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Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven

Einordnung und Themen

Das Ringen um Identität ist das zentrale Thema dieses Romans, der sich der postmigrantischen Literatur zuordnen lässt. Der Begriff formuliert den Anspruch einer jungen Generation von Autorinnen und Autoren, nicht in erster Linie über ihre Herkunft definiert und von einer unklar bleibenden Mehrheit anderer Deutscher abgegrenzt zu werden. Vielmehr wollen sie mit ihren besonderen Lebens- und Familienerfahrungen in der gleichen Weise als Teil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen werden, wie es für andere Gruppen, die über gemeinsame oder ähnliche Erfahrungen verfügen, selbstverständlich ist. Als Beispiel genannt seien Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg oder das Leben in einem geteilten Land zwischen 1945 und 1989. Hier wie dort geht es um die Integration neu Hinzugekommener in eine Aufnahmegesellschaft. Fatma Aydemir nutzt das Genre Familienroman, um dieses Anliegen zu veranschaulichen: Der dysfunktionalen Familie Yilmaz und dem Zerrissensein ihrer Mitglieder zwischen den Normen und Werten von Herkunfts- und Einwanderungsland wird mit der rätselhaften, nicht ganz von dieser Welt erscheinenden Figur Ciwan, die über sich sagt, sie habe „keine Familie“ […], sie sei „in einem Dorf groß geworden“ (S. 206) eine Persönlichkeit entgegengesetzt, die ihre Identität als Kurde und Transmann unabhängig von der Familie gefunden zu haben scheint. Das unvermutete Erscheinen, die lückenhaften Informationen über sein Leben, sein fremdartig-distanziertes Auftreten sowie der frühe Tod Ciwans lassen sich vor diesem Hintergrund deuten als eine Form der Existenz, die sich (noch) nicht verwirklichen lässt.

Motive

Das augenfälligste Motiv sind die titelgebenden „Dschinns“, die zum einen als persönliche Dämonen jedes einzelnen Familienmitglieds gedeutet werden können, zum anderen als überpersonelle und überzeitliche Instanzen, die das Leben der Individuen in vielfältiger Weise bestimmen. Den eher negativ konnotierten „Dschinns“ steht mit einer „Peri“ (etwa: guter Geist, Fee (vgl. S. 201)) ein mythologischer Widerpart gegenüber.

Weitere zentrale Motive sind Verlust und Schweigen. Der Verlust der Muttersprache, der heimatlichen Landschaft, der Gesundheit sowie der doppelte Verlust des ersten Kindes sind die verschwiegenen Traumata der Eltern, die durch das Schweigen zu transgenerationalen Traumata werden. Die Nachkommen haben ebenfalls gelernt, ihre Verluste und Ängste für sich zu behalten, sodass das Schweigen die Familie regiert.

Erzählstruktur

Trotz der Multiperspektivität und zahlreicher Zeitsprünge in den Erzählungen der einzelnen Figuren ergibt sich aus der Anordnung der einzelnen Kapitel ein chronologischer Zusammenhang: Die Handlung beginnt mit Hüseyins Tod in der neuen Wohnung und endet mit dem Tod Emines infolge des Erdbebens. Dazwischen liegen der Tag der Beerdigung und die Nacht, die Emine und Sevda im Gespräch verbringen, während der Rest der Familie auf dem Weg nach Antalya ist.

In seiner Rezension für den Deutschlandfunk kritisiert Christoph Schröder die erzählerische Gestaltung des Romans und vergleicht sie mit einer fahrigen, unprofessionellen Kameraführung. Die Beschreibung ist nicht unzutreffend; deuten lässt sich das Beobachtete allerdings auch anders: Zum einen spiegelt sich in dieser Erzählweise die Unsicherheit der Figuren in Bezug auf die eigene Identität: Wer sind sie? Wer wollen sie sein? Und wer sagt ihnen (oder hat ihnen gesagt), wer sie sein sollten? Gerade die „Fahrigkeit“, die ständigen Wechsel zwischen Innen und Außen, zwischen Close-Up und Totale, bringen diese Problemlage sinnfällig zum Ausdruck.

Zum anderen ergibt sich dadurch, dass dieses Erzählverhalten durchgehend zu beobachten ist, eine Art übergeordnete Erzählinstanz, die die Fäden in der Hand hält und miteinander verknüpft. Vera und Ansgar Nünning verwenden dafür den Begriff Erzählerperspektive. Ihnen zufolge entwickeln Lesende ein Bild von der Persönlichkeit der Erzählinstanz, die den einzelnen Figuren ihre Stimme gibt, aber nicht identisch ist mit Autor oder Autorin. Diese von den Lesenden zu erschließende „Persönlichkeit der Erzählinstanz“ spiegelt sich im Falle von „Dschinns“ in der Figur Peri wider, sodass sich eine weitere Verschränkung der Perspektiven ergibt. Die Bedeutung von „Peri“ (guter Geist, Fee; vgl. S. 201) - in manchen Glaubensrichtungen des Islam als Gegenspielerinnen zu „Dschinns“ angesehen - stützt diese Auffassung.

Dass Ciwans Perspektive nicht als eigenes Kapitel erzählt wird, sondern nur in der Reflexion der anderen Familienmitglieder erfahrbar wird, erscheint in doppelter Hinsicht schlüssig: Zum einen ist bei dieser Figur das durch die übergeordnete Erzählinstanz vermittelte „Sich-Hineinfühlen“ nicht möglich; zu fremd, zu wenig greifbar bleibt diese Figur mit ihrem plötzlichen Auftauchen und Verschwinden. Zum anderen ist Ciwan das verschwiegene und infolgedessen unsichtbare Mitglied der Familie, das aber zugleich den Brennpunkt der Konfliktlinien darstellt.

Textausgabe:

Fatma Aydemir: Dschinns. München 2022 (Hanser)

Aydemir: „Dschinns“: Herunterladen [docx][100 KB]