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Didaktische Hinweise & Vernetzung

Mirjam Presslers letztes Werk ist inhaltlich wie strukturell anspruchsvoll und attraktiv. Für den Deutschunterricht ist der Roman in mehrfacher Hinsicht wertvoll. Nachfolgend werden einige Themen und Aspekte angeführt, die sich zur Behandlung im Rahmen einer Unterrichtseinheit eignen.

Adoleszenz als Prozess: Durch die berichteten Ereignisse, aber auch durch die nachvollziehbaren Perspektiven der beiden Protagonistinnen, wird Adoleszenz Gegenstand und Medium des Romans. Die Suche nach dem eigenen Ort und der eigenen Ausprägung in einer unübersichtlichen Welt der Gegenwart ist in dem Roman auf diskrete Weise eindrucksvoll und eignet sich sehr für die Thematisierung im Unterricht. Lauras Entwicklung lässt sich gut an der Veränderung der Beziehung zur ihrer Mutter ablesen und nachzeichnen.

Junge Liebe: „Dunkles Gold“ ist neben allen anderen Aspekten auch eine Liebesgeschichte. Beziehung und Kommunikation sind lohnende Aspekte der Behandlung im Deutschunterricht. Besonders fruchtbar ist die Beschäftigung mit den Schwierigkeiten, die die entstehende Beziehung behindern. Mit Laura und Alexej treffen zwei Kulturen aufeinander, deren Zusammenleben auch historisch durch das behindert wird, was der Roman immer wieder „Fettnäpfchen“ nennt, also nicht der eigentliche Antisemitismus, sondern die durch Unkenntnis und Unsicherheit geförderten Missverständnisse.

Die Graphic Novel als Kunstform wird auf eine Weise thematisiert, die es möglich, ja sogar ertragreich macht, literarische und graphische Kunstformen in Bezug auf ihre Ausdrucksmittel und -möglichkeiten zum Thema zu machen. Die Übertragung von Sprachlich-Gedanklichem in Bildliches wird im Roman sorgfältig beschrieben. Diese Beschreibungen können Ausgangspunkt sein für Beschäftigungen mit künstlerischem Medien-wechsel, aber auch für eigene graphische Gestaltungen.

Zentrales gesellschaftliches Thema des Romans ist der moderne Alltagsantisemitismus. Dieser verweigert sich in der Art und Weise, wie er dargestellt wird, schnellen und pauschalen Erklärungsmustern und ist dadurch als Unterrichtsaspekt doppelt wertvoll. Lauras Annäherung an die Geschichte des Schatzes und an den Mitschüler Alexej geht einher mit einer Sensibilisierung für Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus. Eine lange bestehende Freundschaft Lauras mit einem Mitschüler etwa geht aufgrund dessen antisemitischer Haltung verloren. Die differenzierte Beschreibung des Prozesses eignet sich sehr für eine Thematisierung im Unterricht mit konzentriertem Close Reading, um Feinheiten der beschriebenen Entwicklungen zu erforschen. Spannend ist das Eingehen auf unbedachtes Verwenden von antisemitischen Beschimpfungen unter Schülerinnen und Schülern.

Rollen und Möglichkeiten für Frauen in der Gesellschaft sind ein mehrschichtiges Thema des Romans, das offensichtlich sehr bewusst gestaltet ist. Im Fokus stehen auf beiden zeitlichen Ebenen mehrheitlich Frauen und Mädchen, die durch Tatkraft und Gestaltungswillen auffallen. Lauras Mutter ist ebenso berufstätig wie ihre von Laura bewunderte Freundin Tamara. In Alexejs Familie fallen dessen Mutter und Großmutter als bestimmende Persönlichkeiten auf. Den aktiven Frauen stehen Männer gegenüber, die durchweg weniger aktiv dargestellt sind. Von Alexejs Vater erfährt man an prominenter Stelle, er habe „ein paar Kilo zuviel“. Ansonsten erscheint er freundlich und interessiert, nur eben nicht ausnehmend umtriebig. Lauras Vater existiert gar nicht erst, oder nur als blasse Erinnerung der Mutter. In diesem Zusammenhang erscheint es bezeichnend, dass das einzige männliche Wesen in Lauras Familie ein Hund namens Herr Schneider ist, der aufgrund seines Alters eher träge erscheint und häufig schläft.

Im Kontrast zu dieser Welt im 21. Jahrhundert steht die imaginierte von 1349. Die meisten Entscheidungen werden hier selbstverständlich von Männern getroffen. Erst nach dem Tod ihres Vaters kann Rachel beginnen, selbstbestimmt zu handeln und fungiert kurzfristig sogar ihrem Bruder Joschua gegenüber als Familienoberhaupt. Am Ende ist sie aber erleichtert, dass sie die ihr auferlegte Eigenständigkeit zugunsten einer traditionellen Rolle in einer Ehe aufgeben darf. Ihre Haltung wird im dargestellten historischen Kontext plausibel, Lauras Entscheidungsfreiheit in der Gegenwart gewinnt vor dieser Folie an Bedeutung, plausibel ist sie allerdings ohnehin.

Erzählerische Gestaltung: „Dunkles Gold“ folgt einem doppelten Kursus, erzählt zwei Geschichten parallel. Die Struktur des Textes ist nicht überkomplex, sie weist aber formale Besonderheiten auf, die erkenntnisfördernd werden können. Die beiden Erzählstränge erhellen sich gegenseitig, indem Lauras Interesse für das Judentum und seine Geschichte und Rachels Blick auf ihre Situation sich aufeinander beziehen. Auch bietet „Dunkles Gold“ neben den inhaltlichen Erkenntnismöglichkeiten, zum Beispiel durch vergleichende Personencharakterisierung, einen Zugang zum Verständnis des Funktionierens eines modernen Jugendromans, der nicht lediglich monoperspektivisch arbeitet.

Textausgabe:

Mirjam Pressler: Dunkles Gold. Weinheim 2019.

Pressler: „Dunkles Gold“: Herunterladen [docx][84 KB]