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Neu­es­te Er­kennt­nis­se der Mo­ti­va­ti­ons­for­schung

Frü­her un­ter­schied die Mo­ti­va­ti­ons­for­schung zwi­schen mo­ti­va­tio­na­len An­rei­zen, die von außen auf das In­di­vi­du­um (ex­trin­sisch) ein­wir­ken und sol­chen, die von ihm sel­ber, also von  innen (in­trin­sisch), kom­men. Diese re­la­tiv for­ma­le Un­ter­schei­dung wird je­doch den kom­ple­xen grund­le­gen­den Ge­ge­ben­hei­ten, die die For­schung in den letz­ten Jah­ren ans Ta­ges­licht ge­för­dert hat, nicht ge­recht.

Seit mit Hilfe der mo­der­nen Hirn­for­schung (seit ca. 1990) tief in die neu­ro­na­le Struk­tur und Funk­ti­ons­wei­se des Hirns Ein­blick ge­nom­men wer­den kann, er­ga­ben sich ganz neue Er­kennt­nis­se. Spit­zer be­tont in sei­nem Buch „LER­NEN“ 1 (2002), dass der Mensch von Natur aus immer mo­ti­viert sei. Einen Men­schen mo­ti­vie­ren zu wol­len sei un­ge­fähr das­sel­be, wie wenn man je­man­den Hun­ger bei­brin­gen wolle, so Spit­zer. „Die Frage lau­tet nicht: Wie kann ich je­man­den mo­ti­vie­ren? Es stellt sich viel­mehr die Frage, warum viele Men­schen so häu­fig de­mo­ti­viert sind.“ Was, so müsse man sich fra­gen, bringt die an­ge­bo­re­nen, äu­ßerst ef­fi­zi­en­ten Mo­ti­va­ti­ons­sys­te­me des Hirns in Gang, was dämpft sie oder bringt sie gar „zum Ab­sturz“? 

Joa­chim Bauer legt in sei­nem Buch, Prin­zip Mensch­lich­keit“ 2 ein­drück­lich dar, dass jede Art von Mo­ti­va­ti­on (auch die so ge­nann­te in­trin­si­sche) auf ge­lin­gen­den Be­zie­hun­gen be­ruht  und somit auf diese an­ge­wie­sen ist. „Jede Form von zwi­schen­mensch­li­cher Re­so­nanz und er­leb­ter Ge­mein­schaft scheint die Mo­ti­va­ti­ons­sys­te­me zu er­freu­en.“ 3

Alles, was der Leh­rer an Mo­ti­va­ti­ons­hil­fen auf der me­tho­di­schen Ebene ar­ran­gie­ren kann, ist die­ser grund­le­gen­den Ge­setz­mä­ßig­keit nach­ge­ord­net.

Ist die Be­zie­hung zwi­schen Leh­rer und Schü­lern in­takt, las­sen sich die Schü­ler durch einen ge­lun­ge­nen Ein­stieg ins Thema,  durch an­ge­mes­se­ne Pro­blem­stel­lun­gen, durch ein lern­freund­li­ches Vor­ge­hen (z.B. durch die Be­rück­sich­ti­gung der Ge­dächt­nis­sys­te­me 4 ), an­spre­chend ge­stal­te­tes Übungs­ma­te­ri­al, durch ein brei­tes Spek­trum an­re­gen­der Ar­beits­me­tho­den (z.B. die WELL-Me­tho­den von Prof. Wahl, Wein­gar­ten), durch die Mög­lich­keit, sich als selbst­wirk­sam zu er­le­ben, mehr oder we­ni­ger wil­lig auf die von ihnen ge­for­der­te Ar­beit ein, wäh­rend sie sich der Ar­beit ent­zie­hen oder Wi­der­stand leis­ten, wenn die Be­zie­hung zum Leh­rer be­las­tet oder gar ab­ge­ris­sen ist. Hier­zu noch ein­mal Joa­chim Bauer: „Es gibt letzt­lich keine Mo­ti­va­ti­on ohne Be­zie­hung. Die in­trin­si­sche Mo­ti­va­ti­on kommt aus Be­zie­hun­gen zu Men­schen!“ 5

Abra­ham Mas­lows 6 „Be­dürf­nis­py­ra­mi­de“ stellt das Be­dürf­nis nach so­zia­ler Zu­wen­dung und Ak­zep­tanz auf Stufe 3 (nach Stufe 1: Kör­per­li­che Grund­be­dürf­nis­se und Stufe 2: Ma­te­ri­el­le Si­cher­heits­be­dürf­nis­se). Ent­spre­chend den neuen Er­kennt­nis­sen, wie sie von J. Bauer re­fe­riert wer­den, sind je­doch phy­sio­lo­gi­sche Grund­be­dürf­nis­se und sozio-psy­cho­lo­gi­sche Grund­be­dürf­nis­se gleich­ran­gig zu be­wer­ten. So weiß jeder mo­der­ne Leh­rer, dass Kin­der trotz bes­ter ma­te­ri­el­ler Ver­sor­gung nicht lern­fä­hig und lern­be­reit sind, wenn ihre sozio-psy­cho­lo­gi­schen Grund­be­dürf­nis­se nicht eben­falls be­frie­digt wer­den. Die phy­sio­lo­gi­sche Ver­sor­gung ist eine not­wen­di­ge, aber keine hin­rei­chen­de Be­din­gung für er­folg­rei­ches Ler­nen.

Auf der an­de­ren Seite gibt es viele Bei­spie­le dafür, dass ge­lin­gen­de zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hun­gen bis zu einem ge­wis­sen Grad die Ver­nach­läs­si­gung auf der phy­sio­lo­gi­schen Ebene kom­pen­sie­ren kön­nen. 7

Neueste Erkenntnisse der Motivationsforschung

Nur wenn die bei­den grund­le­gen­den Be­dürf­nis­se ei­ni­ger­ma­ßen ge­si­chert sind, er­gibt sich dar­aus eine Grund­hal­tung, mit deren Hilfe das In­di­vi­du­um an­ge­mes­sen auf die An­for­de­run­gen des Le­bens ein­ge­hen kann. Die­ses Fun­da­ment ist für alle Lern­pro­zes­se von zen­tra­ler Be­deu­tung.

Den Zu­sam­men­hang von Mo­ti­va­ti­on und Ag­gres­si­on stellt J. Bauer wie folgt dar: „Die ur­sprüng­li­che Funk­ti­on der Ag­gres­si­on be­steht – dafür lie­gen wis­sen­schaft­lich ge­si­cher­te Daten vor – in der Be­wah­rung der Un­ver­sehrt­heit des ei­ge­nen Or­ga­nis­mus und in der Ab­wehr von Schmerz.“ 8 Da das Ge­hirn zwi­schen „so­ci­al pain“ und „phy­si­cal pain“ kaum einen Un­ter­schied macht, fühlt sich der Mensch durch „so­ci­al pain“ in sei­ner bio­lo­gi­schen Un­ver­sehrt­heit ge­nau­so be­droht wie von „phy­si­cal pain“, was dar­auf hin­weist, dass Bin­dung und so­zia­le Ak­zep­tanz eben­so un­ver­zicht­bar sind, wie die Si­che­rung rein kör­per­li­cher Be­dürf­nis­se (Nah­rung, Klei­dung, Si­cher­heit). „So­zia­le Iso­la­ti­on wird vom Kör­per …nicht nur psy­chisch, son­dern auch neu­ro­bio­lo­gisch als Schmerz er­lebt und mit einer mess­ba­ren bio­lo­gi­schen Stress­re­ak­ti­on be­ant­wor­tet.“ 9

1 Man­fred Spit­zer, Ler­nen, Hei­del­berg/Ber­lin 2002, S. 192f
2 Joa­chim Bauer, Prin­zip Mensch­lich­keit, Ham­burg 20075
3 Ders. eben­da S. 42
4 Hans Mar­ko­witsch un­ter­schei­det in sei­nem Buch Dem Ge­dächt­nis auf der Spur, Darm­stadt 2002, vier Ge­dächt­nis­sys­te­me: Das Wis­sens­ge­dächt­nis, das epi­so­di­sche Ge­dächt­nis, das pro­ze­du­ra­le Ge­dächt­nis und das Pri­ming Ge­dächt­nis.
5 Joa­chim Bauer, Vor­trag beim BELZ-Forum „Ler­nen ler­nen“ in Bad Wö­ris­ho­fen am 12. April 2008
6 Abra­ham Mas­low, US-ame­ri­ka­ni­scher Psy­cho­lo­ge (1908 – 1970)
7 Wie wich­tig die zwi­schen­mensch­li­che Zu­wen­dung ist,  zeigt der tra­gi­sche Ver­such des mit­tel­al­ter­li­chen Stauf­er­kai­sers Fried­rich, Kin­der nach der Ge­burt ohne An­spra­che zu las­sen und ihnen außer der phy­sio­lo­gi­schen Grund­ver­sor­gung nichts zu ge­wäh­ren. Er woll­te her­aus­fin­den, wel­ches die "Ur"-spra­che des Men­schen ist. Die Klei­nen star­ben alle!
8 Joa­chim Bauer, Prin­zip Mensch­lich­keit, Ham­burg 20075, S. 77
9 Ders. eben­da, S. 79