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M3.3 – M3.6: GA Auf­ga­ben für die Grup­pen 1-4

Grup­pe 1: Do­ro­thee Sölle: Ich­ver­lust und Er­folg

Was be­deu­ten Ich­lo­sig­keit und Le­dig­wer­den im Zu­sam­men­hang eines heu­ti­gen mys­ti­schen Weges, der sich als Wi­der­stand aus­drückt? Dass der Weg des be­wuss­ten Wi­der­stands von der Ich­be­ses­sen­heit, die die glo­ba­li­sier­te Pro­duk­ti­on als Part­ne­rin braucht, zur Ich­lo­sig­keit füh­ren muss, ist in Be­grif­fen wie As­ke­se, Kon­sum­ver­zicht, Re­duk­ti­on des Ver­brauchs, ein­fa­che­res Leben schon an­ge­deu­tet. Was fehlt, ist ein Nach­den­ken, das un­se­re ei­ge­ne Ver­floch­ten­heit mit dem wirt­schaft­lich er­wünsch­ten Ego der Ver­brau­cher und Be­nut­zer deut­li­cher macht. Ich will das an einer Frage ver­deut­li­chen, mit der sich jede non-kon­for­me Grup­pe, jede kri­ti­sche Min­der­heit, die zum an­de­ren Leben bei­tra­gen will, aus­ein­an­der­set­zen muss, es ist die Frage nach dem Er­folg.

Be­wer­tet wer­den Ent­schei­dun­gen über mög­li­ches Han­deln, in­ner­halb der vom Markt­den­ken be­herrsch­ten Welt unter einem ein­zi­gen Kri­te­ri­um, dem des Er­folgs. Ist es jetzt not­wen­dig, be­stimm­te For­men des Kon­sums zu boy­kot­tie­ren, Atom­müll­trans­por­te zu blo­ckie­ren, von Ab­schie­bung be­droh­te Flücht­lin­ge zu ver­ste­cken oder pa­zi­fis­ti­schen Wi­der­stand gegen wei­te­re Mi­li­ta­ri­sie­rung zu leis­ten? Wo immer sol­che Über­le­gun­gen auf­tau­chen, da wer­den Fra­gen ge­stellt wie: Wel­chen Sinn hat die­ser Pro­test, ist nicht alles längst ent­schie­den? Lässt sich daran noch etwas än­dern? Was wollt ihr damit schon er­rei­chen? Und wen? Wer sieht das schon? Wer sen­det es? Wie öf­fent­lich wird es? Ich bin ja auch eurer Mei­nung, sagen viele hilf­los-trau­rig, nur nützt diese — sym­bo­li­sche oder reale - Ak­ti­on doch nichts gegen die ge­ball­te Macht der an­de­ren! »Bil­den Sie sich im Ernst ein, dass das Er­folg haben kann?« Sol­che Fra­gen näh­ren Zwei­fel an der De­mo­kra­tie, aber noch mehr ver­un­si­chern sie die Par­tei­lich­keit für das Leben sel­ber. Hin­ter ihnen lau­ert ein Zy­nis­mus, der zeigt, wie ein­ge­bun­den das Ich an die Macht­ver­hält­nis­se ist.

Mar­tin Buber hat ge­sagt: »Er­folg ist kein Name Got­tes.« Nichts mys­ti­scher, nichts hilf­lo­ser als das! Das Nichts, das alles wer­den will und uns braucht, kann in den Ka­te­go­ri­en der Macht nicht be­nannt wer­den. (Darum ist der »all­mäch­ti­ge« oder om­ni­po­ten­te Gott eine so männ­lich-hilf­lo­se, ver­ant­wor­tungs­freie, an­ti­mys­ti­sche Me­ta­pher!) Das Ich los­las­sen heißt unter an­de­rem, den Zwang zum Er­folg hin­ter sich zu las­sen. Es heißt »hin­ge­hen, wo du nichts bist«, und ohne diese Ge­stalt der Mys­tik ver­läuft sich der Wi­der­stand und stirbt vor un­sern Augen. Nicht, dass das Her­stel­len von Öf­fent­lich­keit, das Ge­win­nen von Mit­tä­tern, die Ver­än­de­rung der Ak­zep­tanz keine Rolle spiel­te. Aber das letz­te Kri­te­ri­um der Be­tei­li­gung an wi­der­stän­di­gem, an so­li­da­ri­schem Ver­hal­ten kann nicht der Er­folg sein, das hieße, immer noch nach der Me­lo­die der Her­ren die­ser Welt zu tan­zen.

Quel­le: Sölle, Do­ro­thee, Mys­tik und Wi­der­stand, "Du stil­les Ge­schrei", Ham­burg 1997, S. 287f.

Auf­ga­ben für die Grup­pen 1-4

  1. Er­klärt an­hand Eures Tex­tes, wel­che an­de­ren Wert­set­zun­gen die „mys­ti­sche Tra­di­ti­on“ be­sitzt und auch lebt.
  2. Dis­ku­tiert in der Grup­pe, in­wie­weit sol­che al­ter­na­ti­ven Wert­set­zun­gen plau­si­bel sind bzw. wel­che Kon­se­quen­zen sie be­deu­ten.
  3. Ver­gleicht Söl­les Ideen aus Eurem Text mit dem, was Ihr aus der mys­ti­schen Tra­di­ti­on des Islam er­fah­ren habt (M3.2, Ka­ri­mi) und hal­tet Par­al­le­len und Un­ter­schie­de fest.
  4. Be­rei­tet Euch dar­auf vor, Eure Er­geb­nis­se und Dis­kus­si­ons­in­hal­te im Ple­num zu prä­sen­tie­ren.

Grup­pe 2: Do­ro­thee Sölle: Trotz der Ich­lo­sig­keit

Ich­los wer­den, ledig, frei heißt auch, den Agen­ten der Macht in uns weg­zu­schi­cken, der uns von der Aus­sichts­lo­sig­keit des Un­ter­neh­mens, der Über­macht der In­sti­tu­tio­nen über­zeu­gen will. Ledig wer­den heißt auch, das Ver­hält­nis von Er­folg und Wahr­heit zu kor­ri­gie­ren.

Ich will das an mei­nen ei­ge­nen Er­fah­run­gen in den Jah­ren der Frie­dens­be­we­gung er­läu­tern. In einer ge­wis­sen Nai­vi­tät nahm ich an, die Fra­gen, die Jour­na­lis­ten mir stell­ten, seien vom In­ter­es­se an der Wahr­heit ge­lei­tet. Ich fand es wich­tig, zu wis­sen, ob be­stimm­te Atom­bom­ben als Ver­tei­di­gungs­waf­fen über­haupt zu ge­brau­chen wären — und nicht aus­schließ­lich zum Erst­ein­satz, zur vor­aus­ei­len­den Ver­nich­tung! Mir waren Zah­len wich­tig, die die Kos­ten von Auf­rüs­tung be­kannt­mach­ten und sie ins Ver­hält­nis setz­ten, zu den Schu­len oder Kin­der­kli­ni­ken, die sich mit dem Geld ein­rich­ten lie­ßen. Ich dach­te, es be­stün­de ein Zu­sam­men­hang zwi­schen Auf­rüs­ten und Ver­hun­gern­las­sen, den wir sicht­bar ma­chen soll­ten. Ich nahm an, auch die mich Be­fra­gen­den hät­ten ein In­ter­es­se an die­ser­art oft ver­schwie­ge­nen Wahr­hei­ten.

Es dau­er­te Jahre, bis ich be­griff, dass das In­ter­es­se der Mehr­zahl der Me­di­en­ver­tre­ter ein ganz an­de­res war. Sie woll­ten nicht wis­sen oder ver­brei­ten, wer die Opfer der Auf­rüs­tung sind, sie be­trach­te­ten die Pro­tes­tie­ren­den nur unter dem Ge­sichts­punkt der Ein­schalt­quo­ten. Das In­ter­es­se am Er­folg - Wer sind Sie denn über­haupt? Wen oder was re­prä­sen­tie­ren Sie? — hatte das an der Wahr­heit zu­neh­mend ver­drängt. Die Ver­su­che, das In­ter­es­se an der Wahr­heit wie­der zu er­we­cken, die Opfer sicht­bar zu ma­chen, statt sich be­wusst­los an den Ge­win­nern zu ori­en­tie­ren, hat­ten wenig Chan­cen. Die Ent­mu­ti­gung durch jah­re­lan­ge Er­folg­lo­sig­keit in den gro­ßen Be­we­gun­gen für einen nicht auf mehr Waf­fen ge­bau­ten Frie­den, für wirt­schaft­li­che Ge­rech­tig­keit und So­li­da­ri­tät und für die Be­wah­rung der Schöp­fung ist ein Fak­tum, bit­ter und un­über­seh­bar.

Kön­nen wir das, was Bon­hoef­fer »dem Rad in die Spei­chen fal­len« nann­te, heute über­haupt noch tun? Die Mys­tik der Ich­lo­sig­keit hilft mir dabei, mit den Nie­der­la­gen Got­tes in un­se­rer Welt um­zu­ge­hen. Das Ich los­zu­wer­den heißt, die Wahr­heit nicht dem Er­folgs­den­ken zu op­fern. Ledig wer­den be­deu­tet, den Er­folg nicht für die letz­te Ka­te­go­rie zu hal­ten. Ein ita­lie­ni­scher Mys­ti­ker des 14. Jahr­hun­derts, frü­her ein rei­cher Tuch­händ­ler, ließ sich mit sei­nen Ge­fähr­ten ge­fes­selt unter Schlä­gen und Be­schimp­fun­gen durch die Stra­ßen trei­ben, in denen er frü­her sein Geld ge­macht hatte; ganz wie Chris­tus für uns als ein Irrer galt, so woll­ten auch diese Got­tes­freun­de als Nar­ren und Blöde, »pazzi e stol­ti«, an­ge­se­hen wer­den (Din­zel­ba­cher, 1994, 364).

Etwas von die­ser Nar­ren­haf­tig­keit steckt auch heute in vie­len For­men des in­sze­nier­ten Wi­der­stands. Frau­en, die an Mahn­wa­chen für ge­fol­ter­te Ge­fan­ge­ne teil­nah­men, wer­den an­ge­pö­belt oder be­schimpft. Frei zu wer­den von den Zwän­gen des Er­folg-haben-Müs­sens ist ein mys­ti­scher Kern, der kei­nes­wegs immer be­wusst ist, aber ge­ra­de im Trotz des Wei­ter­ma­chens auf­scheint. Der in der Anti-atom­kraft­be­we­gung auf­tau­chen­de Spruch » Wer sich nicht wehrt, lebt ver­kehrt« hat etwas von die­sem Trotz der Ich­lo­sig­keit. Fröm­mer spricht ihn ein chas­si­di­scher Rabbi aus, der im Gebet ver­har­rend sagte: »Und willst du Is­ra­el noch nicht er­lö­sen, so er­lö­se doch die Gojim al­lein!« (Buber, 1996, 286)

Quel­le: Sölle, Do­ro­thee, Mys­tik und Wi­der­stand, "Du stil­les Ge­schrei", Ham­burg 1997, S. 289f.

Auf­ga­ben für die Grup­pen 1-4

  1. Er­klärt an­hand Eures Tex­tes, wel­che an­de­ren Wert­set­zun­gen die „mys­ti­sche Tra­di­ti­on“ be­sitzt und auch lebt.
  2. Dis­ku­tiert in der Grup­pe, in­wie­weit solch al­ter­na­ti­ve Wert­set­zun­gen plau­si­bel sind bzw. wel­che Kon­se­quen­zen sie be­deu­ten.
  3. Ver­gleicht Söl­les Ideen aus Eurem Text mit dem, was Ihr aus der mys­ti­schen Tra­di­ti­on des Islam er­fah­ren habt (M3.2, Ka­ri­mi) und hal­tet Par­al­le­len und Un­ter­schie­de fest.
  4. Be­rei­tet Euch dar­auf vor, Eure Er­geb­nis­se und Dis­kus­si­ons­in­hal­te im Ple­num zu prä­sen­tie­ren.

Grup­pe 3: Be­sitz­lo­sig­keit (292f.)

Von Jesus sagt ein Mys­ti­ker der Sufi, er sei auf sei­ner Pil­ger­schaft von welt­li­chen Din­gen so ab­ge­löst ge­we­sen, »dass er nur einen Be­cher und einen Kamm mit sich führ­te - doch den Be­cher warf er hin­weg, als er einen Mann aus sei­ner Hand trin­ken sah, und den Kamm, als er einen an­de­ren Mann seine Fin­ger statt eines Kam­mes be­nut­zen sah« (Schim­mel, 1992, 32). Die Ge­schich­te weist, ver­rückt genug, auf den nicht en­den­den Pro­zess hin, der vom Be­sitz zur Be­sitz­lo­sig­keit führt, und die Geste des Weg­wer­fens ist eine, die etwas von Be­frei­ung und von Schön­heit er­zählt. Mich er­in­ner­te sie an einen mitt­le­ren An­ge­stell­ten aus dem Schwarz­wald, der mir schrieb, dass er sein Auto »weg­ge­wor­fen« habe, nach­dem er sich über das Wald­ster­ben in­for­miert hätte. Er brau­che nun fast drei­mal so lange, um zur Ar­beit zu kom­men, fühle sich aber frei­er als zuvor. Der Brief die­ses mir Un­be­kann­ten hatte eine Art von un­be­hol­fe­ner Schön­heit.

In vie­len re­li­giö­sen Tra­di­tio­nen wird Be­sitz als der Seele schäd­lich an­ge­se­hen und Armut als ein Ideal ge­prie­sen, Be­sitz­lo­sig­keit, faqr, wie sie bei Rumi heißt, »ein star­ker Arzt«; sie ist »eine Amme«, die das Men­schen­kind nährt und er­zieht; sie ist auch die »Hei­mat aller Schön­heit« (Schim­mel, 1990, 138f.). Was be­deu­tet die­ses be­fremd­li­che Lob­lied der Be­sitz­lo­sig­keit; warum wer­den in der Berg­pre­digt die Armen jetzt, nicht in einem Jen­seits, se­lig­ge­prie­sen, und aus wel­chen Grün­den soll der Be­sitz eines Ge­brauchs­ge­gen­stan­des wie Kamm oder Auto schäd­lich sein?

Be­sitz er­scheint oft wie eine Art le­bens­ge­fähr­li­cher Droge, sie schwächt die Ur­teils­kraft. »Faul­heit und Feig­heit«, so sieht es Wil­lam James (1979, 320f.), »schlei­chen sich mit jedem Dol­lar und jeder Guinee, die wir zu be­wa­chen haben, ein.« Haben trägt dazu bei, das Ich ab­hän­gig zu ma­chen. Im Haben toter Dinge gleicht es sich dem Tot­sein an. Be­sitz be­setzt die Be­sit­zer und wi­der­spricht dem Ideal des Le­dig­wer­dens. Selbst Ie­bens­er­leich­tern­de Dinge des täg­li­chen Ge­brauchs wer­den als eine Art Ver­füh­rung be­trach­tet - zu der Be­sit­zer­men­ta­li­tat und der Exis­ten­z­wei­se des Ha­bens, die im Bud­dhis­mus als Gier, in der in­di­schen und christ­li­chen Tra­di­ti­on als Hab-Sucht be­zeich­net wird.

Dem Be­sit­zen­wol­len haf­tet ein pro­gre­die­ren­des, ein ge­frä­ßi­ges Ele­ment an, das sich im sim­plen Mehr-haben-Wol­len aus­drückt, aber auch in einer wach­sen­den Ab­hän­gig­keit von Kon­sum­ge­wohn­hei­ten, ohne die Men­schen nicht mehr aus­kom­men wol­len. Das Ich ver­liert dabei seine freund­li­che Dis­tanz zu den zu be­nut­zen­den Din­gen und wird vom Be­sitz­wunsch be­herrscht, der sich rasch auch auf ganz an­de­re Le­bens­be­zie­hun­gen aus­wächst. Part­ner, An­ge­hö­ri­ge und Freun­din­nen wer­den als zu Be­sit­zen­de, ihre Zeit zur Ver­fü­gung stel­len­de Ob­jek­te an­ge­se­hen. Die Be­sitz­be­zie­hung, die ein to­ta­les Ver­fü­gungs­recht über den Ge­gen­stand als selbst­ver­ständ­lich an­nimmt, brei­tet sich aus. Ge­nuss und Lust ver­ne­beln näm­lich jedes klare Ur­teil, weil, wie Jo­han­nes vom Kreuz sich aus­drückt, »es nun ein­mal kei­nen wil­lent­li­chen Ge­nuss an einer Krea­tur gibt, ohne diese auch gleich be­sit­zen zu wol­len« (Joh. v. K., 202). Wol­len oder Be­geh­ren, Wis­sen oder Ver­fü­gen, Haben oder Be­sit­zen ste­hen unter einem Zu­sam­men­hang, der Herr­schaft heißt.

Meis­ter Eck­hart nennt in sei­ner be­rühm­ten Ar­muts­pre­digt über die erste Se­lig­prei­sung (Quant, 1969, 303 66 ) drei Be­din­gun­gen der »in­ne­ren Armut«: das Nichts-Wol­len, das Nichts-Wis­sen und das Nichts-Haben. Alle drei Ge­stal­ten der mys­ti­schen Armut sind auf das Nichts be­zo­gen, des­sen kon­kre­te Ge­stalt und wich­tigs­te Me­ta­pher in der christ­li­chen Mys­tik das Nackt­wer­den ist. Die­ses Nichts ist das, was mich weder bin­den noch be­herr­schen kann. Nichts haben be­deu­tet so­viel wie, über nichts als Herr­sche­rin zu ver­fü­gen. Der (phi­lo­so­phisch nai­ve­re) Ver­fas­ser der »Wolke des Nicht­wis­sens« sagte im Zu­sam­men­hang die­ser Ent­bil­dung:

»Lass nicht ab und blei­be immer in die­sem ›Nichts‹. Ver­lan­ge nur nach einem: Gott in Liebe zu um­fan­gen, den nie­mand durch Er­ken­nen er­fas­sen kann. Ich möch­te lie­ber in die­sem Nir­gend­wo sein und um die­ses dunk­le ›Nichts‹ rin­gen als ein gro­ßer Herr sein, der über­all her­um­rei­sen kann, um die Welt als sein Ei­gen­tum zu ge­nie­ßen.« (Wolke, 68. Kap.)

Quel­le: Sölle, Do­ro­thee, Mys­tik und Wi­der­stand, "Du stil­les Ge­schrei", Ham­burg 1997, S. 292f.

Auf­ga­ben für die Grup­pen 1-4

  1. Er­klärt an­hand Eures Tex­tes, wel­che an­de­ren Wert­set­zun­gen die „mys­ti­sche Tra­di­ti­on“ be­sitzt und auch lebt.
  2. Dis­ku­tiert in der Grup­pe, in­wie­weit sol­che al­ter­na­ti­ven Wert­set­zun­gen plau­si­bel sind bzw. wel­che Kon­se­quen­zen sie be­deu­ten.
  3. Ver­gleicht Söl­les Ideen aus Eurem Text mit dem, was Ihr aus der mys­ti­schen Tra­di­ti­on des Islam er­fah­ren habt (M3.2, Ka­ri­mi) und hal­tet Par­al­le­len und Un­ter­schie­de fest.
  4. Be­rei­tet Euch dar­auf vor, Eure Er­geb­nis­se und Dis­kus­si­ons­in­hal­te im Ple­num zu prä­sen­tie­ren.

M3.6 Grup­pe 4: Gegen die Ori­en­tie­rung am Haben (294f.)

Der Psy­cho­the­ra­peut und So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Erich Fromm (1900-1980) hat in »Haben oder Sein« die Frage nach dem Haben von Eck­harts Pre­digt aus ent­wi­ckelt. Fromm stellt die Be­sitz­gier, die er im Ka­pi­ta­lis­mus wie im da­ma­li­gen Staats­so­zia­lis­mus wal­ten sieht, in einen Ge­gen­satz zum Sein. Das Neue an sei­ner These ist das »oder« zwi­schen Haben und Sein. Es geht nicht um ein freund­li­ches Neben- oder Nach­ein­an­der von erst »Haben«, um dann spä­ter »Sein« zu kön­nen.

»Da wir in einer Ge­sell­schaft leben, die auf den drei Säu­len Pri­vat­ei­gen­tum, Pro­fit und Macht ruht, ist unser Ur­teil äu­ßerst vor­ein­ge­nom­men. Er­wer­ben, Be­sit­zen und Ge­winn­ma­chen sind die ge­hei­lig­ten und un­ver­äu­ßer­lich­ten Rech­te des In­di­vi­du­ums in der In­dus­trie­ge­sell­schaft. Dabei spielt es weder eine Rolle, woher das Ei­gen­tum stammt, noch ist mit sei­nem Be­sitz ir­gend­ei­ne Ver­pflich­tung ver­bun­den.« (Fromm, 1976, 73)

Diese Ori­en­tie­rung am Haben wird als in der mensch­li­chen Natur ver­wur­zelt und daher als un­ver­än­der­bar an­ge­se­hen. Sie zer­stört die Be­zie­hung zum Nächs­ten, zur Natur und zum Ich. Fromm trifft eine hilf­rei­che Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ei­gen­tum, das dem Ge­brauch dient oder »funk­tio­nal« ist, und dem rei­nen Be­sitz, der kei­nen Ge­brauchs­wert hat, son­dern dem so­zia­len Sta­tus des Ego, der Si­che­rung der Zu­kunft oder auch der sich ver­selb­stän­di­gen­den rei­nen Gier dient. Er sieht na­tür­lich, dass der Mensch nicht leben kann, ohne zu haben, meint aber, dass Men­schen seit der Ent­ste­hung des Homo sa­pi­ens vor allem mit Ge­brauchs­ei­gen­tum leb­ten und sich 40.000 Jahre lang dem Zwang des Ha­ben­müs­sens nicht un­ter­war­fen! Erst der ent­wi­ckel­te Ka­pi­ta­lis­mus hat, nach Fromm, eine Men­ta­li­täts­ver­än­de­rung her­vor­ge­bracht, die tat­säch­lich eine Neu­de­fi­ni­ti­on des Men­schen be­deu­tet im Sinne des »Haste was, so biste was«, wie Spar­kas­sen­wer­bung noch in den drei­ßi­ger Jah­ren klot­zig zu leh­ren sich an­maß­te. Die Wer­bung in­sze­niert den ra­schen Um­schlag vom Ge­brauchs­wert zum Be­sitz­kult und be­treibt ge­ra­de­zu das, wovor die mys­ti­sche Tra­di­ti­on ge­warnt hat: dass aus dem er­freu­li­chen Be­sitz eine zu si­chern­de Last wird, dass der Herr und Be­sit­zer zum Skla­ven und Die­ner sei­nes Ei­gen­tums wird. Der ver­spro­che­ne Pa­last wird zum Ge­fäng­nis.

Die mys­ti­sche Tra­di­ti­on hilft gegen diese Ten­den­zen, das Sein durch Haben zu de­fi­nie­ren, und zwar in einem dop­pel­ten Sinn. Die Ra­di­ka­li­tät des Jesus der Sufi­tra­di­ti­on, der Be­cher und Kamm weg­warf, um frei zu wer­den, und die Ver­rückt­hei­ten des hei­li­gen Franz, der Geld nur auf dem Mist­hau­fen dul­de­te, set­zen Zei­chen des Wi­der­stands und der Schön­heit, die in der grö­ße­ren Frei­heit vom Ha­ben­müs­sen sicht­bar sind. Es sind re­vo­lu­tio­nä­re mys­ti­sche Ges­ten, die zum Wi­der­ste­hen ein­la­den. Sie haben aber auch eine re­for­mis­ti­sche, all­tags­be­zo­ge­ne Seite, weil im Weg­wer­fen von Be­sitz auch zu einem funk­tio­na­len — das heißt be­grenz­ten, ver­ein­fach­ten - Ge­brauch des Ei­gen­tums an­ge­lei­tet wird. Es lässt sich ler­nen, dass mit we­ni­ger aus­zu­kom­men oft be­deu­tet, mehr an Zeit und Kraft für an­de­res zu ge­win­nen. Unser Ver­hält­nis zu den Din­gen wird ge­las­se­ner, wir kön­nen sie als uns kurz­fris­tig über­las­se­ne, so­zu­sa­gen ge­lie­he­ne Dinge an­se­hen. Sie ver­selb­stän­di­gen sich nicht mehr und ver­lie­ren die Macht über ihre Be­sit­zer. Die Ver­rückt­heit der Sufis und vie­ler an­de­rer ra­di­kal ei­gen­tums­kri­ti­scher Tra­di­tio­nen deu­tet hin auf die­sen Ju­bel­sprung in die Frei­heit.

Quel­le: Sölle, Do­ro­thee, Mys­tik und Wi­der­stand, "Du stil­les Ge­schrei", Ham­burg 1997, S. 294f.

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  1. Er­klärt an­hand Eures Tex­tes, wel­che an­de­ren Wert­set­zun­gen die „mys­ti­sche Tra­di­ti­on“ be­sitzt und auch lebt.
  2. Dis­ku­tiert in der Grup­pe, in­wie­weit solch al­ter­na­ti­ve Wert­set­zun­gen plau­si­bel sind bzw. wel­che Kon­se­quen­zen sie be­deu­ten.
  3. Ver­gleicht Söl­les Ideen aus Eurem Text mit dem, was Ihr aus der mys­ti­schen Tra­di­ti­on des Islam er­fah­ren habt (M3.2, Ka­ri­mi) und hal­tet Par­al­le­len und Un­ter­schie­de fest.
  4. Be­rei­tet Euch dar­auf vor, Eure Er­geb­nis­se und Dis­kus­si­ons­in­hal­te im Ple­num zu prä­sen­tie­ren.

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