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M4 – Dei­xis

1. Grund­le­gen­des zur Dei­xis107

→ Ety­mo­lo­gie: altgr. δείκνυμι (deíknumi, ‚ich zeige‘)

1.1 Er­schei­nungs­for­men sprach­li­cher Dei­xis108

  • in leicht er­kenn­ba­ren deik­ti­schen Aus­drü­cken, z. B.:

    • hier, dort
    • jetzt, heute, mor­gen
    • ich, wir
  • etwas ver­bor­ge­ner, z. B. in Fle­xi­ons­en­dun­gen beim Verb (z. B. Zeit­ver­hält­nis­se: Zeit­be­zug ist ab­hän­gig vom Zeit­punkt der Äu­ße­rung)

1.2 Arten der Dei­xis109

  • tra­di­tio­nel­le Un­ter­schei­dung:

    • Lo­kald­ei­xis (z. B. hier)
    • Tem­po­rald­ei­xis (z. B. jetzt)
    • Per­so­nald­ei­xis (z. B. ich)

    Origo (Ur­sprung) des Zeig­fel­des nach Karl Büh­ler: Schnitt­punkt der Ko­or­di­na­ten hier, jetzt und ich

  • in der mo­der­nen Lin­gu­is­tik wird die Ob­jekt­dei­xis (die­ser, jener) oft zur Lo­kald­ei­xis ge­rech­net

  • Be­son­der­heit der Text-/Dis­kurs­dei­xis (z. B. wie oben ge­sagt): kein Bezug zur Äu­ße­rungs­si­tua­ti­on

1.3 In­ter­pre­ta­ti­on deik­ti­scher Aus­drü­cke110

In­ter­pre­ta­ti­on des sprach­li­chen Teils des deik­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­tes ist nur zu leis­ten in Bezug auf den nicht-sprach­li­chen An­teil (die Geste)

→ pro­to­ty­pi­sche Ver­wen­dung eines deik­ti­schen Aus­drucks: Ver­bin­dung mit einer Zei­ge­ges­te

Be­ach­te: Es ist auch eine rein sprach­li­che Ver­wen­dung von deik­ti­schen Aus­drü­cken mög­lich (z. B. Be­schrei­bung des Wet­ters an einem be­stimm­ten Ort in einer Post­kar­te)

Äu­ße­rungs­kon­text und Äu­ße­rungs­si­tua­ti­on sind ent­schei­dend: bei der In­ter­pre­ta­ti­on fin­det eine Ar­beits­tei­lung zwi­schen Spra­che und Welt statt (für die De­fi­ni­ti­on deik­ti­scher Aus­drü­cke maß­geb­li­che Ei­gen­schaft)

1.4 Das deik­ti­sche Zen­trum (S. C. Le­vin­son)111

→ Er­wei­te­rung von Büh­lers Kon­zep­ti­on der Origo des Zei­ge­fel­des

→ An­nah­me von pro­to­ty­pi­schen Ei­gen­schaf­ten für die Dei­xis­ar­ten (Per­son, Zeit, Raum, so­zia­le Be­zie­hung, Text/Dis­kurs)

  • pro­to­ty­pi­sche Per­son: Spre­cher*in (S)

  • pro­to­ty­pi­sche Zeit: Zeit des ak­tu­el­len Sprach­voll­zugs durch S

  • pro­to­ty­pi­scher Ort: Ort, an dem sich S auf­hält

  • so­zia­ler Sta­tus und Dis­kurs­ab­schnitt: spre­cher­zen­triert

Bün­del pro­to­ty­pi­scher Ei­gen­schaf­ten als Aus­gangs­punkt, von dem aus deik­tisch ge­zeigt wird

deik­ti­sche Ver­schie­bun­gen, z. B. wenn S den Stand­punkt von A (= Adres­sat*in) ein­nimmt, müs­sen ei­gens mar­kiert wer­den: von dir aus ge­se­hen links, aus sei­ner Lage her­aus, …

2. Lo­kald­ei­xis (hier, da, dort, …)112

  1. Ana­ly­sie­re, wel­che Funk­ti­on den deik­ti­schen Aus­drü­cken in fol­gen­den Bei­spie­len zu­kommt!

    1. Hier bin ich zu Hause.“

    2. Hier ist der Eif­fel­turm, da der Tri­umph­bo­gen und dort der Lou­vre.“

    3. Einem ra­san­ten Au­to­fah­rer, der ge­ra­de an sein Handy gehen will, ruft die Bei­fah­re­rin zu: „Schau lie­ber nach vorn!“

  2. Er­klä­re an­hand des ge­ge­be­nen Bei­spiels, worin die Be­son­der­heit des un­ter­stri­che­nen deik­ti­schen Aus­drucks be­steht!

    Beim ge­mein­sa­men Kaf­fee­trin­ken sit­zen sich Hilde und Re­na­te am Tisch ein­an­der ge­gen­über.

    Hilde: „Der Zu­cker steht links von der Kaf­fee­kan­ne.“

    Re­na­te: „Stimmt.“

3. Tem­po­rald­ei­xis (jetzt, heute, mor­gen, …)113

  1. Ana­ly­sie­re die Ver­wen­dungs­wei­se des deik­ti­schen Aus­drucks „jetzt“ in fol­gen­den Bei­spie­len!

    1. Jetzt geht’s los.“

    2. „Ges­tern hat­ten wir davon noch keine Ah­nung, aber jetzt wis­sen wir mehr.“

    3. Jetzt wis­sen wir, dass die Erde keine Schei­be ist.“

  2. Ana­ly­sie­re, in­wie­weit „spä­ter“ in den ge­ge­be­nen Bei­spie­len deik­tisch ge­braucht wird!

    1. A: „Wann kommt Alex­an­der?“

      B: „Er kommt spä­ter.“

    2. „Alex­an­der kommt um zehn Uhr, Jen­ni­fer kommt spä­ter.“

    3. „Alex­an­der kommt am 15.10.2018 um zehn Uhr, Jen­ni­fer kommt spä­ter.“

  3. Ana­ly­sie­re, worin im Hin­blick auf die Tem­po­rald­ei­xis der Un­ter­schied zwi­schen den fol­gen­den bei­den Äu­ße­run­gen be­steht!

    An­läss­lich der be­vor­ste­hen­den Be­ru­fung ihres Soh­nes zum Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät von Syd­ney sen­det die in Deutsch­land le­ben­de Mut­ter eine Post­kar­te nach Aus­tra­li­en. Fol­gen­de For­mu­lie­run­gen könn­te sie wäh­len:

    1. „Bald wirst du zum Pro­fes­sor be­ru­fen, dann hast du end­lich dein Ziel er­reicht!“

    2. „Du bist in­zwi­schen zum Pro­fes­sor be­ru­fen wor­den, jetzt hast du dein Ziel er­reicht!“

    Kon­text­be­din­gung: Die Be­ru­fung ihres Soh­nes zum Pro­fes­sor liegt zwi­schen dem Ver­fas­sen der Karte durch die Mut­ter in Deutsch­land und dem Ein­tref­fen der Karte in Aus­tra­li­en.

4. Per­so­nald­ei­xis (ich, du, wir, …)114

Bei­spie­le:

„Gehst du mit ins Kino?“ − „Ja, ich komme mit.“

„Wollt ihr mor­gen mit uns ins Schwimm­bad gehen?“ − „Ja, wir gehen mit.“

  1. Ana­ly­sie­re die Ver­wen­dungs­wei­se der Per­so­nald­eik­ti­ka in fol­gen­den Bei­spie­len!

    1. Ein Pas­sa­gier sagt im Flug­zeug: „Sind wir schon am Ziel an­ge­kom­men?“

    2. Der Leh­rer sagt zu sei­nen Schü­lern: „Haben wir denn un­se­re Haus­auf­ga­ben ge­macht?“

    3. „Heut­zu­ta­ge läufst du stun­den­lang durch die Stadt und siehst keine Te­le­fon­zel­le mehr.“

    4. „Wenn ich ans Meer fahre, dann nehme ich doch meine Ba­de­ho­se mit.“

  2. Er­klä­re, worin sich die fol­gen­den Äu­ße­run­gen un­ter­schei­den!

    Der Adres­sat ist je­weils Dr. Mi­cha­el Mau­er­sper­ger:

    1. „Mi­cha­el, hast du kurz Zeit?“

    2. „Herr Mau­er­sper­ger, haben Sie kurz Zeit?“

    3. „Herr Dok­tor, haben Sie kurz Zeit?“

Per­so­nald­ei­xis in po­li­ti­schen Reden

Aus­zug aus An­ge­la Mer­kels Neu­jahrs­an­spra­che 2014:

https://​www.​bun​desr​egie​rung.​de/​breg-​de/​ser­vice/​bul­le­tin/​neu​jahr​sans​prac​he-​2014-​803182115

(„Es gibt viel zu tun … tat­säch­lich dau­er­haft über­win­den.“)

In po­li­ti­schen Reden spie­len Ska­len der In­vol­viert­heit (von ma­xi­ma­ler In­vol­viert­heit bis hin zu ma­xi­ma­ler Dis­tan­ziert­heit) eine wich­ti­ge Rolle.

In An­ge­la Mer­kels Rede ist ins­be­son­de­re der deik­ti­sche Ge­brauch des Per­so­nal­pro­no­mens wir sowie des Pos­ses­si­vums unser zu un­ter­su­chen. Man un­ter­schei­det:

in­klu­si­ves wir: Ein­be­zie­hung der Adres­sa­ten

ex­klu­si­ves wir: keine Ein­be­zie­hung der Adres­sa­ten (wir, aber nicht ihr)116

Ana­ly­sie­re den Ge­brauch der Per­so­nald­eik­ti­ka der 1. Per­son im ge­ge­be­nen Aus­zug aus An­ge­la Mer­kels Rede!

5. Dei­xis und Sprech­ak­te117

  1. Ordne die fol­gen­den bei­den Sprech­ak­te in Se­arles Klas­si­fi­ka­ti­on ein!

  2. Er­läu­te­re, worin der Zu­sam­men­hang zwi­schen der Aus­rich­tung (di­rec­tion of fit) die­ser Sprech­ak­te und dem deik­ti­schen Cha­rak­ter der Äu­ße­rung be­steht!

  1. „Bitte hilf mir beim Umzug!“

  2. „Ich werde dir beim Umzug hel­fen, ver­spro­chen!“

 


107 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 193-195; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 212-215.

108 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 193-194.

109 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 194; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 213-214.

110 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 194-195; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 215.

111 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 195.

112 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 195-199; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 214.

113 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 201-204; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 214.

114 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 204-206; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 213-214.

115 Dr. An­ge­la Mer­kel, Neu­jahrs­an­spra­che 2014, © Pres­se- und In­for­ma­ti­ons­amt der Bun­des­re­gie­rung; via bun­des­re­gie­rung.de (01.01.2014, zu­letzt auf­ge­ru­fen am 08.09.2020). Zu einer de­tail­lier­ten Ana­ly­se vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 211-214.

116 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 212; Mei­bau­er, Ein­füh­rung in die ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik, S. 213.

117 Vgl. Liedt­ke, Mo­der­ne Prag­ma­tik, S. 206-209.

 

Hand­rei­chung Prag­ma­tik: Her­un­ter­la­den [docx][2 MB]

Hand­rei­chung Prag­ma­tik: Her­un­ter­la­den [pdf][2 MB]

 

Wei­ter zu M5