Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven
Der „Tanz der Tiefseequalle“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der sich sensibler Themen des Heranwachsens annimmt und sie zu einer glaubhaften, authentischen und immer wieder auch lustigen Geschichte zusammenbringt.
Die großen Themen des Romans sind Freundschaft und Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Bodyshaming, Mobbing und Zivilcourage sowie die Frage nach der Liebe. Wobei im wissenschaftlichen Diskurs auch Fragen der interkulturellen Perspektive diskutiert werden (Kißling 2022).
Ein zentraler Aspekt des Romans ist das Thema Mobbing. Dieses ist anhand der beiden Protagonisten Niko und Sera behutsam und mehrdimensional angelegt. Bei Niko ist es sein Aussehen, sein Dicksein, das zu Ausgrenzung und öffentlichem Spott führt. Er erleidet und erduldet Hasskommentare, Bloßstellungen und Ausgrenzung. Sera hingegen erlebt, dass der Ausschluss aus einer Gemeinschaft schnell und unvorhersehbar sein kann. Mit der Zuwendung zu Niko gerät sie selbst in den Sog der Mobber. Lügen und Intrigen nehmen ihren Lauf und verändern Seras Leben und ihre Sicht auf die Welt. Dass man Mobbing aktiv beenden kann, zeigt Höfler mithilfe der Nebenfiguren, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Die Figur Lenni ist hier wesentlich und spannend. Er zeigt im Verlauf des Romans immer wieder, dass man sich dem Mitmachen entziehen kann (S. 31f.; 115) und dass man mithelfen kann, Mobbing zu beenden. In einem der letzten Kapitel (S. 178-180) wird er zur Stimme derer, die sich erheben können.
Mit dem Thema Mobbing eng verbunden ist das Thema des Selbstbewusstseins. So muss sich zum Beispiel Niko mit dem Beginn der Freundschaft zu Sera ihren Fragen stellen, die auch eine philosophische Ebene enthalten: Warum bin ich, wie ich bin? Kann ich mich ändern oder muss ich mich ändern, um von anderen akzeptiert zu werden? (S. 83). Doch ähnliche Fragen sind auch in der Figur von Sera angelegt. Schon vor ihrer Freundschaft mit Niko und deren Folgen treiben sie im Innern Fragen nach dem Dazugehören und Vertrauen zu anderen um.
Elegant und leise wird das Thema der Liebe in die Geschichte eingewoben. Durch die Verknüpfung mit dem Thema Mobbing gelingt es Höfler, keine gewöhnliche und oberflächliche Geschichte um die erste Liebe zu erzählen. Sowohl die schöne Sera wie auch der hässliche Niko kämpfen mit sich und ihren Gefühlen. Es wird ihr Ringen um Gefühle und Zugehörigkeiten, ein Abgleichen von inneren und äußeren Werten und ihrem Verhältnis zueinander deutlich. Dazu passend ist auch das eher offen gehaltene Ende. Wie so vieles im ganzen Roman bleibt die Zukunft angedeutet, möglich gemacht, aber nicht ausgestaltet. Es wird beim Ringen mit sich, miteinander und mit anderen bleiben. Somit ist diese Geschichte auch eine Coming-of-Age-Erzählung.
Die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehung spiegelt sich auf der Ebene der Narratologie wider. Die gewählte Erzählstrategie ist eine besondere. Zwei Erzählinstanzen präsentieren ihre eigenen Erlebnisse. Als homodiegetische Erzähler berichten Sera und Niko aus ihrer Fokalisierung von Ereignissen und Zusammenhängen und geben so gleichzeitig auch Einblick auf ihre jeweilige Gefühlslage dabei. Zentrale Momente werden aus beiden Fokalisierungen heraus präsentiert. Inhalt und Sprache werden in diesen inneren Monologen miteinander verknüpft. Die Erzähler wechseln von Kapitel zu Kapitel, sind auch im Schrifttyp unterschiedlich gestaltet. Nur im letzten Kapitel kreuzen sich die Erzähler. Darin spiegelt sich die immer tiefer und vertrauter werdende Beziehung zwischen Sera und Niko.
Durch diese narrative Gestaltung entfalten die Charaktere nach und nach eine immense Tiefe und Vielschichtigkeit. Die Entwicklung der Charaktere wird dadurch authentisch nachvollziehbar: Zunächst sind Niko und Sera sehr unterschiedlich angelegt. So wirkt Niko überlegt und ruhig nach außen, ist in sich jedoch nicht nur reflektiert, sondern auch selbsthinterfragend (S. 7; 10-12). Er ist intelligent, wortgewandt und kreativ. Sera hingegen gibt sich impulsiv, gesellig und lebhaft nach außen und ist doch im Innern mit Fragen der Zugehörigkeit (S. 14f.) und der Lebensausrichtung beschäftigt. Doch verändern sich beide im Laufe ihrer Begegnungen. So zeigt Niko seine erste impulsive Handlung gleich zu Beginn des Romans, als er im Schwimmbad direkt vor seinem Peiniger Marco eine Arschbombe ins Wasser setzt (S. 28-30). Sera findet in und durch Niko, nachdem sie dies zunächst aus einem Impuls heraus tut (S. 51), den Mut, Dinge, die sie im Innern bewegen, nach außen zu zeigen (symbolisch dafür steht der Sprung in den Moorsee am Ende des Romans).
Die Sprache dient zum einen zur Charakterisierung der Figuren und ist auch selbst Thema zwischen Sera und Niko. Seras Sprache ist begrifflich und im Satzbau kurz. Niko hingegen verwendet einen komplexen Satzbau mit eher erwachsenem Wortschatz. Spannend ist, wie zum Beispiel Sera sich nach und nach auch sprachlich verändert. Hier spiegeln sich die weiteren inhaltlichen Veränderungen ihres Lebens in ihrer Sprache.
Die Sprache birgt darüber hinaus auch Metaphorisches und Wortneuschöpfungen, deren Interpretationspotential stark mit den Figuren zusammenhängt. An Begriffen wie“ Wahrheitsabsauger“ (S. 33), „Supernikobrause“ (S. 43), „Kondensstreifen-Einsammler“ (S. 72), oder „Erinnerungslöschblatt“ (S. 94) kann man die Freude der Autorin an der Sprache festmachen und diese Symbole/Neologismen auf den Inhalt und/oder die Charaktere beziehen. So beginnt auch Sera mit (Sprach-)Erfindungen und spricht zum Beispiel von einer „Entkörperungsmaschine“ (S. 82), von einem „Satzabschneider“ (S. 185) oder einem „Zeitanhalter“ (S. 189).
Die Figurenzeichnung konzentriert sich indes nicht nur auf die Protagonisten. Auch manche Nebenfiguren sind fein und passend ausgestaltet. Dies sind vor allem die Freunde Nikos, Little und Osman. Beide sind wichtige Faktoren im Leben von Niko. Sie stützen ihn, helfen ihm, und haben doch selbst Probleme, die allerdings eher angedeutet bleiben.
Grundsätzlich entwickelt der Roman durch seine thematische, inhaltliche und sprachliche Gestaltung ein Spannungspotenzial, das ein wichtiger Aspekt bei der Lesemotivation ist.
Spannend sind auch intertextuelle Bezüge, die im Roman aufgetan werden, so zum Beispiel zu den Märchen „Dornröschen“ und „Die Schöne und das Biest“.
Textausgabe:
Stefanie Höfler: Tanz der Tiefseequalle, Weinheim 2018.
Höfler: „Tiefseequalle“: Herunterladen [docx][2 MB]
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