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Wie misst man die Qualität eines Urteils?

Schülerinnen und Schüler können bei einem Sach- oder Werturteil durchaus zum gleichen Ergebnis kommen, die Qualität des Urteils kann sich aber stark unterscheiden. So ist denkbar, dass zwei Schüler auf die Frage, ob die Türkei Mitglied der EU werden soll, mit „Nein“ antworten, also zum gleichen Ergebnis kommen. Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern die Art und Weise, wie das Ergebnis begründet wird. Eine Zuwachs an Urteilskompetenz zeigt sich also in der Qualität der Begründung und Reflexion. Sander beschreibt diese Qualitätsverbesserung als eine „Zunahme von Komplexität“.

Bsp.: Griechenland und die Eurokrise 2010

Urteil: Griechenland muss die Gemeinschaftswährung abgeben und die Drachme wieder einführen

Begründungsmuster:

  1. Die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt und haben den Euro nicht verdient.
  2. Griechenland hat aufgrund steigender Lohnstückkosten erhebliche Wettbewerbsnachteile gegenüber Deutschland. Im Euroraum kann Griechenland durch eine Abwertung diese Situation nicht verbessern. Dies kann nur mit einer eigenen Währung gelingen.

Bei Werturteilen geht es um die Erweiterung des Bezugsfeldes eines moralischen Urteils. Der Maßstab des Urteils „erweitert“ sich und Schülerinnen und Schüler sind darüber hinaus in der Lage, die „Richtigkeit“ des angewandten Maßstabs zu reflektieren und verschiedene Herangehensweisen gegeneinander abzuwägen:

Mein persönlicher Nutzen oder Schaden Bin ich persönlich betroffen?
Vorstellungen meines engen sozialen Umfeldes Ist meine Familie betroffen?
Geltende Normen- und Regelvorstellungen einer bestimmten Gesellschaft Entspricht die geplante Maßnahme den Normvorstellungen unserer Gesellschaft?
Allgemein generalisierbare ethische Prinzipien Ist die Entscheidung mit grundlegenden ethischen Prinzipien zu vereinbaren?

Bezugsfelder, mit denen man ein Werturteil begründen kann, wären bspw.:

  • Kants kategorischer Imperativ
  • Utilitaristische Nutzenkalküle
  • Gesinnungsethische und verantwortungsethische Betrachtungen
  • (...)

Ziel des Kompetenzentrainings ist dabei nicht, bestimmte Wertvorstellungen zu vermitteln, sondern den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, sich mit den Wertvorstellungen auseinanderzusetzen und ihre persönlichen Wertvorstellungen weiter auszubauen.

Im Bereich der Sachurteile beschreibt Sander die Komplexitätssteigerung eines Urteils mit der Fähigkeit „genauer hinzusehen“.
Diese Komplexitätssteigerung kann erreicht werden, indem Schülerinnen und Schüler lernen:

  • In den drei Dimensionen des Politischen zu denken
  • Verschiedene sozialwissenschaftliche Perspektiven anzuwenden, z.B. die ökonomische Verhaltenstheorie
  • Dialektische Kategorienpaare auf politische Probleme anzuwenden (z.B. Legitimität und Effizienz)
  • Politische Prozesse „vernetzt“ zu erfassen, d.h. auch nicht-intendierte Folgen politischer Entscheidungen einzubeziehen (z.B. die Konsolidierung des Bundeshaushalts u.a. durch Einsparungen bei den Hartz IV Ausgaben und die Folgen dieser Sparmaßnahmen auf private Haushalte mit geringer oder keiner Sparquote)

 

Politische Urteilskompetenz trainieren: Herunterladen [pdf] [158 KB]

Beispiel: Ein lehr-lerntheoretischer Urteilszyklus

Kann man Urteilen lernen?