Vorschläge für die Umsetzung
Als Einstieg sind mehrere Varianten umsetzbar:
Variante 1: Tamara Bach selbst erhebt den Anspruch, dass ihre Sprache sich beim lauten (Vor-)Lesen bewähren muss. Daher ist ein solcher Zugriff im Unterricht denkbar. So kann das erste Kapitel gemeinsam gelesen oder vorgelesen werden. Erste Assoziationen zur Erzählerin und zur Geschichte können dann nach dieser ersten Lektüre im Zentrum stehen.
Variante 2: Eine andere Einstiegsmöglichkeit sind die Anspielungen auf Freundebücher und Psychotests. So gleicht der Anfang des Kapitels 1 im Teil „Is there anybody out there“ einem Freundebuch, das Kapitel 9 stellt eine Pro- und Contra-Liste an Dingen, die man an sich mögen kann, auf. Kapitel 1 in „It’s life, but not as we know it“ beginnt mit einem Psychotest. Auch so lässt sich der Weg des Erwachsenwerdens der Protagonistin aufzeigen. Die Frage nach der eigenen Identität steht hier im Raum. Man kann die Schülerinnen und Schüler die dort angebotenen Fragen selbst beantworten lassen. Dann erfolgt der Einstieg über das Thema „Erwachsenwerden“ oder „Identität“.
Variante 3: Auch die Musik bietet die Möglichkeit eines Einstiegs. Der titelgebende Song „Girl from Mars“ der Band Ash kann über die Musik und Lyrics erarbeitet werden. Danach können mögliche Romaninhalte gemeinsam diskutiert werden. Hier evtl. auch zusammen mit dem Klappentext, da hier ja auch schon die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Liebe angedeutet ist. Dies könnte dann als eine Art Trigger Warning fungieren, was vor allen Dingen in Klassen mit vielen Jungen nötig sein könnte. Wobei in einer solchen Klasse die Frage ist, ob ein Einstieg über den Song geeignet ist, weil er die Blicke von vorneherein eher auf die Liebesgeschichte und weniger auf die anderen Themen des Erwachsenwerdens lenkt. Und grundsätzlich bietet sich der Roman für eine reine Jungenklasse eher weniger an, da die Identifikationsfigur ein Mädchen ist. Hier sollte wohl eher Herrndorfs „Tschick“ als Lektüre gewählt werden. Möglich ist aber auch, diese beiden Werke zusammen als Lektüre anzubieten und daraus eine Portfolioarbeit zu machen. Wichtig erscheint bei einer solchen Verfahrensweise indes, immer wieder Diskussionsanlässe zu schaffen, sei es über die Arbeitsorganisation, über Talking Points oder kooperative Aufgabenstellungen.
Für Tamara Bach ist Musik konstitutiv für ihr Schreiben. Sie selbst sagt: „Am Anfang war das Wort, aber das Wort kommt mit der Musik. Und das Wort wird gesungen und das Wort wird geschrieben. Am Anfang ist das weiße Blatt, am Anfang ist der leere Bildschirm, der Seitenumbruch, das neue Kapitel. Und vielleicht ist es Nacht, denn der Tag ist zu voll, gerade hier in diesem Haus. […] Und um denen da draußen nicht beim Schlaf zuzuhören, um nicht das Klappern zu hören, das die Finger auf der Tastatur erzeugen, steckt man sich die Kopfhörer in die Ohren. Random. Was jetzt kommt ist Zufall, ist Glück. Da oben ist ein Gott, der gute und schlechte Tage hat. Gott ist das Wort und das Wort Musik und die Sprache bin ich. Es ist wie tanzen. Da ist ein Rhythmus, dem deine Finger nicht folgen können, aber, Chaostheorie, vielleicht ein Text“ (Bach 2006, 14).
Die Musik kann an vielen Stellen der Einheit zum Tragen kommen. Am Ende kann sie als Anregung genutzt werden für das eigene literarische Schreiben. Diese Idee kann dann auch als sanfter Übergang in eine neue Einheit (z.B. Lyrik oder Kurzprosa) fruchtbar sein.
Zentral für die Arbeit mit dem Roman sind indes die Figuren. Sie bilden das Zentrum:
Miriam selbst macht eine Entwicklung durch. Hier können das erste und letzte Kapitel verglichen werden. Deutlich wird dabei z.B., dass die Unsicherheit ein stückweit aus Miriams Leben gewichen ist, die Ereignisse um Laura sie ein stückweit verändert haben, neue Perspektiven in ihrem Leben sind.
Für Miriam kennzeichnend ist die Erzählweise. Hier kann beispielhaft das Streitgespräch mit ihrer Mutter im ersten Teil, Kapitel 3 analysiert werden. Mirjams inneres Sprechen im Vergleich zum Dialog mit ihrer Mutter ist hier wesentlich. Das Verhältnis zur Mutter bzw. zur Familie kann in diesem Zusammenhang auch aufgegriffen werden. Denn obwohl im Streit mit ihrer Mutter die Konfliktsituation des Erwachsenwerdens klar zu Tage tritt, zeigt sich im Verlauf der Geschichte, dass Familie für Miriam grundsätzlich positiv besetzt ist. Deutlich wird dies in den weiteren Begegnungen mit der Mutter (zweiter Teil, Kapitel 9, Kapitel 16) und auch in den Gesprächen mit Dennis (erster Teil, Kapitel 14, zweiter Teil, Kapitel 8, Kapitel 17 Ende).
Auch die Musik sagt einiges über Miriams Situation aus. Die Titel, die zu einer Analyse herangezogen werden können, sind:
PJ Harvey: „Stories from the city, storie from the sea“ (erster Teil Kapitel 8)
U2: „All I want is you“ (zweiter Teil, Kapitel 2)
Tape für Laura (zweiter Teil, Kapitel 3)
Violent Femmes: „Blisters in the sun“ (zweiter Teil, Kapitel 13)
Massive Attack: „Karmacoma“ (zweiter Teil, Kapitel 17)
Die Beziehung zu Laura ist die Voraussetzung für die Entwicklung Miriams. Die zaghafte Annäherung der beiden (erster Teil Kapitel 4-6, Kapitel 8, Kapitel 15, zweiter Teil Kapitel 3, Kapitel 6, Kapitel 12-15, Kapitel 16 und 17, dritter Teil Kapitel 2) kann im Unterricht (auch arbeitsteilig) erschlossen werden.
Die Charakterisierung von Laura ist indes schwieriger. Auch, da wir nur Informationen der Ich-Erzählerin über die Freundin erhalten. Erst nach der gesamten Lektüre des Ro-mans lassen sich hier mögliche Deutungsmuster von Leerstellen erkennen. Solche Leerstellen sind:
Der Kuss am Ende des ersten Teils, Kapitel 15
Die Begegnung auf der Toilette im zweiten Teil, Kapitel 3
Die Aussprache im zweiten Teil, Kapitel 6 (Ende)
Lauras Reaktion nach Miriams Vortrag des Erlkönigs im zweiten Teil, Kapitel 13 (Ende)
Die Szene kurz vor oder nach der intimen Begegnung im zweiten Teil, Kapitel 14
Nachdem die erzähltheoretischen Momente des Romans besprochen sind, kann hier auch literarisches Schreiben seinen Platz finden. Laura kann an einer der benannten Leerstellen selbst zum Sprechen gebracht werden. Hier kann dann über die konzeptionelle Arbeit gesprochen werden: Wie spricht Laura? Was denkt sie? Was sieht sie? Ein solcher Ansatz bietet einen alternativen Zugang zur literarischen Ästhetik eines Textes.
All diese möglichen Aspekte bieten über die Auseinandersetzung mit Inhalten und Gemachtheit von Literatur für die Schülerinnen und Schüler Anlässe, ihre eigenen Ansichten, ihre eigene Lebenssituation für sich, in der Diskussion oder in schriftlicher Aktivität zu entwickeln.
Erweiterungs-/ Vertiefungsideen:
Die Schriftstellerin Tamara Bach kann in den Blick genommen werden.
In Portfolioarbeit kann ein zweites Werk als Alternative angeboten werden: Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt (queere Thematik eines Jungen); Wolfgang Herrndorf: Tschick (Coming-of-Age Roman mit männlichem Protagonisten)
Textausgabe:
Taschenbuchausgabe: Tamara Bach: Marsmädchen, Hamburg 2023.
Bach: „Marsmädchen“: Herunterladen [docx][133 KB]