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2. Intuitionsgeleiteter Einstieg in das Thema

Christian Hofmann von Hofmannswaldau:

Beschreibung vollkommener Schönheit

Ein Haar, so kühnlich Trotz der Berenike spricht,
Ein Mund, der Rosen führt und Perlen in sich heget,
Ein Zünglein, so ein Gift vor tausend Herzen träget,
Zwo Brüste, wo Rubin durch Alabaster bricht,

Ein Hals, der Schwanenschnee weit, weit zurücke sticht,
Zwei Wangen, wo die Pracht der Flora sich beweget,
Ein Blick, der Blitze führt und Männer niederleget,
Zwei Arme, deren Kraft oft Leuen hingericht’t,

Ein Herz, aus welchem nichts als mein Verderben quillet,
Ein Wort , so himmlisch ist und mich verdammen kann,
Zwei Hände, derer Grimm mich in den Bann getan

Und durch ein süßes Gift die Seele selbst umhüllet,
Ein Zierat, wie es scheint, im Paradies gemacht,
Hat mich um meinen Witz und meine Freiheit bracht.

Arbeitstexte, S. 12 f.

 

 

 

 

Wolfdietrich Schnurre:

Gedenken

 

 

(Deutsche Liebeslyrik. S. 295)


Johann Wolfgang Goethe:

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

(gutenberg.org 11.2.08)


 

Frageimpulse:

Welche Eindrücke rufen die Gedichte hervor?
Welche Stimmungen und Wirkungen erzeugen sie?
Wie ist das Verhältnis zwischen Liebendem und Geliebter?
Wie stellen die Gedichte die Geliebte dar?
Welches enthält die stärksten Gefühle?
Wie ist ihre äußere Form?

Weiterführung:

Vergleich der beiden Gedichte „Beschreibung vollkommener Schönheit“ und „Vergänglichkeit der Schönheit“ von Hofmannswaldau; „Der Tod und das Mädchen“ von Hans Baldung Grien; Totentanzmotive

 

„Lyrik ist spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts ein »Medium der Auseinandersetzung mit Subjektivität« (Spinner: Umgang mit Lyrik, a.a.O., S. 16). Das lyrische Subjekt, das nur seiner eigenen, unverwechselbaren Stimme folgende Genie , wurde als Instanz angesehen, die nicht mehr nur eine tradierte, durch Gesellschaft und Religion fundamentierte Weltsicht in Verse und Strophen fassen, sondern ein autonomes Ausdruckszentrum subjektiven Empfindens und Erlebens darstellten sollte. Lyrische Subjektivität dieser Art sprengte die der Tradition verpflichteten Formen auf , verlangte nach einer eigenen, unverwechselbaren Sprache und neuen, unverbrauchten poetischen Ausdrucksmöglichkeiten. Das Autonomiepostulat bildet fortan ein Basiselement der Gattungsgeschichte. Dass die lyrischen Stimmen nicht mehr wie noch zur Goethezeit (und in der Hochblüte der Erlebnislyrik bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts) als authentische Herzensschrift, sondern als konstruiertes und reflektiertes Sprachgebilde verstanden werden, verweist auf die Rolle der historischen Zäsur um 1890 , auf die Bedeutung der lyrischen Moderne und ihre bis heute facettenreiche Geschichte (Dieter Lamping: Das lyrische Ich. Definition zu Theorie und Geschichte der Gattung. Göttingen 1989).
(Korte: Lyrik im Unterricht, a.a.O., S. 215, Hervorhebungen: G. F.)