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Inhalt

Der 14-jährige Adrian ist mit einem Meter und vierundneunzig für sein Alter ungewöhnlich groß und leidet sehr darunter. Seine Mutter, die in ihrer Jugend ebenfalls unter ihrer Körpergröße gelitten hat, möchte ihren Sohn davon überzeugen, sich einer Hormontherapie zu unterziehen, was Adrian jedoch ablehnt. Stella, seit Kindertagen seine Freundin und Nachbarin im Doppelhaus, beweist im Umgang mit Adrians Sorgen Zugewandtheit und Humor: Sie übernimmt den Spitznamen „Einsneunzig“, den Adrians Klassenkameraden ihm gegeben haben, und nimmt diesem dadurch die Spitze. Außerdem stellt sie für ihn eine Liste „großwüchsiger Dinge“ zusammen und immunisiert ihn mittels Wortspielen und Witzen, die auf seine Größe anspielen, gegen Spott von anderer Seite. Sie bildet den Gegenpol zu Adrians nervöser Mutter, der es nicht gelingt, ihre eigene Geschichte von der des Sohnes zu trennen, und wird zu seiner wichtigsten Bezugsperson.

Als in das gegenüberliegende „Dreitotenhaus“ bei Nacht neue Bewohner einziehen, scheint sich zunächst ein neues Abenteuer für die beiden Freunde anzubahnen. Die Kontaktaufnahme mit den neuen Nachbarn führt jedoch zu einer unerwarteten Entwicklung: Stella verliebt sich in Dato, den Sohn der aus Georgien stammenden Familie. Adrian, der seinerseits in Stella verliebt ist, ist tief verletzt. Er selbst hat die Veränderung seiner Gefühle für Stella als Vertiefung und Erweiterung der Beziehung wahrgenommen, ohne dies ihr gegenüber jemals geäußert zu haben. Vielmehr hat er die Zweierbeziehung schon immer als exklusiv angesehen: Andere – etwa seine Eltern oder Stellas „Elektrofreunde“ (d.h. digitale Kontakte, vgl. S.30) – haben keinen Zutritt zu dieser Welt, in die sich Adrian im weiteren Verlauf der Handlung alleine zurückzieht, indem er sich an gemeinsame Erlebnisse und Rituale sowie an die gemeinsame Sprache mit ihren zahlreichen Wortschöpfungen und Anspielungen erinnert.

Die Familie des Nachbarjungen Dato ist aus Georgien geflohen und versteckt sich in Deutschland, weil sie befürchten muss, Opfer einer archaischen Racheaktion zu werden. Die Gefahr, in der die Familie schwebt, hängt zeitweise wie ein Damoklesschwert über allen Beteiligten, da Adrian kein Mitgefühl, sondern Wut empfindet gegenüber dem „Eindringling“ Dato und dessen Familie und somit die Möglichkeit besteht, dass er sie verrät. Doch es bleibt bei einem provozierenden Auftritt Adrians bei der Nachbarsfamilie, der letztlich vor allem Stella gilt. Im weiteren Verlauf der Handlung weicht die Wut nach und nach einem Zustand emotionaler Erstarrung, der an eine Depression erinnert. Die äußere Ruhelosigkeit Adrians – er beginnt stundenlang alleine durch die Stadt zu wandern – sowie sein gelegentlich aufflammender Zorn lassen jedoch erkennen, dass diese Erstarrung tatsächlich eher einem Einfrieren der Gefühle gleicht als deren vollständigem Verlust, der kennzeichnend ist für eine Depression. Für diese Sichtweise spricht auch die Art seines Umgangs mit den Mitmenschen: Adrian reagiert nicht gleichgültig auf die Versuche von Kontaktaufnahme der Menschen, die ihm nach Stella am nächsten stehen, sondern weist diese rüde zurück. Dabei ist er sich der Gefühle, die er beim jeweiligen Gegenüber verletzt, sehr genau bewusst.

Dass Adrian schließlich nicht nur für Stella und die anderen Menschen seiner Umgebung unerreichbar wird, sondern auch den Kontakt zu sich selbst verliert, zeigt sich im Umgang mit Dingen, die ihm früher wichtig waren: Er hört auf zu zeichnen und zerreißt die bereits entstandenen Bilder, die er bei einem Wettbewerb einreichen wollte. Auch in der Schule engagiert er sich nicht mehr.

Nachdem er dem buchstäblichen Kältetod in einer eisigen Winternacht nur knapp entronnen ist, ist Adrian zunächst lange krank und kehrt dann langsam ins (soziale) Leben zurück. Zunächst sind es seine Eltern, Datos Mutter Tamar sowie Stellas Großmutter, die er seit Kindertagen kennt, deren Besuche am Krankenbett er zulässt. Schließlich besucht ihn auch Stella, die, als sie merkt, wie weit Adrian und sie sich voneinander entfernt haben, zu weinen beginnt. Die Tränen führen aber nicht zur Versöhnung und einer damit verbundenen Erlösung Adrians aus seiner Erstarrung. Zu schmerzhaft ist für Adrian Stellas offenes Bekenntnis ihrer Liebe zu Dato. Doch fühlt er durch die Aussprache immerhin eine minimale Erleichterung, die – ein weiteres Zeichen für seine Rückkehr ins Leben - von einem starken Hungergefühl begleitet ist.

Endgültig löst sich Adrians innere Erstarrung sinnigerweise erst durch die Begegnung mit einer Person, die er aufgrund ihrer äußeren Starrheit zunächst für tot hält: dem bettlägerigen Großvater der aus Georgien geflohenen Nachbarsfamilie. Er, der Adrians Worte zwar nicht versteht und selbst infolge eines Schlaganfalls nicht mehr sprechen kann, erfasst die Ausnahmesituation, in der Adrian sich befindet, und ermuntert ihn durch wiederholte Berührungen zum Sprechen. Adrian lässt sich darauf ein und beginnt über seine Beziehung zu Stella zu sprechen. Wie zuvor Stella kann auch er jetzt weinen und ist in der Lage, das auszusprechen, was unausgesprochen zu seiner Blockade geführt hat: dass er in Stella verliebt ist. Am Ende deutet sich die Möglichkeit einer Erneuerung der Freundschaft unter den veränderten Bedingungen an.

Textausgabe:

Susan Kreller: Schneeriese. Taschenbuch. Carlsen 2016.

Kreller: „Schneeriese“: Herunterladen [docx][228 KB]