Zur Haupt­na­vi­ga­ti­on sprin­gen [Alt]+[0] Zum Sei­ten­in­halt sprin­gen [Alt]+[1]

7 Ein Mo­dell für den Kon­text

Ver­su­chen wir nun, die Re­sul­ta­te un­se­rer Um­schau sys­te­ma­tisch zu ord­nen, um end­lich we­nigs­tens nä­he­rungs­wei­se eine Ant­wort auf die Frage zu er­hal­ten, was denn nun ein Kon­text sei.

Die De­fi­ni­ti­on des Kon­tex­tes muss heute sehr weit ge­fasst wer­den, um all das ein­zu­be­zie­hen, was his­to­risch in der Be­griffs­ge­schich­te da­zu­ge­kom­men ist. Eine ty­pi­sche De­fi­ni­ti­on be­sagt etwa, der Kon­text sei die Menge "alle[r] Ele­men­te einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on, die das Ver­ständ­nis einer Äu­ße­rung be­stim­men" 43 .

So weit diese De­fi­ni­ti­on ist, so un­kon­kret ist sie; wir be­nö­ti­gen daher un­be­dingt eine Ein­tei­lung in ver­schie­de­ne Un­ter­be­grif­fe bzw. Teile des Kon­tex­tes, um ge­nau­er be­zeich­nen zu kön­nen, wel­chen Kon­text wir je­weils mei­nen. Die üb­li­chen Ein­tei­lun­gen des Kon­tex­tes in "ver­ba­len" und "non­ver­ba­len", "si­tua­ti­ven" und "per­sön­li­chen" Kon­text usw. va­ri­ie­ren in der Fach­li­te­ra­tur je­doch er­heb­lich und sind teils wi­der­sprüch­lich. 44 Ver­mut­lich (so be­haup­te ich) kann man auch gar keine voll­stän­di­ge und ex­ak­te Ein­tei­lung von "Kon­tex­ten" auf­stel­len, weil die ver­schie­de­nen Kon­tex­te immer zu­sam­men­hän­gen und sich nicht trenn­scharf von­ein­an­der ab­gren­zen las­sen.

Modell Um sie aber zu­min­dest zu ord­nen, schla­ge ich vor, dass wir uns am klas­si­schen Drei­ecks­mo­dell der an­ti­ken Rhe­to­rik ori­en­tie­ren. Die­ses Mo­dell be­deu­tet zwar eine star­ke Ver­ein­fa­chung, aber es ist im­mer­hin etwas we­ni­ger pri­mi­tiv und etwas zeit­lo­ser als das im 20. Jahr­hun­dert so be­lieb­te Sen­der/Emp­fän­ger-Mo­dell. 45 Die­ses Mo­dell be­sagt nichts an­de­res, als dass bei der Pro­duk­ti­on (und auch bei der Re­zep­ti­on) jedes Tex­tes immer drei Haupt­ge­sichts­punk­te gel­ten: der Autor, der Re­zi­pi­ent und das Thema des Tex­tes. An den Li­ni­en zwi­schen die­sen drei Kar­di­nal­punk­ten kann man die Be­zie­hun­gen "Autor - Leser", "Autor - Thema", "Re­zi­pi­ent - Thema" fest­ma­chen, und zwi­schen al­le­dem kann man sich den Text selbst wie ein Zelt­dach auf­ge­spannt vor­stel­len. 46

Bei Autor, Re­zi­pi­ent und Thema kön­nen wir all das an­sie­deln, was man oft den "non­ver­ba­len Kon­text" nennt.

Der Au­tor­kon­text um­fasst ei­ner­seits die ganze Le­bens­welt des Au­tors, sei­nen geis­ti­gen Ho­ri­zont, an­de­rer­seits be­son­ders die kon­kre­te Si­tua­ti­on, in wel­cher er einen Text ver­fasst, und seine In­ter­es­sen, also die Au­tor­in­ten­ti­on. Im Falle eines Tex­tes mit Er­zäh­ler oder Ly­ri­schem Ich ver­dop­pelt sich diese Di­men­si­on: wir müs­sen dann zwi­schem dem Kon­text des rea­len Au­tors und jenem des fik­ti­ven Er­zäh­lers oder des ly­ri­schen Ichs un­ter­schei­den.

Dass ich auch den Re­zi­pi­en­ten­kon­text als ge­nui­nen Kon­text an­se­he, mag Sie über­ra­schen, da man klas­si­scher­wei­se den Kon­text vom Leser her be­stimmt und den Leser selbst nicht in den Kon­text ein­be­zieht. Aber die struk­tu­ra­lis­ti­schen Theo­ri­en, wel­che be­to­nen, dass der Text ge­ra­de im Kon­text des Le­ser­be­wusst­seins ope­riert, 47 zei­gen, dass der Leser doch zum Kon­text da­zu­ge­hört, und die Rhe­to­rik hat den Text schon immer v. a. am Re­zi­pi­en­ten aus­ge­rich­tet. In der Pra­xis heißt das etwa: Sie als Leh­rer wer­den einen an­de­ren Ver­ste­hens­ho­ri­zont haben als Ihre Schü­ler, Sie lesen den­sel­ben Text daher in einem an­de­ren Le­ser­kon­text. - Beim Le­ser­kon­text kön­nen wir un­ter­schei­den zwi­schen dem vom Autor beim Schrei­ben ima­gi­nier­ten Mo­dell-Leser, dem lec­tor in fa­bu­la Ecos 48 , und dem rea­len Leser im kon­kre­ten Re­zep­ti­ons­fall.

Der The­makon­text schließ­lich um­fasst die Sach­zu­sam­men­hän­ge des Tex­tes, ins­be­son­de­re das Wech­sel­spiel zwi­schen dem, was er ex­pli­zit be­han­delt, und dem, was er im­pli­zit zum Ver­ständ­nis vor­aus­setzt. Bei fik­tio­na­len Tex­ten ge­hört auch das Wech­sel­spiel zwi­schen er­fun­de­nen Er­eig­nis­sen und der rea­len Si­tua­ti­on zum The­makon­text. Viel­leicht fin­den Sie es naiv, dass ich so ein­fach vom "Thema" eines Tex­tes spre­che, schließ­lich ist das Thema v. a. ly­ri­scher, in der Mo­der­ne auch er­zäh­len­der Texte oft nicht ohne wei­te­res zu be­stim­men: sie schei­nen viele The­men zu haben oder gar kein Thema. Ich glau­be aber, dass es für jedes Spre­chen, das keine bloße Zun­gen­re­de sein will, ir­gend­et­was geben muss, wor­über man spricht, und seien es nur Wör­ter oder das Spre­chen selbst. Nicht immer han­delt es sich also um ein "Thema" im klas­si­schen Sinne eines Auf­satz­the­mas oder eines Plots, aber es gibt doch immer ein Wor­über des Spre­chens, und zu die­sem ge­hört der The­makon­text.

Ge­wis­ser­ma­ßen auf den Li­ni­en zwi­schen die­sen Kar­di­nal­punk­ten kön­nen wir deren Wech­sel­be­zie­hun­gen an­sie­deln, also etwa die Be­zie­hung zwi­schen Autor und Re­zi­pi­ent, wenn diese eine be­son­de­re Rolle spielt. Hier­her ge­hö­ren Fra­gen (und Ant­wor­ten) der Art: Wie stellt sich der Autor sei­nen Leser vor? Wel­ches­Wis­sen setzt er bei die­sem vor­aus? usw. Auch dies ge­hört zum Kon­text.

Zwi­schen al­le­dem spannt sich der Text selbst auf und mit ihm das, was man heute "sprach­li­chen Kon­text" oder "Ko-Text" nennt. Die üb­li­che Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Mikro- und Ma­kro­kon­text ist aber bei wei­tem nicht hin­rei­chend. Viel­mehr kann der Ko-Text auf allen Ebe­nen: vom un­mit­tel­ba­ren Satz­zu­sam­men­hang eines ein­zel­nen Wor­tes 49 über den Zu­sam­men­hang eines Sat­zes im Ka­pi­tel über die Stel­lung des Ka­pi­tels im Ge­samt­text über die Rolle eines Tex­tes im Ge­samt­werk eines Au­tors bis hin zu den Be­zü­gen eines Tex­tes zu sei­nem ge­sam­ten li­te­ra­ri­schen Um­feld, also dem "Ge­spräch der Bü­cher" 50 rei­chen. Noch mehr als bei den an­de­ren Kon­text­ar­ten müs­sen wir also beim Ko-Text immer an­ge­ben, auf wel­cher Ebene wir ihn be­trach­ten.

Sie wer­den viel­leicht ein­wen­den, die­ses Mo­dell sei un­scharf; denn bei­spiels­wei­se kann man den Zu­sam­men­hang eines Tex­tes mit den an­de­ren­Wer­ken des Au­tors nach mei­ner Be­schrei­bung so­wohl als Au­tor­kon­text als auch als sprach­li­chen Ko-Text auf­fas­sen. Ich denke aber, dass dies kein Wi­der­spruch ist: man muss die­sen Kon­text-Typ eben in un­se­rem Mo­dell ir­gend­wo zwi­schen der Ecke "Autor" und dem Wort "Text" in der Mitte an­sie­deln, da der Text ja kon­ti­nu­ier­lich zwi­schen den Ecken auf­ge­spannt ist. Ich lege darum Wert auf die Me­ta­pher "auf­ge­spannt", weil der Text eben eine Ein­heit bil­det und daher auch sein Kon­text trotz aller Viel­falt doch zu­sam­men­hängt. Die As­pek­te des Kon­tex­tes sind flie­ßend, wir kön­nen sie zwar un­ter­schied­lich stark be­to­nen und den ver­schie­de­nen "Ecken" des Tex­tes zu­ord­nen, aber Text wie Kon­text bil­den ei­gent­lich eine Ein­heit. 51

Ein Vor­teil die­ses be­schei­de­nen Mo­dells ist üb­ri­gens, dass es glei­cher­ma­ßen für die klas­si­sche Auf­fas­sung vom Kon­text als Zu­sam­men­hang mit der rea­len Welt ge­eig­net ist wie auch für die struk­tu­ra­lis­ti­sche Sicht, nach der alles textua­li­siert ist und aus­schließ­lich im Me­di­um der Spra­che ab­läuft. Der "Autor" und sein "Leser" wären dann eben nicht die rea­len Per­so­nen und ihre Ge­dan­ken, son­dern al­lein ihr sprach­lich ver­fass­tes Be­wusst­sein.

 


43 So Ha­du­mod Buß­mann (Hg.): Le­xi­kon der Sprach­wis­sen­schaft, Stutt­gart ³2002, s. v. "Kon­text" (der Aus­druck "Menge" stammt von mir).

44 Man ver­glei­che etwa Buß­mann (Hg.) ebd. mit Pa­trick Brandt/Rolf-Al­bert Diet­rich/Georg Schön: Sprach­wis­sen­schaft. Ein roter Faden für das Stu­di­um der deut­schen Spra­che, Köln/Wei­mar/Wien ²2006, 289.

45 "Drei­ecks­mo­dell" ist kein gän­gi­ger Be­griff, ich schla­ge die­sen Namen zur griff­gen Be­zeich­nung vor. In po­pu­lä­ren Dar­stel­lun­gen (man suche nur ein­mal im World Wide Web nach "Drei­eck Rhe­to­rik"!) ist oft vom "Drei­eck der Rhe­to­rik" die Rede, wel­ches dann ver­ein­fa­chend Aris­to­te­les zu­ge­schrie­ben wird; ich halte diese Re­de­wei­se je­doch für etwas ir­re­füh­rend: nicht die Rhe­to­rik ist oder hat ein Drei­eck, son­dern sie be­nutzt ein Drei­eck als Mo­dell. Das Mo­dell hat in der An­ti­ke kei­nen be­son­de­ren Namen, ob­wohl bzw. ge­ra­de weil es als Denk­form von den meis­ten Rhe­to­ri­kern vor­aus­ge­setzt wird, so etwa deut­lich im Auf­bau der Ar­gu­men­ta­ti­on von Aris­to­te­les' Rhe­to­rik. Diese Denk­form dient in der an­ti­ken Theo­rie ins­be­son­de­re dazu, die "An­ge­mes­sen­heit" einer Rede in Bezug auf Autor, Re­zi­pi­ent und Thema zu be­ur­tei­len; da die An­ge­mes­sen­heit hier als Frage des Kon­tex­tes auf­ge­fasst wird, lädt dies zur ver­all­ge­mei­nern­den An­wen­dung des Mo­dells auf alle As­pek­te des Kon­tex­tes ein.

46 Diese Ver­or­tung des Tex­tes als "Flä­che" des Drei­ecks ist meine ei­ge­ne Er­gän­zung des Mo­dells und wird zu­min­dest bei den gän­gi­gen an­ti­ken Au­to­ren nicht be­nannt; sie er­gibt sich aber m. E. fol­ge­rich­tig aus der Un­ter­schei­dung der drei Kar­di­nal­punk­te und er­weist sich für uns im Fol­gen­den als recht nütz­lich.

47 So Lot­man: Struk­tur.

48 Um­ber­to Eco, Lec­tor in fa­bu­la. Die Mit­ar­beit der In­ter­pre­ta­ti­on in er­zäh­len­den Tex­ten, Mün­chen 1987, be­son­ders Kap. 3.

49 Ja theo­re­tisch sogar einer Silbe, eines Lau­tes, wie das zi­tier­te Quin­ti­li­an-Bei­spiel vom Zu­sam­men­hang kur­zer Sil­ben ver­deut­licht!

50 Es gibt eine hüb­sche und viel­leicht auch für Schü­ler an­re­gen­de Be­schrei­bung die­ses stum­men Dia­logs in Um­ber­to Ecos Roman Der Name der Rose (1980), dt. Mün­chen 1982, aber ich finde ge­ra­de die ge­naue Stel­le nicht. Die Suche muss also dem ge­neig­ten Leser über­las­sen wer­den.

51 Frei­lich ist es mög­lich, bei der In­ter­pre­ta­ti­on einen lo­gisch in­kon­sis­ten­ten Kon­text zu­grun­de zu legen, ja dies wird sogar oft un­wis­sent­lich ge­sche­hen. Diese In­kon­sis­tenz, d. h. das Vor­han­den­sein von Wi­der­sprü­chen, ist je­doch eine rein lo­gi­sche Un­voll­kom­men­heit, sie än­dert nichts am Zu­sam­men­hang des Kon­tex­tes. Auch unser Den­ken ver­fährt oft in­kon­sis­tent, d. h. schreibt wi­der­sprüch­li­chen Sät­zen Wahr­heit zu, und ist doch eines . . .