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Anthropozentrische Argumente


2.1. Das Grundbedürfnis-Argument

Was praktische Naturschutzbelange angeht und nicht Argumentationslogik, ist Naturschutz vor allem deswegen so wichtig, weil die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse nach Nahrung, Obdach, Gesundheit hier und in der Dritten Welt, heute und in der Zukunft, auf dem Spiel steht. Das Grundbedürfnis-Argument weist der Natur nur instrumentellen Wert zu (vgl. etwa D. Birnbacher 1988). Doch das Grundbedürfnis-Argument ist nicht das einzige anthropozentrische Argument.


2.2.
Das ästhetische Argument

Einen Eigen wert der schönen und erhabenen Natur kann man mit Martin Seel (1991) zunächst darüber begründen, dass ästhetische Betrachtung, sei es von Kunst oder von Natur, eine zentrale menschliche Glücksmöglichkeit darstellt, also ‚eudai-monistischen’ Eigenwert hat, dann darüber, dass ästhetische Betrachtung, richtig verstanden, verlangt, dass man sich auf das Objekt der Betrachtung einlässt, es nicht für irgendwelche Zwecke instrumentalisiert. Wer ein Gemälde allein daraufhin anschaut, was für einen Preis es auf einer Auktion erzielen wird, betrachtet es nicht ästhetisch. In der ästhetischen Betrachtung hat das Objekt der Betrachtung Eigenwert. Man kann zwar alles, selbst eine Streichholzschachtel oder einen Müllberg, ästhetisch betrachten, aber es gibt Objekte, die besonders zur ästhetischen Betrachtung einladen. Von diesen Objekten sagt man auch unabhängig von einem konkreten Akt ihrer Betrachtung, sie hätten ästhetischen Eigenwert. Der letzte Begründungsschritt muss nur noch feststellen, dass es in der Natur eine unersetzbare Fülle von ästhetischem Eigenwert gibt. Man denke an den Horizont des Meeres, bizarre Felsformationen, gewaltige Wasserfälle, idyllische Täler und zarte Rosen. Der Zerstörung dieser ästhetisch attraktiven Natur durch immer mehr Straßen, Häuser und Fabriken, gilt es entgegenzutreten, soll der Mensch nicht um eine seiner wichtigsten Glücksmöglichkeiten gebracht werden.


2.3. Das Heimat-Argument

Das ästhetische Argument ist nicht das einzige anthropozentrische Argument, welches der Natur einen eudaimonistischen Eigenwert zuerkennt. Das Heimat-Argument gründet in dem Eigenwert von Individualität oder Differenz, dem Bedürfnis – wie Hermann Lübbe (1985) es ausdrückt – „auf rechtfertigungsbedürftige Weise ein Besonderer, ein Anderer sein zu können.“ Natur muss zwar nicht, ist aber häufig Teil menschlicher Besonderheit. Gefragt, wer sie sind, geben viele Menschen u.a. die Landschaft an, aus der sie kommen. Wo Natur als Heimat individueller und kollektiver menschlicher Besonderheit ist, geht der eudaimonistische Eigenwert dieser Besonderheit über auf ihren Teil: Natur. Denn es macht keinen Sinn, dem, was einen Teil von Besonderheit ausmacht, nur einen instrumentellen Wert dafür zuzuschreiben.


2.4.
Das Argument vom Sinn des Lebens

Dieses Argument macht gewisse Einsichten der Weisheitslehren, etwa Meister Eckharts oder Dschuang Dsis oder auch der großen Weltreligionen, für die Frage nach dem richtigen Verhältnis des Menschen zur Natur fruchtbar. Danach ist es angesichts des Widerfahrnischarakters unseres Lebens nicht weise, den Sinn des Lebens in der Erfüllung bestimmter Lebensprojekte, der Karriere oder der Liebe einer Person, zu sehen. Diese Projekte können immer scheitern, und damit verlöre ein solches Leben seinen Sinn. Weise ist dagegen, wie Friedrich Kambartel (1989) ausführt, die Haltung, die das Leben selbst als den Sinn des Lebens begreift. Für die oder den Weisen hat das Leben selbst und alles, was dazugehört – andere Menschen, die Natur -, einen Eigenwert oder eine ‚ Heiligkeit ’. Wem es gelingt, sein Leben um seiner selbst willen zu leben, der erfährt die wahre Lebensfreude, ‚beatitudo’.