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Didaktische Hinweise & Vernetzung

Didaktische Hinweise

Neben innerliterarischen Aspekten des Hörspiels, die schon vor Jahrzehnten das Unterrichten des Werkes attraktiv machten, gilt es textexterne Veränderungen zu beachten, die Modifikationen des Unterrichtens ratsam erscheinen lassen. Zum einen sind familiäre Strukturen heute in der Regel anders als in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Analyse der Vater-Sohn-Beziehung sollte deshalb ausreichend Zeit eingeräumt werden. Auf der anderen Seite hat das Thema Flucht und Migration an Aktualität gewonnen.

Die besondere Gestalt und die besonderen Ausdrucksmittel des Hörspiels sind in der Sache durch die Beschränkung dieser Kunstform auf das rein Akustische bestimmt. Durch eine Beschäftigung mit der spezifischen Sprache des Hörspiels, sowohl mit den von ihr verwendeten Zeichen als auch mit ihrer besonderen Syntax, ergibt sich für die Schülerinnen und Schüler eine Möglichkeit, etwas von dem zu verstehen, wie die Evokation einer mit dem Kunstwerk erfundenen Welt im Rezipienten funktioniert. Das Hörspiel ist für die Beschäftigung mit diesem sehr grundlegenden Phänomen besonders geeignet, weil seine Rezeption für gewöhnlich weniger vertraut und alltäglich ist als die von Texten oder Filmen. Es bietet sich also an, die Ausdrucksmittel des Hörspiels vertieft in den Blick zu nehmen.

Die Untersuchung der verwendeten Zeichen umfasst Sprachliches und Geräusche. Es kann zum Beispiel geklärt werden, welche sprachlichen Mittel helfen, die dem Hörspiel eigene Intimität zu erzeugen. Hierbei spielt der Innere Monolog eine herausragende Rolle, der, stärker noch als zumeist im Drama, Zugang zum Innersten einer handelnden Figur erlaubt. Besondere Bedeutung kommt auch dem Ausgesparten, nicht Gesagten zu. Die Behandlung der semantischen Leerstelle ist, ergänzend zu ihrer Thematisierung im Zusammenhang mit literarischen Texten, ergiebig, da im Hörspiel neben den großen Leerstellen zwischen einzelnen Szenen auch die Lücken innerhalb eines Gespräches durch den Einsatz des Schweigens in besonderem Maße bedeutungstragend werden. Es ist sogar möglich, durch die Behandlung der Lücken im Gespräch, wie sie in der Realisierung eines Hörspiels deutlich werden, das Phänomen der Leerstelle grundsätzlich erfahrbar zu machen und in seinen funktionalen Möglichkeiten zu klären.

Gerade weil den Protagonisten der Handlung die Meisterung und Gestaltung des eigenen Lebens so eindringlich misslingt, ist das Thema des gelungenen oder geglückten Lebens gewiss eines der zentralen im Schiff Esperanza. Durch die sorgfältige Darstellung innerer Vorgänge kommt man dem Scheitern des Kapitäns Grove, aber auch dem des Kassierers Megerlin gut auf die Spur. Axel, der an seinem eigenen Scheitern zunächst keine Schuld zu tragen scheint, ist in seiner Perspektivlosigkeit zumindest mit beteiligt am Misslingen seines Lebens. Dadurch, dass dieses Scheitern aber nicht eindeutig und nicht eindeutig selbst verschuldet ist, fordert es zum Weiterdenken und Entgegensetzen eigener Entwürfe auf. Wesentliches Lernziel muss auch sein, die Aufforderung zum Nachdenken über eigene Lebensentwürfe aufzugreifen und zu fördern.

Die didaktische Bedeutung des Vater-Sohn-Konfliktes liegt offen. Fragwürdig werdende Autoritäten sind für Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe nicht nur literarische Themen. Hier kann, durchaus unter Hinzuziehung anderer Texte, Orientierungshilfe geleistet werden. Als Texte bieten sich Paul Schallücks „Züge im Nebel“, oder, in höheren Klassen, Kafkas „Brief an den Vater“ oder Abschied von den Eltern von Peter Weiß an.

Das Hörspiel thematisiert Lebensumstände von illegalen Migranten der frühen Nachkriegszeit. Diese lassen sich nicht vollständig als Bild heutiger Gegebenheiten lesen. Zentrale Aspekte aber, wie das Verlieren von Menschenrechten durch das Verlieren der rechtlichen Heimat erweisen sich als zeitlose Gesprächs- und Erörterungsanlässe.

Bei der Behandlung aller genannten Themen bietet sich die wiederholte Rückkehr zum Titel des Hörspiels an. Er ist sehr geeignet, inhaltliche Themen zu bündeln, aber auch, grundlegend literarische zum Thema zu machen. Am Schiff mit dem Namen Esperanza können die Begriffe von Metapher, Allegorie und Symbol entwickelt, aber auch voneinander abgegrenzt werden.

Neben den sprechenden Namen und Bezeichnungen spielen auch Richtungen und Ordnungen im dargestellten Raum eine Rolle. Die vertikale Entfernung zwischen Brücke und Laderaum machen auf der Esperanza auch den Unterschied zwischen Allmacht und Ohnmacht aus. Entsprechendes gilt für die Markierung durch Licht und Dunkelheit.

Vernetzung

Die Flüchtlingsthematik bietet eine Verknüpfung mit dem Politik- oder Gemeinschaftskundeunterricht an.

Textausgabe:

Fred von Hoerschelmann: Das Schiff Esperanza, Ditzingen 1986/2021 (mit Kommentarteil).

Hoerschelmann: „Das Schiff Esperanza“: Herunterladen [docx][147 KB]