Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven
Der Roman „Echtzeitalter“ lässt sich literaturwissenschaftlich mehrfach zuordnen. Zunächst ist er ein Bildungs- bzw. Schulroman und kann als solcher in einer Reihe genannt werden mit Friedrich Torbergs „Der Schüler Gerber“ (1930), Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906) oder Hermann Hesses „Unterm Rad“ (1905/6). Allesamt werfen diese Werke einen eher kritischen Blick auf die Bildungseinrichtungen ihrer Zeit. Dargestellt werden autoritäre Systeme, die auf konservativen Denkweisen beruhen. Es geht um die Diskrepanz zwischen den persönlichen Leidenschaften und den Anforderungen, die an Heranwachsende von außen herangetragen werden.
Ebenso kann der Roman als Adoleszenzroman oder Coming-of-Age-Roman gedeutet werden. Schachinger lässt seinen Protagonisten im Lauf seiner Pubertät Höhen und Tiefen erleben, lässt ihn scheitern und Erfolge feiern. Am Ende steht ein junger Mann am Anfang seines Lebens. Anders jedoch als in den klassischen Adoleszenzromanen ist Tills Entwicklung hier noch nicht zu ihrer Blüte gekommen, er bleibt unsicher und tastend, vage in die Welt und Zukunft blickend.
Gleichzeitig ist Schachingers Werk ein moderner Gesellschaftsroman mit popkultureller Referenz. Der Roman wirft einen literarisch-humoristischen Blick hinter die Fassade der (Wiener) Elite. Literarisch verarbeitet sind real existierende Personen, Orte und Ereignisse. So findet deutsche Schriftsteller ebenso Eingang wie die Rahlgasse in Wien, die Corona-Krise und die Ibiza-Affäre. Besonders ist der erfundene, aber an die Realität angelegte, Ort des Marianums: Ein Elitegymnasium Wiens, eine Kaderschmiede für die Reichen und Einflussreichen. Und es zeigt sich dort, dass sich hinter der glatten Fassade des Bürgertums so manche Unebenheit versteckt. Ein besonderes und hoch aktuelles Thema des Romans ist der latente Rassismus der österreichischen Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart.
Wie ein roter Faden zieht sich das Gaming auf mehreren Ebenen durch den Roman. „Echtzeitalter“ kann damit auch dem Genre der Computerspielliteratur zugeordnet werden. Damit steht der Roman in einer Reihe mit dem bereits 1998 erschienenen Roman „Level 4 – die Stadt der Kinder“ Andreas Schlüters oder auch Ursula Poznanskis Roman „Erebos“, der 2011 erschien (vgl. zur Computerspielliteratur Christian Albrecht/Maren Conrad 2023). Ob man den Einfluss des Gamings auf die heutige Literatur gleichsetzen kann mit dem der Fotografie oder des Films zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist wissenschaftlich noch offen. Dass im Literaturarchiv in Marbach nun eine Computerspiele-Sammlung existiert, zeigt die Berechtigung dieses Diskurses.
Textausgabe:
Taschenbuchausgabe: Tonio Schachinger: Echtzeitalter. Hamburg 2024.
Schachinger: „Echtzeitalter“: Herunterladen [docx][172 KB]
Weiter zu Didaktische Hinweise & Vernetzung