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4 Kon­text im Mit­tel­al­ter

Ähn­lich wie in der An­ti­ke und doch wie­der an­ders sieht es im Mit­tel­al­ter aus. Wenn wir als Bei­spiel ein­fach die be­rühm­te Lehre vom vier­fa­chen Schriftsinn her­an­zie­hen, so zeigt sich, dass sie zwar eine Art Kon­text-Vor­stel­lung vor­aus­setzt, aber eine ganz an­de­re als un­se­re heu­ti­ge. Be­kannt­lich un­ter­schei­det man seit Jo­han­nes Cas­si­an(nus) im 5. Jahr­hun­dert 28 vier Be­deu­tun­gen eines Bi­bel­tex­tes, aber oft auch von Tex­ten über­haupt: 29

  • den Li­te­ral­sinn - die wört­li­che, bi­blisch-his­to­ri­sche Aus­le­gung;
  • den al­le­go­ri­scher Sinn - die In­ter­pre­ta­ti­on "im Glau­ben" auf die zeit­lo­sen dog­ma­ti­schen Lehr­in­hal­te hin;
  • den tro­po­lo­gi­scher Sinn - die In­ter­pre­ta­ti­on "in Liebe" für das mo­ra­li­sche Han­deln des Ein­zel­nen auf die­ser Welt;
  • den anago­gi­schen Sinn - die In­ter­pre­ta­ti­on "in Hoff­nung" auf die End­zeit, das End­ge­richt und das Jen­seits hin.

Mit Cas­si­ans be­rühm­tem Bei­spiel be­deu­tet 'Je­ru­sa­lem' dem­nach:

  • im Li­te­ral­sinn die Stadt Je­ru­sa­lem;
  • im al­le­go­ri­schen Sinn die christ­li­che Kir­che;
  • im tro­po­lo­gi­schen Sinn die Seele des Ein­zel­nen;
  • im anago­gi­schen Sinn das himm­li­sche Je­ru­sa­lem, von dem die Of­fen­ba­rung des Jo­han­nes spricht.

Dies lässt sich am ein­fachs­ten ta­bel­la­risch ge­gen­über­stel­len:

Sinn Be­deu­tung Kar­di­nal­tu­gend Bsp. 'Je­ru­sa­lem'
Li­te­ral­sinn
Al­le­go­ri­scher Sinn
Tro­po­lo­gi­scher Sinn
Anago­gi­scher Sinn
wört­lich, his­to­risch
dog­ma­ti­sche Lehr­in­hal­te
mo­ra­li­sches Han­deln
End­ge­richt und Jen­seits
--
Glau­be
Liebe
Hoff­nung
Stadt Je­ru­sa­lem
christ­li­che Kir­che
Seele des Ein­zel­ne
himm­li­sches Je­ru­sa­lem

Hier wird also der bi­bli­sche Text tat­säch­lich je­weils auf einen Kon­text hin in­ter­pre­tiert. Je­doch han­delt es sich al­len­falls beim Li­te­ral­sinn um einen Kon­text in un­se­rem Sinne, in­so­fern der Text auf die­ser Ebene im Ge­samt­zu­sam­men­hang der Bibel ge­deu­tet wird. Auch hier han­delt sich aber meist nicht um den his­to­ri­schen Kon­text in un­se­rem Sinne, denn nur sel­ten wird auf die zeit­ge­schicht­li­chen Zu­sam­men­hän­ge eines Tex­tes oder die Um­stän­de sei­ner Ab­fas­sung ein­ge­gan­gen; schließ­lich galt die Bibel oft als gött­lich in­spi­riert, als 'Got­tes Wort' in mehr oder min­der wört­li­chem Sinne (wie heute noch oder wie­der bei man­chen Evan­ge­li­ka­len), und daher war es na­tür­lich un­statt­haft, ihre Texte auf die Umst ände ihrer Ab­fas­sung hin zu in­ter­pre­tie­ren. Daher ist auch der Li­te­ral­sinn oft eher heils­ge­schicht­lich als ge­schicht­lich in un­se­rem Sinne zu ver­ste­hen. Die drei an­de­ren Ebe­nen wür­den wir al­le­samt be­reits als Bei­spie­le einer 'in­ter­es­sier­ten', ak­ti­ven Kon­textua­li­sie­rung be­trach­ten, die also oft gar nicht mit dem Text selbst bzw. der Au­tor­in­ten­ti­on zu­sam­men­hängt, son­dern ganz vom Leser an den Text her­an­ge­tra­gen wird. Das ist wohl ver­ständ­lich, so­weit im Text von zen­tra­len Lehr­in­hal­ten die Rede ist: dann wird der Text im je­wei­li­gen Ge­samt­zu­sam­men­hang der christ­li­chen Lehre ge­le­sen, und so ähn­lich geht auch ein heu­ti­ger Theo­lo­ge vor, wenn er etwa eine Pre­digt vor­be­rei­tet. Kühn (um nicht zu sagen ab­surd) wird es aber, wo Texte auf ein ganz an­de­res Thema be­zo­gen wer­den; so etwa, wenn das Ho­he­lied als Lied der Liebe zwi­schen der Seele und Gott ge­deu­tet wird. (Noch im Zeit­al­ter der Re­for­ma­ti­on zog sich Se­bas­ti­an Ca­s­tel­lio den Zorn von Cal­vin und ganz Genf zu, weil er es u. a. wagte, das Ho­he­lied als Lie­bes­ge­dicht zu in­ter­pre­tie­ren!) Nun könn­te man aus dem Ge­sag­ten schlie­ßen, An­ti­ke und Mit­tel­al­ter habe das Be­wusst­sein für die Dif­fe­renz der Le­bens­wel­ten und In­ter­es­sen von Autor und Leser ganz ge­fehlt, und damit also eine der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für un­se­ren heu­ti­gen Kon­text­be­griff. Die Le­bens­wel­ten und In­ter­es­sen von Autor und Leser sind ja zwei zen­tra­le, aber wohl zu un­ter­schei­den­de Kon­text- und Ver­ste­hens­ho­ri­zon­te für jeden Text. Es gibt aber Bei­spie­le, die zei­gen, dass auch dem Mit­tel­al­ter diese his­to­ri­sche Dif­fe­renz durch­aus be­wusst sein konn­te. Ich möch­te nur ein be­rühm­tes Bei­spiel her­an­zie­hen, das als Ex­em­pel eines be­wuss­ten Kon­text-Wech­sels recht in­struk­tiv ist. Ein be­wuss­ter Kon­text-Wech­sel schafft krea­tiv Be­deu­tung, indem er ein Ele­ment in einen neuen Kon­text verpanzt, den ori­gi­na­len Kon­text aber noch durch­schei­nen lässt und ge­ra­de mit der Span­nung die­ser bei­den Kon­tex­te auf etwas hin­weist.

Kreuz Dies klingt nach einer Tech­nik der mo­der­nen Kunst und Li­te­ra­tur, aber ein schö­nes Bei­spiel dafür bie­tet schon das sog. Lo­thar­kreuz, das um das Jahr 1000 in Köln an­ge­fer­tigt wurde. 30 Die­ses gol­de­ne Vor­tra­ge­kreuz ist über­aus reich mit Ju­we­len be­setzt, dar­un­ter auch ei­ni­gen an­ti­ken re­li­e­fer­ten Edel­stei­nen. Genau in der Mitte ist ein Kameo ein­ge­setzt, der den Kai­ser Au­gus­tus zeigt. Dies ist kein blo­ßer Schmuck, denn das Kreuz ent­stand wohl im Auf­trag von König Otto III., der sich als Erbe und Er­neue­rer des rö­mi­schen Kai­ser­tums und damit als 'neuer Au­gus­tus' sah.³¹ Die Ver­set­zung der Gemme aus dem an­ti­ken Kon­text (Au­gus­tus) in den neuen Kon­text (Otto III.) drückt also prä­gnant eine Iden­ti­fi­ka­ti­on Ottos mit sei­nem Vor­bild aus.³²

Nun sind sol­che Kon­text­wech­sel nicht sel­ten: schon in der An­ti­ke wid­me­te man Kunst­wer­ke um, indem man ihnen eine neue Be­deu­tung über­stülp­te; aus Neros Ko­los­sal­sta­tue wurde nach sei­ner dam­na­tio me­mo­riae durch Um­de­kla­ra­ti­on ein Bild des Son­nen­got­tes, eben­so wur­den die Büs­ten, Mün­zen, Tri­umph­bö­gen an­de­rer ver­damm­ter Herr­scher auf an­de­re Per­so­nen um­ge­wid­met, und aus vie­len rö­mi­schen Tem­peln wur­den kur­zer­hand christ­li­che Kir­chen.³³ Aber auch ein ganz ge­walt­frei­es Zitat kann zum Kon­text­wech­sel wer­den, wie der große Me­diä­vist Kurt Flasch er­läu­tert: "Wenn ein ka­ro­lin­gi­scher Schrift­stel­ler die Phi­lo­so­phie­de­fi­ni­ti­on Ci­ce­ros ('Wis­sen der gött­li­chen und mensch­li­chen Dinge in ihren Grün­den') zi­tier­te, ließ er [. . .] jede Ein­zel­heit ste­hen," stell­te sie "aber in eine[n] voll­kom­men an­de­ren Zu­sam­men­hang", da 'gött­lich' und 'mensch­lich' im christ­li­chen Kon­text je­weils etwas ganz an­de­res be­deu­ten. 34

Beim Lo­thar­kreuz hin­ge­gen wird der alte Kon­text ge­ra­de nicht ge­tilgt, son­dern be­wusst auf­ge­nom­men; die Poin­te des Kunst­wer­kes liegt just in der Span­nung zwi­schen altem und neuem Kon­text des Kameo. Man könn­te dies eine krea­ti­ve Kon­textua­li­sie­rung nen­nen.

An­hand sol­cher Bei­spie­le wird deut­lich, dass das Mit­tel­al­ter so dun­kel und ge­schichts­los nicht war, wie wir seit der Po­le­mik der Hu­ma­nis­ten oft glau­ben, auch nicht in Sa­chen In­ter­pre­ta­ti­on und Kon­text. Wahr­schein­lich war man sich der his­to­ri­schen Dif­fe­renz und des his­to­ri­schen Kon­tex­tes teils durch­aus be­wusst, hielt sie aber für zur In­ter­pre­ta­ti­on der Bibel ein­fach teils un­statt­haft, teils ne­ben­säch­lich. Denn wenn es ei­ner­seits um das Han­deln im Jetzt geht (siehe die dog­ma­ti­sche und die mo­ra­li­sche In­ter­pre­ta­ti­on), teils um die ewi­gen Werte: was in­ter­es­sie­ren da Zu­fäl­lig­kei­ten wie der his­to­ri­sche Kon­text?!

 


28 Die Lehre hat sich aus zahl­rei­chen Vor­stu­fen ent­wi­ckelt. So kennt Pau­lus (Ga­la­ter iv 24) nach rab­bi­ni­schem Vor­bild die al­le­go­ri­sche Deu­tung der Hei­li­gen Schrift; Orige­nes nimmt be­reits einen mehr­fa­chen Schriftsinn an und bei wei­te­ren Kir­chen­vä­tern ist von einem drei­fa­chen Schriftsinn die Rede.

29 Zu Cas­si­ans Her­me­neu­tik vgl. etwa Kurt Nie­der­wim­mer: Zur Lehre vom vier­fa­chen Schriftsinn bei Jo­han­nes Cas­si­an (Conl. XIV, 8), in: Wie­ner Jahr­buch für Theo­lo­gie 6/2006, 61-83. Die Ge­samt­ge­schich­te des vier­fa­chen Schrifts­inns sum­miert epo­che­ma­chend Henri de Lubac: Exégèse médiévale. Les quat­re sens de l'écri­tu­re, Paris 1959-1964; auf deutsch ist eine Aus­wahl zu­sam­men mit an­de­ren Schrif­ten greif­bar: Ty­po­lo­gie, Al­le­go­rie, geis­ti­ger Sinn. Stu­di­en zur Ge­schich­te der christ­li­chen Schrift­aus­le­gung, Frei­burg 1999 (Theo­lo­gia Ro­ma­ni­ca 23). Ver­bin­dun­gen zur mo­der­nen Dich­tung knüpft Klaus Rei­chert: Viel­fa­cher Schriftsinn. Zu Fin­ne­gans Wake, Frank­furt a.M. 1989.

30 Es lie­ßen sich auch an­ti­ke Bei­spie­le an­füh­ren; ins­be­son­de­re wur­den oft sym­bol­träch­ti­ge Stü­cke aus einer Kriegs­beu­te als Wei­he­ga­ben oder Mo­nu­ment ge­stif­tet, so etwa Waf­fen und Teile er­beu­te­ter Schif­fe im Hei­lig­tum von Del­phi oder die seit Au­gus­tus nach Rom ge­brach­ten ägyp­ti­schen Obe­lis­ken, die in der Neu­zeit wie­der­auf­ge­rich­tet und teils zu Weg­wei­sern für Pil­ger um­funk­tio­niert wur­den. Ein wei­te­res wie das Lo­thar­kreuz zeit­al­ter­über­grei­fen­des Bei­spiel wäre die Qua­dria des Mar­kus­do­mes in Ve­ne­dig, ur­sprüng­lich in Rom auf einem Tri­umph­bo­gen Neros auf­ge­stellt, dann von Kai­ser Kon­stan­tin nach Kon­stan­ti­no­pel ver­setzt und im Hip­po­drom auf­ge­stellt, 1204 als Kriegs­beu­te nach Ve­ne­dig mit­ge­nom­men, 1798 auf Ge­heiß Na­po­le­ons in den Lou­vre ent­führt, seit dem Wie­ner Kon­gress 1815 wie­der in der La­gu­nen­stadt. Auch hier darf man ver­mu­ten, dass zu­min­dest der je­weils vor­her­ge­hen­de Kon­text be­wusst durch­schei­nen soll­te.

31 Eine or­dent­li­che Zu­sam­men­fas­sung der Zu­sam­men­hän­ge bie­tet der Ar­ti­kel 'Lo­thar­kreuz' der deutsch­spra­chi­gen Wi­ki­pe­dia; vgl. aus der rei­chen Li­te­ra­tur z. B. Ri­chard Faber: Die Ver­kün­di­gung Ver­gils: Reich, Kir­che, Staat. Zur Kri­tik der Po­li­ti­schen Theo­lo­gie, Hil­des­heim 1975, 75ff.

32 Die Pho­to­gra­phie wurde http://​com­mons.​wi­ki­me­dia.​org/ ent­nom­men; sie stammt von dem Be­nut­zer 'Ca­ro­lus Lu­do­vi­cus' und steht unter der Li­zenz 'Crea­ti­ve Com­mons At­tri­bu­ti­on Share- Alike 2.0 Ger­ma­ny', siehe http://​cre​ativ​ecom​mons.​org/​li­cen­ses/​by-​sa/​2.​0/​de/​deed.​en.

33 Be­son­ders schö­ne Bei­spie­le sind etwa Santa Maria sopra Mi­ner­va in As­si­si, Santa Maria delle Co­lon­ne in Sy­ra­kus (in bei­den Fäl­len wird aus Athe­ne/Mi­ner­va also Maria) oder das Mai­son Carrée in Nîmes.

34 Es lohnt sich, den Zu­sam­men­hang zu zi­tie­ren: "Wenn ein ka­ro­lin­gi­scher König in ein Kreuz sei­nes Hof­schat­zes eine Gemme des ers­ten nach­christ­li­chen Jh.s ein­fü­gen ließ, so ver­än­der­te sein Gold­schmied an ihr viel­leicht kein ein­zi­ges De­tail, aber durch die neue Funk­ti­on, durch die Zu­ge­hö­rig­keit zu einem ka­ro­lin­gi­schen Kron­schatz, der zu­sam­men mit dem Blut der Ahnen und der Haar­tracht ma­gisch-re­li­giö­sen Bei­stand zu ver­bür­gen hatte, än­der­te sich doch alles. Wenn ein ka­ro­lin­gi­scher Schrift­stel­ler die Phi­lo­so­phie­de­fi­ni­ti­on Ci­ce­ros ('Wis­sen der gött­li­chen und mensch­li­chen Dinge in ihren Grün­den') zi­tier­te, ließ er - eben­so wie der Gold­schmied - jede Ein­zel­heit ste­hen, stand aber in einem voll­kom­men an­de­ren Re­al­zu­sam­men­hang [. . .]" - Kurt Flasch: Das phi­lo­so­phi­sche Den­ken im Mit­tel­al­ter, Stutt­gart 1986, 125.