Inhalt
Die 15-jährige Madina lebt mit ihrer Familie beengt in einer Übergangsunterkunft, besucht die Schule und übernimmt immer wieder die Rolle der Dolmetscherin für ihren Vater, der im Herkunftsland auch Regimegegner medizinisch versorgt hat und deswegen flüchten musste, der sich aber auch zunehmend ablehnend gegenüber der neuen Heimat und deren Herausforderungen und Zumutungen positioniert.
Diese Entwicklung des Vaters, die einhergeht mit einem zunehmenden Beharren auf patriarchalisch-religiösen Werten und Verhaltensweisen, verläuft gegensätzlich zu Madinas Selbstfindungs- und Emanzipationsprozess, der in der Schule und von seiten ihrer besten (und einzigen) Freundin Laura und deren alleinerziehender Mutter sowie weiteren weiblichen Helferfiguren wie der Deutschlehrerin und später auch – nach dem öffentlichen Gewaltausbruch des Vaters ihr gegenüber – der Psychologin Wischmann unterstützt und gefördert wird.
Die Familie (zu der noch die ausgleichende, sich aufopfernde Mutter, der als Junge und Nesthäkchen verwöhnte 7-jährige Bruder Rami sowie die als Außenseiterin dargestellte Tante Amina gehören) wartet schon seit 1 1/2 Jahren auf den Asylbescheid.
Es kommt zu vielerlei Konflikten (in der Unterkunft, in der Schule, in der Klasse, auch innerhalb der Familie, die einerseits als typische Konflikte innerhalb des Ablösungsprozesses während der Pubertät zu erkennen sind, die aber verschärft und ergänzt werden durch Motive und Aspekte, die in der interkulturellen Literatur häufig thematisiert werden). In den Tagebucheinträgen werden diese Konflikte ausschließlich aus der Sicht Madinas dargestellt, wobei z.B. Umstände der Flucht oder auch die problematische Haltung des Vaters gegenüber der Entwicklung seiner Tochter erst nach und nach teilweise aufgelöst bzw. nachvollziehbar werden und so Raum für Spekulation und Diskussion der (Alteritäts-)Erfahrungen für die Leserinnen und Leser lässt.
Ihre außergewöhnlich enge Freundschaft zur Klassenkameradin Laura (die im Handlungsverlauf gerade auch durch die beiderseitige Gewalterfahrung in der Familie noch vertrauensvoller wird) sowie erste verliebte Annäherungen an Lauras älteren Bruder helfen Madina bei ihrem Selbstfindungsprozess sowie der Integration in der immer wieder als fremd und auch ablehnend empfundenen neuen Heimat.
Letztendlich zwingen zwei Schlüsselmomente die Protagonistin zum Handeln, was am Ende des Romans zu einer Rollenumkehr im Eltern-Kind-Gefüge führt. Zuerst kommt es zu einer gewaltsamen Eskalation des Vaters: Madinas unerlaubte Übernachtung bei Laura stellt für ihn einen solchen Sittenverstoß dar, dass er Madina öffentlich vor der Schule schlägt, bis ihn die Polizei abführt.
Die Sozialarbeiterin und Psychologin Wischmann versucht zu vermitteln, dennoch attestiert der Vater Madina weiterhin eine unreflektierte Assimilation an die Ankunftsgesellschaft.
Die Leserinnen, die mit Madinas Innensicht vertraut sind, wissen jedoch, dass der Vater hiermit im Unrecht ist: So geht sie zum Beispiel auf die Annäherungsversuche von Lauras Bruder aus Respekt vor den Regeln ihrer Familie nicht ein, obwohl sie Gefühle für ihn hegt.
Ein zweiter Schlüsselmoment liegt in der Entscheidung des Vaters, nach der brieflichen Aufforderung durch Madinas Großmutter, in die Heimat zurückzukehren, um seinen dort verschleppten Bruder zu retten.
Da jedoch seine Familie im Asylland mit seiner Rückkehr den gerade erhaltenen Anspruch auf Asyl verlieren würde, liegt es nun an Madina, das Bleiberecht ein zweites Mal zu erkämpfen, indem sie sowohl die Mutter als auch deren Schwester, Madinas Tante, dazu bringt, eigenständig für die Familie einzustehen. Dabei kommt ihr als Dolmetscherin und im Umgang mit den Behörden Erfahrene eine entscheidende Rolle zu.
Textausgabe:
Taschenbuch: Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich, Carl Hanser Verlag München 2016.
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