Didaktische Hinweise & Vernetzung
Didaktische Hinweise
Sowohl die historischen Kontexte des Großstadtlebens als auch die zeitgenössischen Geschlechterrollen können für eine Behandlung des Romans in der Unterstufe gewinnbringend genutzt werden. Neben den grundlegenden Kompetenzen aus dem Bereich der Analyse und Interpretation literarischer Texte (u.a. zu den Aspekten Figuren und Handlung) können somit auch inhaltsbezogene Standards aus dem Bereich ‚Texte kontextualisieren‘ gefördert werden, vor allem, wenn es darum geht, „die in Texten dargestellte Lebenswelt [zu] beschreiben und mit der eigenen [zu] vergleichen“ oder „Informationen zur Entstehungszeit“ von Texten zu berücksichtigen (vgl. Bildungsplan, inhaltsbezogene Kompetenzen im Bereich ‚literarische Texte‘, Kl. 5/6). Erfahrungsgemäß ist ein solches ‚Eintauchen‘ in historische Welten auch für jüngere Schülerinnen und Schüler sehr erkenntnisfördernd und motivierend. Je nach Schul- und Lebensort stellt das großstädtische Setting des Romans zudem für die Lernenden eine Identitäts- oder Alteritätserfahrung dar. Die kontrastive Darstellung des Lebens in der Großstadt und in der Provinz lädt dazu ein, die jeweiligen Lebensbedingungen zu vergleichen und hinsichtlich eigener Präferenzen zu bewerten – sowohl bezüglich der im Text dargestellten historischen Wirklichkeit als auch im Vergleich zu heutigen Gegebenheiten
Die unterrichtliche Beschäftigung mit diesen Fragen erfolgt im Kontext der Auseinandersetzung mit der „Darstellung von Lebensentwürfen und Lebenswirklichkeiten in Texten […] (zum Beispiel mit unterschiedlichen kulturellen, historischen, religiösen Hintergrün-den oder unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten […]“ (vgl. prozessbezogene Kompetenz aus dem Bereich ‚Texte verstehen‘).
Nach der Behandlung der Großstadtthematik erscheint es sinnvoll, einen Schwerpunkt auf die Darstellung zeitgenössischer Geschlechterrollen im Roman zu legen. Im Bildungsplan ist dieses Thema unter dem Aspekt ‚geschlechtliche Identität‘ zu verorten. Da auch Kinder in diesem Alter mit ‚Geschlecht‘ als einem Teil von Identität und auch mit gesellschaftlichen Zuschreibungen konfrontiert werden, ist der Zugang zu dieser Thematik im Roman gut möglich. Den Lernenden dürfte etwa bereits auf ein Geschlecht speziell zugeschnittenes Spielzeug begegnet sein, zudem werden sie in der Familie und unter Gleichaltrigen mit Aussagen darüber konfrontiert, was angeblich ‚typisch‘ für Mädchen oder Jungen ist und welches Verhalten erwartet wird und welches eher unerwünscht ist. Zugleich haben sie sich in vielen Fällen schon zu solchen gesellschaftlichen Normen positioniert, sodass diese Erfahrungen und Präkonzepte im Unterricht aufgegriffen und für vertiefte Reflektionen genutzt werden können.
Vernetzung
Es bieten sich Vergleiche mit anderen Kinderromanen der Zeit an, die ähnliche Motive (Kindergruppe, Großstadt) aufgreifen, wie etwa Wolf Durians „Kai in der Kiste“ (1926). Vor dem Hintergrund der Geschlechterthematik lohnt eine vergleichende Lektüre von Tami Oelfkens „Nickelmann erobert Berlin (1931). Der Roman stellt eine weibliche Protagonistin in den Mittelpunkt, die deutliche Züge eines ‚neuen Mädchens‘ trägt – nicht zuletzt durch ihren männlichen Spitznamen und einen androgynen Habitus. Anders als Kästners Pony Hütchen agiert die Hauptfigur selbstbestimmt und unabhängig von männlichen Begleitern, erobert sich den Handlungsraum Großstadt und erlebt dabei zahlreiche Abenteuer. Im Hinblick auf die Thematisierung fantastischer Literatur im autopoetologischen Vorwort ergeben sich Bezüge zu Kästners „Der 25. Mai oder Konrad reitet in die Südsee“ (1932) an, hier zeigen sich starke motivische Parallelen. Hinsichtlich der historischen Kontextualisierung ist auch ein Vergleich mit Kästners autobiographischem Kinderbuch „Als ich ein kleiner Junge war“ (1957) interessant, in dem er Begebenheiten aus seiner Kindheit in Dresden (in der Zeit um den Ersten Weltkrieg) erzählt und reflektiert. Der Text weist einige Parallelen zu „Emil und die Detektive“ auf. Die betrifft die enge Bindung an die Mutter, aber auch die Darstellung des Großstadtlebens, vor allem hinsichtlich des Übergangs vom Kaiserreich zur Moderne. Mit Andreas Steinhöfels „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ kann ein Gegenwartsroman einbezogen werden, der durch die Verknüpfung der Großstadtthematik (ebenfalls anhand von Berlin) mit einer Kriminalhandlung thematisch-motivische Parallelen zu „Emil und die Detektive aufweist. Alle Textvergleiche lassen sich gut durch die exemplarische Arbeit mit Textauszügen in den Unterricht integrieren
Zur Verdeutlichung historischer Kontexte und Geschlechterrollen ist auch die Behandlung der insgesamt drei Verfilmungen von „Emil und die Detektive“ interessant. Sie wurden von unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseuren realisiert und sind in den jeweiligen Kontext ihrer Entstehungszeit eingebettet. Die Version von Gerhard Lamprecht (1931, Drehbuch: Billy Wilder, der spätere berühmte Hollywoodregisseur) spiegelt das städtische Lebensgefühl der späten Weimarer Republik wider, bleibt dabei nah an der literarischen Vorlage, setzt diese aber zugleich mit den aus heutiger Sicht erstaunlich modern anmutende Mitteln des frühen Tonfilms um. Die Verfilmung durch Robert A. Stemmle aus dem Jahr 1954 spielt in einem immer noch stark von der Zerstörung des Kriegs geprägten Berlin, während die neuste Version von Franziska Buch (2001) eine von gesellschaftlicher Diversität geprägte Stadt zeigt, wie sie auch im heutigen Berlin noch vorzufinden ist. Starke Veränderungen gegenüber der literarischen Vorlage zeigen sich hier vor allem bei den Figurenkonstellationen und Genderrollen: Die Rolle von Pony Hütchen wird stark aufgewertet: Sie ist hier nicht Emils allenfalls unterstützend tätig werdende Cousine, sondern die selbstbewusste Anführerin der Detektivbande. Emil wächst nicht bei seiner Mutter, sondern bei einem alleinerziehenden Vater auf. Auch anhand der Verfilmungen lassen sich also historisch-gesellschaftliche Gegebenheiten der jeweiligen Entstehungs- und Handlungszeit aufzeigen, die sich auch in den Geschlechterrollen und sozialen Beziehungen widerspiegeln. (siehe auch die folgenden Vorschläge für die Umsetzung und das Literaturverzeichnis)
Textausgabe:
Erich Kästner: Emil und die Detektive. Zürich: Atrium, 2020 [1929].
Kästner: „Emil“: Herunterladen [docx][419 KB]
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