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Hans Walter Wolff


Das Menschenbild des Alten Testaments

Der jahwistische und der priesterschriftliche Schöpfungstext stimmen in drei wesentlichen Punkten überein:
So unterschiedlich die weltanschaulichen Voraussetzungen und die erzählerische Gestaltung der beiden um Jahrhunderte voneinander entfernten Schöpfungsberichte in Gen 1 und 2 sind, so überraschend ist der sachliche Konsens in drei als wesentlich herauszustellenden Punkten:

  1. Der Mensch gehört in die unmittelbare Nähe zum Tier
  2. Durch die besondere Zuwendung Gottes zum Menschen ist er zugleich unübersehbar vom Tier unterschieden
  3. Erst Mann und Frau miteinander stellen einen ganzen und brauchbaren Menschen dar.

Im Unterschied zum jahwistischen Bericht setzt der priesterschriftliche zugleich mit ihrer Erschaffung die Aufgabe der Menschheit, sich zu vermehren bis zur Anfüllung und Eroberung der Erde (Gen 1,28). So ist mit der Schöpfung ausdrücklich Zeugung und Geburt gegeben.

Die Bedeutung der Bezeichnung „Bild Gottes“:
Warum aber wird das Entsprechungsverhältnis mit „ Bild Gottes“ bezeichnet? Hier ist das spezielle Verhältnis zu den übrigen Geschöpfen zu beachten, in das nach der Priesterschrift der Mensch von Gott versetzt wird, wenn er mit Absicht ein „Bild Gottes“ macht: Es ist das Herrschaftsverhältnis. Im Segenswort 1,28 wird dem Menschen noch vor der Beherrschung der Tiere generell die Unterwerfung der Erde befohlen. Ähnlich wird der Sinn der Krönung des Menschen in Ps 8,6f. darin gesehen, dass er „herrscht“ über die Werke göttlicher Schöpfermacht und ihm „alles unter seine Füße“ gelegt wird. Genau als Herrscher ist er Bild Gottes. Im Alten Orient bedeutet die Errichtung eines Standbildes des Königs die Bekundung seiner Herrschaft im Bereich der Errichtung (vgl. Dan 3,1. 5f.). Ließ im 13. Jahrhundert v. Chr. der Pharao Ramses II. an der Mündung des Hundsflusses ins Mittelmeer nördlich von Beirut sein Bild aus den Felsen hauen, so besagte dieses Bild, dass er der Beherrscher dieses Gebietes sei. Dementsprechend wird der Mensch als Standbild Gottes in die Schöpfung eingesetzt. Er dokumentiert, dass Gott der Herr der Schöpfung ist; er praktiziert aber auch die Herrschaft Gottes als sein Verwalter. Nicht in selbstherrlicher Willkür, sondern als verantwortlicher Geschäftsträger nimmt er die Aufgabe wahr. Sein Herrschaftsrecht und seine Herrschaftspflicht sind nicht autonom, sondern abbildhaft.

Grenzen der Herrschaft des Menschen:
Fraglos ist der Auftrag an den Menschen noch nicht zu seinem Ziel gekommen. Wohl aber ist der Mensch als Bild Gottes gefährdet, indem ihm die Herrschaft durch Verkennung der Herrschaftsaufgaben zu entgleiten droht. Schon die Begründung des Verbots, Menschenblut
zu vergießen, mit dem Hinweis auf die Erschaffung des Menschen als Bild Gottes, wies grundlegend auf solche Grenzen hin (Gen 9,5f.). Heute sind wenigstens zwei Konkretionen zu beachten:

  1. Die Unterwerfung der Welt darf nicht zur Gefährdung des Menschen führen, wie sie in der Umweltverschmutzung und -zerstörung bedrohliche Ausmaße annimmt; Herrschaft des Menschen über Menschen verfälscht das Abbild Gottes.
  2. Die Unterwerfung der Welt darf nicht zum Beherrschtwerden des Menschen durch einen Mythos der Technik führen, der das technisch Machbare um seiner Machbarkeit willen produziert und damit Menschen technisch-ökonomischen Zwängen unterwirft.

(Aus: Wolff, Hans Walter: Anthropologie des Alten Testaments. München 3 1973, S. 145, 235, 241 © by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.)

 

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Aufgaben zum biblischen Menschenbild: Herunterladen [doc] [32 KB]

Hans Walter Wolff, Menschenbild des Alten Testaments: Herunterladen [doc] [30 KB]

Einheitsübersetzung Gen 3,1-24: Herunterladen [doc] [29 KB]

Hinweise und Aufgaben zu Gen 3: Herunterladen [doc] [32 KB]

Hinweise zu Deutung von Genesis 3 nach Gerhard von Rad: Herunterladen [doc] [30 KB]

Gen 3,1-24 – Erschlossen und Kommentiert von Hubertus Halbfas:
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Hinweise zur Anthropologie im Neuen Testament: Herunterladen [doc] [29 KB]