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Se­quenz 3


von StD Hans Ro­bert Spiel­mann

In­ter­pre­ta­ti­ons­ver­su­che: Die öf­fent­li­chen In­sti­tu­tio­nen und das Recht

Die for­ma­len In­sti­tu­tio­nen

In­sti­tu­tio­nen si­chern die Ver­bind­lich­keit des Rechts für die Ge­sell­schaft. Dies ist nicht mehr mög­lich, wenn das ideo­lo­gisch ge­lei­te­te „mo­ra­li­sche“ Ur­teil des käuf­li­chen Nor­mal­ver­brau­chers das Pri­mat des Ge­mein­wohls er­setzt.

  • Der Po­li­zist (Exe­ku­ti­ve)

S. 63 ff.: Die Pla­nung einer Tat ist noch nicht straf­bar! Durch In­an­spruch­nah­me des Kon­sums auf Kre­dit nimmt er bil­li­gend die Kor­rum­pie­rung des Rechts in Kauf.

  • Der Bür­ger­meis­ter (Exe­ku­ti­ve)

S. 69 ff.: For­mal be­tont er die Prin­zi­pi­en des Rechts­staats, mo­ra­lisch steht er be­reits auf Sei­ten des Un­rechts, indem er für Clai­re Ver­ständ­nis äu­ßert und ihren An­spruch als mo­ra­lisch ge­recht­fer­tigt be­zeich­net. Damit gilt ihr Plan als öf­fent­lich sank­tio­niert; Ill wird zum Au­ßen­sei­ter, das Ge­mein­wohl wird zur Funk­ti­on des öko­no­mi­schen In­ter­es­ses.

  • Der Re­gie­rungs­statt­hal­ter (obers­te In­stanz, Rechts­auf­sicht)

S. 81: Ills Kon­takt­ver­such wird vom Post­be­am­ten und Stadt­rat un­ter­bun­den; die Kon­troll­in­stan­zen sind be­reits wir­kungs­los (vgl. „Mi­cha­el Kohl­haas“).

  • Der Rich­ter (Ju­di­ka­ti­ve)

S. 46 ff.: Der Rich­ter wurde in der Vor­ge­schich­te von Clai­re be­reits ziel­ori­en­tiert ge­kauft; somit ent­fällt die Wahr­neh­mung der Auf­ga­be einer ver­fah­rens­mä­ßi­gen Prü­fung von Recht und Ge­rech­tig­keit.

Fazit: Auf die in­sti­tu­tio­nel­len Trä­ger von Recht ist kein Ver­lass mehr. Alle In­stan­zen des po­si­ti­ven Rechts ver­nach­läs­si­gen ihre Ga­ran­tie­funk­ti­on und ver­sa­gen for­mal und mo­ra­lisch.

Die mo­ra­li­schen In­sti­tu­tio­nen

  • Der Pfar­rer (Kir­che)

S. 75 ff.: Er lie­fert kirch­li­che For­meln mit in­di­vi­du­el­ler Schuld­zu­wei­sung, die im Jen­seits ab­ge­rech­net werde. Sein Rat: Ge­wis­sen­for­schung und An­nah­me der Schuld, ge­ge­be­nen­falls Flucht. Seine Dop­pel­mo­ral: Er hofft auf das Geld Clai­res und er­klärt dies mit der mensch­li­chen Schwach­heit.

Fazit: Die Kir­che als mo­ra­li­sches Kor­rek­tiv nimmt ihre Rolle im wirk­li­chen Leben nicht wahr.

  • Der Leh­rer (Schu­le)

S. 102 ff.: Er ak­zep­tiert letzt­lich die Kor­rum­pie­rung des öf­fent­li­chen, mo­ra­li­schen Be­wusst­steins und be­klagt die Macht­lo­sig­keit des idea­lis­ti­schen Hu­ma­ni­täts­glau­bens ge­gen­über der kol­lek­tiv ge­woll­ten Ideo­lo­gi­sie­rung der Moral. Seine Pro­phe­zei­ung: Wo Moral be­lie­big und funk­tio­nal wird, schlägt sie auf die Ver­ant­wort­li­chen zu­rück. An­sons­ten ver­fällt er dem Al­ko­hol und recht­fer­tigt die Er­mor­dung Ills in einer dem­ago­gi­schen Rede, indem er die Un­mo­ral sei­ner Mit­bür­ger in mo­ra­li­sches Ver­hal­ten um­in­ter­pre­tiert (121 f.).

Fazit: Die Er­zie­hungs­in­stan­zen ver­wei­sen auf mo­ra­li­sche Idea­le, ver­mö­gen sie je­doch nicht wirk­lich durch­zu­set­zen.

  • Der Arzt (In­tel­lek­tu­el­le)

S. 86 ff.: Zu­sam­men mit dem Leh­rer macht er einen letz­ten Ver­mitt­lungs­ver­such, um dann vor Clai­res per­fi­dem Plan gleich­falls zu ka­pi­tu­lie­ren.

Fazit: Hu­ma­ne Werte und kom­mer­zi­el­le In­ter­es­sen las­sen sich im wirk­li­chen Leben nicht in Ein­klang brin­gen.

Die öf­fent­li­che Kon­troll­in­stanz

  • Die Pres­se

S. 119 ff.: Die Pres­se er­kennt die ideo­lo­gisch ge­lei­te­te Nor­men­ver­schie­bung nicht bzw. be­treibt sie mit. Sie ist so­fort be­reit, das un­mo­ra­li­sche Ver­hal­ten der Gül­le­ner zu le­gi­ti­mie­ren, sogar zu be­för­dern, indem sie sich auf das Wech­sel­spiel mit den Gül­le­nern und deren eu­phe­mis­ti­sche Stif­tungs­idee zwecks so­zia­ler Wohl­tat ein­lässt und sie sogar pro­pa­giert. Der Preis, die In­kauf­nah­me von Ills Tod, wird ver­schwie­gen. Sie er­weist sich als ober­fläch­lich, sen­sa­ti­ons­lüs­tern und macht sich damit zum Hand­lan­ger der heuch­le­ri­schen Un­mo­ral. Am Ende wird das Zu­sam­men­wir­ken aller Be­tei­lig­ten zwecks öf­fent­li­cher Lüge in der Über­nah­me des „Todes, aus Freu­de“, den Ill ge­stor­ben sei, durch die Me­di­en dras­tisch vor­ge­führt (130).

Fazit: Die Me­di­en ver­sa­gen als mo­ra­li­sche Kon­troll­in­stanz; sie be­för­dern noch das un­mo­ra­li­sche Ver­hal­ten der Ge­sell­schaft.

Die Fol­gen

Die Aus­lie­fe­rung des Recht­s­prin­zips an eine mo­ra­li­sche Emp­fin­dungs­wei­se, die kor­rupt ist, führt zu der gro­tes­ken Ar­gu­men­ta­ti­on, zwecks Recht­fer­ti­gung ei­ge­nen un­mo­ra­li­schen Ver­hal­tens ge­gen­über einem Men­schen die­sem selbst Un­mo­ral vor­zu­wer­fen. Das öf­fent­li­che Be­wusst­sein, das für die Er­hal­tung ver­bind­li­cher mo­ra­li­scher Maß­stä­be sor­gen soll, ver­sagt in dem Au­gen­blick, in dem das Ge­mein­wohl zur ab­so­lu­ten Funk­ti­on des öko­no­mi­schen In­ter­es­ses ge­wor­den ist. Der Ver­such der Gül­le­ner, den Vor­gang zu­nächst von der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on fern­zu­hal­ten, be­weist, dass man sich nicht mehr öf­fent­lich recht­fer­ti­gen will. Wo die sitt­li­che Ver­läss­lich­keit der Ge­mein­schaft fehlt, wird dem In­di­vi­du­um Größe und Tra­gik vor­ent­hal­ten. Diese Er­kennt­nis des Gat­ten VIII (S. 73) ent­spricht ganz der Dür­ren­matt­schen Ko­mö­di­en­theo­rie.

Ill, das aus­ge­grenz­te In­di­vi­du­um

S. 78 ff.: Er droht in der Bal­kon­sze­ne zu­nächst mit Selbst­jus­tiz (vgl. Kohl­haas-Syn­drom: Ich werde vom Ge­mein­we­sen ver­sto­ßen, also er­zwin­ge ich mein „Recht“ mit Ge­walt.), schei­tert je­doch am ei­ge­nen schlech­ten Ge­wis­sen, das –vom Pfar­rer be­reits an­ge­legt- durch den funk­tio­na­lis­tisch-ver­klär­ten Rück­blick Clai­res evo­ziert wird. Ill wird be­wusst, dass sein Ver­hal­ten den Grund­stein zur Kor­rum­pier­bar­keit öf­fent­li­cher Moral ge­legt hat; die Ent­schei­dung ist ge­fal­len (79). Seine „Pas­si­on“ be­ginnt: Ab so­fort steht er als Ein­zel­ner dem Kol­lek­tiv der Gül­le­ner ge­gen­über, das sich auf seine „Kos­ten“ zur all­ge­mein-ver­bind­li­chen öf­fent­li­chen In­stanz ge­macht hat, indem es sich in einer ers­ten Phase nach außen ab­schot­tet. Die Gül­le­ner re­prä­sen­tie­ren nun das Rechts­sys­tem, indem sie die sitt­lich-mo­ra­li­sche Leit­funk­ti­on für sich be­an­sprucht und durch­ge­setzt haben. Ill wird zum „mu­ti­gen Men­schen“.

Fazit: Ill sieht seine tra­gi­sche Schuld und nimmt sie aus ei­ge­ner in­ne­rer Schuld­an­er­kennt­nis auf sich (107 ff.). Er lehnt des­halb einen Selbst­mord „aus Ge­mein­schafts­ge­fühl“ (Der Bür­ger­meis­ter, S. 108) ab –die­ser wäre die Be­stä­ti­gung sei­nes als schuld­haft er­kann­ten Ver­hal­tens und die Exkul­pa­ti­on der Gül­le­ner-, ent­zieht sich öf­fent­li­cher In­sze­nie­rung und kon­fron­tiert aus der er­lang­ten Größe sei­ner Über­zeu­gung, aus sei­nem „Hel­den­tum“, das Kol­lek­tiv mit der Not­wen­dig­keit, selbst Schuld auf sich zu neh­men, „ehr­lich“ zu sein. Sein Ver­zicht auf einen sub­jek­ti­ven Ge­rech­tig­keits­an­spruch ver­langt eben­so die­sen Ver­zicht von Sei­ten der Ge­mein­schaft; kei­ner hat ob­jek­tiv „Recht“. Die Pro­phe­zei­ung des Leh­rers tritt be­reits ein, bevor er sie ge­tä­tigt hat!

Clai­re, die kal­ku­liert War­ten­de

Clai­re zieht im 2. Akt die Fäden und lässt im wahrs­ten Sinne des Wor­tes die „Pup­pen tan­zen“: Die Ehe­män­ner (57 ff.), den schwar­zen Pan­ther (des­sen Tö­tung den Mord an Ill sym­bo­lisch vor­weg­nimmt, 76), den gan­zen „Ri­vierakram“ (72), die Ho­no­ra­tio­ren von Gül­len (z.B. den Leh­rer, 77), Ill (78f.: Sie evo­ziert mit­tels sen­ti­men­ta­ler Er­in­ne­rung sein schlech­tes Ge­wis­sen, um dann den Trans­fer der Mil­li­ar­de an­zu­kün­di­gen = Wen­de­punkt), der ab der Bal­kon­sze­ne be­ginnt, seine Schuld zu ak­zep­tie­ren (Es ist also durch­aus zwei­fel­haft, ob er dies aus frei­em Ent­schluss tut oder ob dies nicht auch ein Teil des per­fi­den Plans von Clai­re ist!). An­sons­ten bleibt sie im Hin­ter­grund: Sie war­tet. Die letz­te Aus­spra­che mit Ill in Par­al­lel­hand­lung zur 1. Szene fin­det in in­tak­ter Natur statt (115 ff.). Sie dient der dis­tan­zier­ten und il­lu­si­ons­lo­sen Ein­ho­lung der Ver­gan­gen­heit durch beide. Ill ak­zep­tiert sei­nen Tod, Clai­re be­kennt sich zu ihrem „Traum von Leben, Liebe, Ver­trau­en“, den sie mit­tels ihrer „Mil­li­ar­den“ wie­der er­rich­ten will, um sich von der Ver­gan­gen­heit los­zu­kau­fen (117). Wahre, echte Idea­le sind nicht mehr mög­lich, weil sie heute kor­rum­pier­bar sind.

Bitte klä­ren Sie fol­gen­de Fra­gen und ver­su­chen Sie di­dak­ti­sche Um­set­zungs­for­men zu ent­wi­ckeln:

  1. Wel­che Rolle spie­len Ju­di­ka­ti­ve, Le­gis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve im Fall Ill?
  2. Wie sind die an­de­ren mo­ra­li­schen In­sti­tu­tio­nen, die Kul­tur­trä­ger von Gül­len, zu be­wer­ten?
  3. Wel­che Rolle spielt die Pres­se?
  4. Wie er­schei­nen die bei­den In­di­vi­du­en des Stü­ckes, Clai­re und Il, in ihrem Ver­hält­nis zu den ge­nann­ten In­sti­tu­tio­nen?
  5. Warum er­gibt sich am Ende des 2. Aktes der Wen­de­punkt des Stü­ckes?

 

Di­dak­ti­sche Um­set­zungs­mög­lich­kei­ten könn­ten z.B. sein:

  • Rol­len­spie­le (Po­li­zist und Bür­ger­meis­ter spre­chen sich ab; Pfar­rer, Leh­rer und Arzt be­ra­ten sich vor ihrem Tref­fen mit Clai­re; Re­dak­ti­ons­kon­fe­renz eines Bou­le­vard­blat­tes zu einer Son­der­aus­ga­be zum Thema „Ill und die Mil­lio­nä­rin“)
  • Se­ri­en-Spe­cial eines Pri­vat­sen­ders zum Thema „Wer wird Mil­lio­när in Gül­len?“ oder Re­cher­che eines se­riö­sen und eines Bou­le­vard­jour­na­lis­ten in Gül­len vor der Ge­mein­de­ver­samm­lung etwa durch In­ter­views mit den be­tei­lig­ten Per­so­nen etc.
  • Grup­pen­ar­beit zur Er­ar­bei­tung von Schau­bil­dern bzw. Stand­bil­dern zu den ein­zel­nen Cha­rak­te­ren im Ver­gleich: Bür­ger­meis­ter, Po­li­zist etc. Im Kon­trast dazu die Ent­wick­lung, die Ill zum „Hel­den“ im Dür­ren­matt­schen Sinne macht, und die Sta­tik der Clai­re, die Dür­ren­matt als „eine Hel­din, von An­fang an“  (Werk­aus­ga­be Bd. 5) sieht.
  • Sze­ni­sche Dar­stel­lung: Der Be­such des Re­gie­rungs­statt­hal­ters in Gül­len: Wie recht­fer­ti­gen die Gül­le­ner ihr Ver­hal­ten?
  • Text­ana­ly­ti­scher Ver­gleich der Rede des Leh­rers mit einer Rede von Marc An­to­ni­us aus Shake­speares „The Tra­ge­die of Iu­li­us Cae­sar“. Schwer­punk­te: Um­in­ter­pre­ta­ti­on von Un­mo­ral in mo­ra­li­sches Ver­hal­ten; Ma­ni­pu­la­ti­on von Zu­hö­rern.