Zur Hauptnavigation springen [Alt]+[0] Zum Seiteninhalt springen [Alt]+[1]

Literatur der Jahrhundertwende

Informationen zur Epoche: https://www.xlibris.de/Epochen/Jahrhundertwende

Material 12

Friedrich Nietzsche: Venedig

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll';s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik -
tranken schwamm's in die Dämm'rung hinaus ...
Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte jemand ihr zu? …

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Arno Holz: Du gingst

In meinem schwarzen Taxuswald
singt ein Märchenvogel –
die ganze Nacht.

Blumen blinken.

Unter Sternen, die sich spiegeln,
treibt mein Boot.

Meine träumenden Hände
tauchen in schwimmende Wasserrosen.

Unten,
lautlos, die Tiefe.

Fern die Ufer! Das Lied. . .

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Ricarda Huch: Todesahnung

Wenn ich heute in den Garten trete,
Seh ich fern des Kirchturms graues Haupt;
Blätterschmuck, der sonst den Blick geraubt,
Deckt die letzten Astern auf dem Beete.

Wildes Flattern, träumerisches Wallen!
Zögernd läßt das Blatt vom Stamme ab,
Sinkt so ungern in des Winters Grab;
Doch der Nordwind heult: sie sind verfallen.

Nicht so schnell, ihr Blätter, von den Bäumen
Fallt, ihr fallt zu meines Herzens Qual;
Seh ich doch zum allerletzten Mal,
Wie die bleichen Pfade bunt sich säumen.

Ihr vielleicht, verscharrt am Wegesrande,
Seht im andern Herbste, über's Jahr.
Eine neuentspross'ne Blätterschar
Niederfallen und verwehn im Sande.

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Georg Trakl: Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg' ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den nachtverschloßnen Garten,
Träum' ich nach ihren helleren Geschicken,
Und fühl' der Stunden Weiser kaum mehr rücken -
So folg' ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Vertall erzittern.
Ein Vogel klagt in den entlaubten Zweigen
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indess' wie blasser Kinder Todesreigen,
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern
Im Wind sich fröstelnd fahle Astern neigen.

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Material 13

Hugo von Hofmannsthal: Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Joseph von Eichendorff: Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Stefan George: Schlucht

Ward hier in dieser schlucht vom hagelpralle
Uralter fels verbröckelt weggespült?
Hat hier ein stein hat eines tieres kralle
Des greisen baumes wurzeln aufgewühlt?

Ist es ein fleck am grunde hin und wieder
Der hauf von grauen flocken die du s‚chaust
Verstreut in alle winkel das gefieder
Der taube die ein sperber hier zerzaust?

Was wirfst du in die rinnen in die splitter
Dich nieder - haupt und brust und arme bloss?
Was soll dein aufgelöst und laut gezitter
Dein weinen in der erde offnen schoss?

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

Eduard Mörike: Im Frühling

Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag' mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Liebe und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldner Kuss
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
- Alte unnennbare Tage!

(zitiert nach Projekt Gutenberg-DE)

 

Literatur der Jahrhundertwende: Herunterladen [odt][24 KB]

Literatur der Jahrhundertwende: Herunterladen [pdf][53 KB]

 

Weiter zu Psychoanalyse und Romantik (Sachtext)