bo­li­schem Schrei­ben kon­sti­tu­iert, zum Vor­wurf mach­te.

Über­haupt do­mi­niert – wie für Bern­hard ty­pisch – eine skep­ti­sche, ne­ga­ti­ve Grund­hal­tung: Hat der klas­si­sche Bil­dungs­ro­man den Ent­wick­lungs- und Rei­fe­pro­zess der jun­gen Prot­ago­nis­ten und ihre Ein­glie­de­rung in die Ge­sell­schaft zum Thema, so weist be­reits der Un­ter­ti­tel kon­traf­ak­tisch auf die Zwei­fel an der Mög­lich­keit eines po­si­ti­ven Le­bens­ent­wurfs hin: Die Lehr­zeit im „Kel­ler“ wird rein ne­ga­tiv als eine „Ent­zie­hung“ von den Zwän­gen des Gym­na­si­ums de­fi­niert an­statt einer „Er­zie­hung“ zu einem als sinn­haft emp­fun­de­nen Leben. Die Er­zäh­lung ist daher ein­deu­tig als Par­odie am Bil­dungs­ro­man an­ge­legt (vgl. auch Kra­mer) oder als Sub­ver­si­on der Künst­ler­no­vel­le an­ge­legt; an die Stel­le der Bil­dung tritt die Aus­bil­dung im „Kel­ler“.

Der „Kel­ler“ selbst wird dabei zur le­bens­ret­ten­den Zwi­schen­sta­ti­on des Ich-Er­zäh­lers, und die Scherz­hau­ser­feld­sied­lung, in der er ge­le­gen ist, stellt den Ge­gen­satz zu den Räu­men und Orten einer vom Ich-Er­zäh­ler ver­hass­ten bür­ger­li­chen Exis­tenz wie der als Gym­na­si­al­schü­ler dar. Hier kommt es zu Be­geg­nun­gen des Ich-Er­zäh­lers mit den Aus­ge­sto­ße­nen, die ihn als nütz­li­ches Mit­glied ihrer Ge­sell­schaft wahr­neh­men. Al­ler­dings wer­den die Be­woh­ner der Scherz­hau­ser­feld­sied­lung bei aller Sym­pa­thie den­noch nicht ver­klärt und ihre Bru­ta­li­tät und Roh­heit wer­den nicht ver­schwie­gen. Zwar wird auf die Schick­sa­le ein­zel­ner Be­woh­ner ein­ge­gan­gen, aber dabei tre­ten jene we­ni­ger als ei­gen­stän­di­ge Cha­rak­te­re in Er­schei­nung, son­dern die sub­jek­ti­ve Per­spek­ti­ve des Ich-Er­zäh­lers wird nicht durch­bro­chen und ent­schei­dend sind aus­schließ­lich die Re­fle­xio­nen der Be­geg­nun­gen für die ei­ge­ne Exis­tenz. Die Er­zäh­lung kann daher nur be­dingt als so­zi­al­kri­tisch mo­ti­viert ge­le­sen wer­den.

Die Lehr­zeit im „Kel­ler“ ist nicht frei von Am­bi­va­len­zen und tritt als po­si­ti­ver Le­bens­ent­wurf nicht an die Stel­le einer grund­sätz­li­chen ne­ga­ti­ven Grund­hal­tung. Die Exis­tenz­be­grün­dung ex ne­ga­tivo, indem der Ich-Er­zäh­ler sich „in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung“ ori­en­tiert – was als Leit­mo­tiv auch auf der for­ma­len Ebene die an­ti­t­he­ti­sche Struk­tur der Er­zäh­lung wi­der­spie­gelt – be­inhal­tet bei aller Ne­ga­ti­vi­tät letzt­lich doch eine le­bens­be­ja­hen­de Hal­tung, die auch in dem Fol­ge­band Der Atem. Eine Ent­schei­dung zen­tral ist, wenn sich der schwer lun­gen­kran­ke Prot­ago­nist für das Leben ent­schei­det. Mit­ter­may­er und Mar­quardt be­to­nen in die­sem Zu­sam­men­hang die Thea­ter­m­e­ta­pho­rik, die der Ich-Er­zäh­ler selbst in Bezug auf sein Leben ver­wen­det und nach deren Logik nicht nur sein Leben, son­dern auch sein Schrei­ben und schließ­lich auch der „Kel­ler“ selbst zur Bühne wer­den: Die In­sze­nie­rung sei­ner Le­bens­ge­schich­te er­mög­licht dem Ich-Er­zäh­ler eine Dis­tanz­nah­me und Iro­nie, die dem Be­droh­li­chen der Exis­tenz sei­nen Schre­cken nimmt und das er­zäh­len­de Ich eine Rolle spie­len lässt, über die es selbst ver­fügt. Das Schreck­li­che der Exis­tenz er­scheint somit gleich­zei­tig als Tra­gö­die und an­ge­sichts der Lä­cher­lich­keit vor allem auch als Ko­mö­die.

Der „Kel­ler“ ist für den Ich-Er­zäh­ler somit mehr als nur eine Aus­bil­dungs­stel­le; er in­iti­iert seine Selbst­fin­dung und Selbst­re­fle­xi­on und dient letzt­lich der Si­che­rung und Be­grün­dung der ei­ge­nen Exis­tenz, die in dem le­bens­be­ja­hen­den Be­wusst­sein der „Gleich­gül­tig­keit“, in dem alle Dinge und Men­schen gleich­wer­tig sind, wie sie sind, mün­det.

Text­aus­ga­be:

Tho­mas Bern­hard: Der Kel­ler. Eine Ent­zie­hung. Salz­burg 1998 (1979).

Bern­hard „Der Kel­ler“: Her­un­ter­la­den [pdf][182 KB]