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Texte


Exemplarische Argumentationen: Texte 

  1. L. Annaeus Seneca: Naturwidrig?

Leben diejenigen nicht naturwidrig, die Rosen im Winter verlangen und durch Erwärmung mit warmem Wasser und geschicktes Erborgen der winterlichen Wärme die Blumen des Frühlings, Lilien zum vorzeitigen Blühen bringen? Leben diejenigen nicht naturwidrig, die Obstgärten auf turmhohen Gebäuden anlegen? Deren Wälder uns von den Dächern und Giebeln der Häuser zuwinken, mit Wurzeln, die in einer Höhe liegen, bis zu der die Wipfel hinaufzutreiben sich wie ein Frevel wider die Natur ausgenommen haben würde? Leben diejenigen nicht naturwidrig, die die Fundamente ihrer warmen Bäder in Meere legen lassen und die nur dann die volle Annehmlichkeit eines Schwimmbades zu genießen glauben, wenn Flut und Sturm an ihr warmes Badegewässer anschlagen? Haben sie einmal angefangen alles nur in Widerspruch mit der natürlichen Gewohnheit tun zu wollen, so fallen sie schließlich völlig von allem Natürlichen ab. [...]

Euch sage ich: Wie lange wird es noch dauern, so wird es keinen See mehr geben, der nicht von den Giebeln eurer Landhäuser umkränzt ist, keinen Fluss, dessen Ufer nicht eure Gebäude einnehmen!  Wo auch immer die Adern warmer Quellen sich öffnen mögen, da werden sicher neue Herbergen der Wollust entstehen. Wo auch immer die Meeresküste eine Bucht bildet, da werdet ihr alsbald die Fundamente zu einem Palastbau legen, und nicht zufrieden mit dem Stück Land, wenn ihr es euch nicht selbst umgeschaffen habt, werdet ihr die Meereswellen künstlich darauf umleiten. Möget ihr auch allenthalben eure strahlenden Paläste aufführen, hier auf Bergen errichtet, zur weiten Aussicht über Land und Meer, dort aus der Ebene zu Bergeshöhe ansteigend, möget ihr auch noch so viel bauen, noch so Überwältigendes, ihr seid doch ein jeder nur ein einzelnes, winziges Körperchen im Kosmos.

Lucius Annaeus Seneca: Philosophsiche Schriften. Viertes Bändchen. Briefe an Lucilius. Zweiter Teil: Brief 82-124 , übersetzt, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Otto Apelt, Leipzig/Meiner, 1924, S. 78f und 332 f (leicht bearbeitet)

Arbeitsanregungen:
eigene Abb. zum Text suchen  
Vergleich mit dem Zeus-Hymnus des Kleanthes.

„Ob sie als das ‚Fleisch und Blut der Philosophie’ oder als ihre ‚Seele’ betrachtet wird, in jedem Fall bietet die Physik , die wörtlich genommen im Studium der Natur besteht, ein systematisches Verständnis ‚der Welt und der Dinge der Welt’. Die Unentbehrlichkeit solchen Wissens für das ethische Ziel ‚in Übereinstimmung mit der Natur zu leben’ gründet sich auf das Prinzip, dass unsere individuellen menschlichen Naturen Teile der universellen Natur sind.“ A.A. Long/D.N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentar , Stuttgart, 2006, S.317

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