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Die Erscheinungsgeschichten


Die Erscheinungsgeschichten bedienen sich einer Sprache, die paradoxe Formulierungen wählt: Man erkennt ihn und erkennt ihn doch wieder nicht, man berührt ihn, und doch ist er unberührbar, er ist derselbe und zugleich ganz anders. Wie geht das zu?

Von den Emmausjüngern heißt es: „Ihre Augen waren gehalten. Sie erkannten ihn nicht“ (Lk 24,16). Im Anhang des Markusevangeliums steht, Jesus sei ihnen „in einer anderen Gestalt“ erschienen (16,12). Matthäus sagt von der letzten Jüngerzusammenkunft: „Einige aber zweifelten“ (Mt 28,17). Am meisten betont das Johannesevangelium die Schwierigkeit, Jesus zu erkennen: Maria Magdalena verwechselt ihn mit dem Gärtner (20,14); Er stand morgens am Seeufer, „doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“ (21,4); Er lädt sie zu essen ein, doch „keiner wagte ihn zu fragen: Wer bist du?“ Und sofort darauf: „Denn sie wussten, dass es der Herr war“ (21,12). Was bedeuten solche Widersprüche: Sie wussten nicht – sie wussten sehr wohl, dass es der Herr war?

Die Stilmittel der Erscheinungsgeschichten arbeiten mit paradoxen Wendungen, um die Nichtverfügbarkeit des österlichen Jesus deutlich zu machen. Fremdheit wechselt mit Vertrautheit; er wird nicht sofort erkannt, sondern erst dann, wenn er etwas Bedeutungsvolles tut: beim Friedensgruß, beim Brotbrechen; er kommt und entschwindet „bei geschlossenen Türen“..., die Frage nach seinem „Vorher“ und „Nachher“ wird nie gestellt. Auf schnelle Leser wirken die Erscheinungsgeschichten einfältig. Dem genaueren Blick zeigt sich jedoch, dass sie hintergründig sind. Wo paradoxe Sprachwendungen begegnen, weist der Sinn immer über die alltägliche Realität hinaus. Was hier erzählt wird, lässt sich nicht digital verrechnen. Es geht um eine Glaubenserfahrung, für die der Hörer oder Leser eigene Voraussetzungen schaffen muss, um für sie offen zu werden. Die Erscheinungen, von denen gesprochen wird, können erst dann verstanden werden, wenn sie als Bezeugung der Auferstehung angenommen werden. Wer nicht an einen Gott glaubt, der die Toten zu sich ruft, für den bleibt jede Rede von Auferstehung verschlossen. Letztlich sind die Erscheinungsgeschichten Glaubenszeugnisse, die in die Jüngerschaft Jesu rufen. Welcher Art aber mögen diese Erscheinungen gewesen sein, die den Osterglauben begründeten und darin die Kirche? Die Evangelien sprechen übereinstimmend davon, dass zunächst eine tiefe Verwirrung und Hoffnungslosigkeit den Jüngerkreis Jesu bestimmt habe. Dann jedoch schlug die Resignation in Begeisterung um. Die sich selbst aufgebende Gemeinschaft fand neu zusammen, nicht wie ein Strohfeuer, sondern dauerhaft und belastungsfähig, bis zur Bereitschaft eines jeden, seine Ostererfahrung mit dem eigenen Tod zu beglaubigen.

Wir können die Art dieser Ostererfahrung, die dem Petrus, dann den „Zwölfen“, dann einem größeren Jüngerkreis zuteil wurde, nicht beschreiben. Jedenfalls war es wohl ein überzeugendes „Erlebnis“, das ihnen aber keineswegs ersparte, sich glaubend darauf einzulassen. Zu sagen, sie hätten „gesehen“, während wir „glauben“ müssen, verfehlt erneut den Charakter dessen, was wir „Auferstehung“ nennen: „Wenn das Wesen des Christentums und das eine und einzige, worum es Jesus ging, der Glaube ist, sollten dann die ersten Zeugen des Glaubens vom Glauben befreit sein? Haben sie gesehen, anstatt zu glauben?

Aus: H. Halbfas, Religionsbuch für das neunte und zehnte Schuljahr, Düsseldorf (4.) 1991, S. 96.

Arbeitsauftrag:

Unterstreichen Sie im Text alle Informationen, die Ihnen helfen, die Ostererzählung von der Erscheinung vor Maria von Magdala (Joh 20,11-18) besser zu verstehen.

 

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