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Grundlagen/Literatur

„Neue“ Aufgabenkultur

Warum eine „neue“ Aufgabenkultur?
Die Diskussion um eine neue Aufgabenkultur basiert auf den internationalen Leistungstests (TIMSS, PISA, IGLU) einerseits sowie einer Studie der Bund-Länder-Kommission (BLK) andererseits. Während erstere für Deutschland unbefriedigende, weil mit Blick auf komplexe und realitätsbezogen Anforderungen unterdurchschnittliche Ergebnisse erbrachten, ergab die BLK-Studie, dass hierzulande Neues in aller Regel mittels fragend-entwickelnden Unterrichts erarbeitet würde und kaum – wie in anderen Ländern - durch Lernaufgaben. Die hierzulande tradierte Aufgabenkultur weise zudem wenig Abwechslung auf, sei daher monoton, kenne nur selten Anwendungsbezüge auf reale Lebenssituationen, betone stattdessen kurzfristige Behaltens- und Verständnisleistungen und lasse zudem die erforderliche Intensität regelmäßiger Wiederholungen, die Verknüpfung von  neu gelerntem mit bekanntem Wissen sowie die Kumulativität des Lernens vermissen. Diese Feststellungen wurden in Verbindung gebracht mit schlechten Leistungen der Schüler bei länger zurückliegenden Lerninhalten. Ähnliche Defizite wurden anhand einer Studie über Sachsen-Anhalt auch für den Geographieunterricht ermittelt. Dabei wurde deutlich, dass die Anforderungen überproportional im unteren und mittleren Niveau der Anforderungsbereiche lagen, wohingegen der Anforderungsbereich II und III, der auf den reflexiven Umgang mit neuen Problemstellungen und damit auf Anwendungswissen abzielt, kaum umgesetzt wurde. Ferner dominierte die reine Reproduktion von Sachinformationen gegenüber Transferaufgaben und kreativen Problemlösungsaufgaben sowie unabhängige Einzelprobleme vor komplexen Herangehensweisen. Die Vielfalt der Aufgabentypen wurde bei weitem nicht ausgeschöpft, kreative und auf Lernprozesse hin ausgerichtete Aufgaben kamen zu kurz.

Zielsetzung der „neuen“ Aufgabenkultur
Aufbauend auf dieser Diskussion und verstärkt durch Forderungen von Lernpsychologen, wonach ständige und systematische Vernetzung von Unterrichtsinhalten als notwendige Voraussetzung für erfolgreiches Lernen zu sehen ist, wird in Verbindung mit der Hinwendung zu standardbasierten, kompetenzorientierten Unterrichtskonzepten eine neue Aufgabenkultur entwickelt. Deren Vision favorisiert den Wandel der Schule hin zur Lernwerkstatt. Dabei kommt den Aufgaben die zentrale Bedeutung im Bemühen um die oben genannten Defizite und somit der Qualitätssteigerung des Lernens zu. Im Sinne Hilbert Meyers Verständnis von gutem Unterricht gilt für die „neue“ Aufgabenkultur, dass die Arbeitsanweisungen klar strukturiert und inhaltlich formuliert sind, methodisch vielfältig sinnstiftende Kommunikation in Gang setzen, zur individuellen Förderung beitragen, die Leistungserwartung transparent machen und in der Summe intelligentes Üben initiieren.Lerntheoretischer Hintergrund der „neuen“ Aufgabenkultur

Lernpsychologisch untermauert sind die Ansätze der „neuen“ Aufgabenkultur durch den moderaten Konstruktivismus, der Lernen als gleichermaßen aktiven wie rezeptiven Prozess begreift. Damit vermittelt diese pragmatische Position gleichermaßen zwischen der kognitivistischen und der konstruktivistischen Lerntheorie. Die kognitivistische Lerntheorie versteht Lernen als rezeptiven Prozess, Unterrichten folglich im Sinne von Anleiten, Darbieten und Erklären mit einer starken, aktiven Position des Lehrenden und dessen Instruktionen. Im Gegensatz dazu wird Lernen in der konstruktivistischen Lerntheorie als konstruktiver und situativer Prozess verstanden, der die starke, aktive Position des Lernenden und dessen Konstruktion von Vorstellungen betont. Unterricht ist somit im Sinne von Unterstützen, Anregen und Beraten mit einer letztlich reaktiven Position de Lehrenden zu sehen. Der moderate Konstruktivismus ist geleitet vom Wechsel der Schülerinnen und Schüler zwischen aktiven und rezeptiven Phasen sowie von der situationsbedingten Berechtigung von Instruktion und Konstruktion. Das unterrichtspragmatische Resultat dieser Überlegung fließt ein in die Gestaltung problemorientierter Lernumgebungen, die als adäquate Aufgabenform erkannt wurde und die geeignet ist, Motivation, Selbständigkeit und Darbietung sinnvoll miteinander zu verzahnen.

Anforderungen an die „neue“ Aufgabenkultur
Eine „neue“ Aufgabenkultur soll aufbauend auf den neuen Erkenntnissen der Lehr- und Lernforschung vorrangig die Entwicklung der in den Bildungsstandards niedergeschriebenen Kompetenzen der Schülerinnen und Schülern fördern. Sie soll aber zugleich auch dazu beitragen die eigene Aufgabenkultur kritisch zu reflektieren und es so ermöglichen, Bewährtes begründet beizubehalten. Die „neue“ Aufgabenkultur zeichnet sich folgerichtig durch ihre Ausrichtung auf die Bildungsstandards, durch ihre Vielfältigkeit, ihre fächerübergreifenden, kontextorientierten und an Realsituationen ausgerichteten Fragestellungen, aber auch durch ihren bewussten Umgang mit offenen Fragestellungen aus. Sie ist geeignet, Lern- und Sprechanlässe zu schaffen und binnendifferenziert die Eigenständigkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern sowie  zurückliegende Inhalte kontinuierlich und systematisch zu wiederholen.

Lernaufgaben als besondere Form der „neuen“ Aufgabenkultur
Unter den Aufgabenformen der „neuen“ Aufgabenkultur kommt Lernaufgaben eine besondere Bedeutung zu. Unter Lernaufgaben versteht man eine Folge von gestuften Arbeitsaufträgen, die die Schülerinnen und Schüler so führen, dass sie sich möglichst eigentätig neue Inhalte und Methoden erschließen. Um dies zu erreichen, müssen Lernaufgaben folgende Anforderungen erfüllen: Die Aufgaben müssen geeignet sein, den Sachverhalt exemplarisch zu erschließen, ein Schülerbedürfnis ansprechen, in ihren Anforderungen knapp über dem bereits existenten Wissen bzw. Können der Schüler liegen und dennoch Neuigkeitswerte umfassen. Vor allem aber muss die Lernaufgabe bewältigbar sein. Dies gilt auch für heterogene Lerngruppen, woraus resultiert, dass Lernaufgaben binnendifferenziert angelegt sein sollten. Zudem müssen die erworbenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowohl abrufbar als auch auf ähnliche Situationen im Sinne eines Transfers übertragbar sein. Schließlich muss die Aufgabenstellung so formuliert sein, dass unterschiedliche Herangehensweisen und auch Lösungen ermöglicht werden, dass der Austausch und die Kommunikation unter den Schülern angeregt  und dadurch Vorwissen aktiviert, Ideen benannt und Ergebnisse diskutiert und überprüft werden.

Die aktuelle Diskussion über die „neue“ Aufgabenkultur
Die Diskussion über eine „neue Aufgabenkultur“ im Geographieunterricht setzte verstärkt mit der Veröffentlichung der nationalen Bildungsstandards Geographie mit Aufgabenbeispielen ein. In jüngster Zeit ist die Diskussion insbesondere durch Anregungen aus den Naturwissenschaften, insbesondere durch die Arbeiten von Josef Leisen, Mainz zur Physikdidaktik, aber auch durch die Anregungen der auf Abschätzung von Realsituationen zielenden, hoch kreativen Fermi-Fragen bereichert worden. Geographiespezifisch wiederum hat die Übertragung der ursprünglich von David Leat in Großbritannien begründeten Schule „Thinking through Geography“ nach Deutschland durch ihre methodischen Ansätze, die den Anforderungen der neuen Aufgabenkultur und somit der Entwicklung der Kompetenzen gerecht werden geleistet. In jüngster Zeit sind es vor allem die Arbeiten von Sibylle Reinfried zu Schülervorstellung und „conceptual change“, die die Diskussion erweitern.

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Literaturhinweise „Neue Aufgabenkultur“

Die nachfolgende Zusammenstellung von Literaturhinweisen zum Thema „Neue Aufgabenkultur“ erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Stattdessen wurden zentrale Beiträge der Diskussion aus den Printmedien und dem Internet der letzten Jahre hier aufgeführt, die dem Nutzer einen ersten Zugang und zugleich weiterführende Hinweise zur Diskussion geben.

  • Brodengeier, Egbert: Neue Aufgabenkultur. Umsetzungsansätze aus der Praxis. Vortrag im Rahmen des Klett-GEO-Symposium 2007
    unter: http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/klett_symposium_aufgabenkultur.pdf
  • Colditz, Margit, Ingrid Hemmer u.a. : Bildungsstandards konkret. Aufgabenkultur und Aufgabenbeispiele. In: geographie heute, Heft 255/256, 2007, S. 14-18
  • Deutsche Gesellschaft für Geographie: Bildungsstandards im Fach Geographie für den mittleren Schulabschluss – mit Aufgabenbeispielen. Görlitz 2007
  • Friedrich Jahresheft 2003: Aufgaben. Seelze 2003
  • Herzig, Reinhard: Kompetenzen, Bildungsstandards, Neue Aufgabenkultur im Geographieunterricht. In: Geographie aktuell, Heft 4, 2008, S. 27-30
  • Leisen, Josef: Aufgabenkultur im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht. In: Aus: MNU 59/5 (15.7.2006), S. 260-266
  • Reinfried, Sibylle: Schülervorstellungen und Lernen von Geographie. In: geographie heute, Heft 265, 2008, S. 8-13
  • Stäudel, Lutz: Guter Unterricht mit guten Aufgaben. In: Guter Unterricht. Maßstäbe & Merkmale, Wege & Werkzeuge. Seelze 2007, S. 47-49 (= Friedrich Jahresheft XXV, 2007)
  • Vankan, Leon, Gertrude Rohwer und Stefan Schuler: Diercke-Methoden. Denken lernen mit Geographie. Braunschweig 2007


Unter folgendem Link finden sich eine Vielzahl aktueller Vortragsmanuskripte zur Diskussion über eine „neue Aufgabenkultur“ in den Naturwissenschaften
Link: www.aufgabenkultur.studienseminar-koblenz.de/

Literaturhinweise Aufgabenkultur: Herunterladen [.doc] [26 KB]
Literaturhinweise Aufgabenkultur: Herunterladen [.pdf] [11 KB]