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2.-3. Inhalts- und Kompetenzanalyse

2. Exemplarische Analyse am Beispiel der Axel Springer AG

Wir entschieden uns für die Wahl dieses Unternehmens, da es aus didaktischer Sicht eine Reihe wichtiger Kriterien in fast idealer Weise erfüllt:

  • Die Komplexität des Gegenstands, den der zweistufige Standard Wirtschaft 8.6.4 mit sich bringt, macht eine exemplarische Analyse geradezu zwingend. Nach Möglichkeit sollte auch ein Wechsel des Gegenstands zwischen dem ersten und zweiten Teilstandard (Aufgaben eines Unternehmens – nachhaltiges Produzieren) vermieden werden.

  • Originalquellen erhalten den Vorzug vor Autorentexten. Die Quellen müssen eine Dichte aufweisen, die eine anschauliche Dokumentation für den Unterricht ermöglicht.

  • Die Quellen müssen einer kritischen Überprüfung (Gegenrecherche) zugänglich sein und dieser standhalten.

  • Die Materie muss für Laien verständlich sein. Dabei ist nicht nur an die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 8 zu denken, sondern auch an die Lehrpersonen, die in der Regel keine naturwissenschaftlich-technischen Kenntnisse mitbringen.

  • Das Unternehmen muss nachhaltiges Produzieren in überzeugender, um nicht zu sagen vorbildlicher Weise praktizieren.

  • Das Unternehmen sollte „vorzugsweise“ in der Region, d.h. im Bundesland Baden-Württemberg angesiedelt sein.

Die Axel Springer AG erfüllt alle Anforderungen mit Ausnahme der letzten. Wir haben uns entschieden, insofern einen Kompromiss einzugehen. Wer möchte, sollte daher die Wirtschaft im Bundesland Baden-Württemberg eingehend studieren, um Unternehmen zu finden, die den o.g. Kriterien entsprechen.

3. Kompetenzorientierte Analyse der Lernchancen

Der exemplarisch zu analysierende Gegenstand – im vorliegenden Unterrichtsmodell die Axel Springer AG – erfüllt in zweifacher Hinsicht eine dienende Funktion: Die Schülerinnen und Schüler erwerben analytische und methodische Kompetenzen, die transferierbar, d.h. auf andere Gegenstände und Aufgabenkontexte anwendbar sind. Die Details im Materialdossier zur Axel Springer AG haben daher die Funktion von Arbeitswissen, nicht von Merkwissen. Die Quellenlage ist geradezu üppig 4 , und nur deswegen ist die Axel Springer AG als Lerngegenstand so ergiebig. Der Lernertrag selbst besteht aus kompetenzorientierter Sicht nicht aus dem Detailwissen zum Springer-Verlag, sondern aus der Fähigkeit, Leitfragen zur Unternehmensanalyse und zur Quellenkritik bzw. Dekonstruktion medial erzeugter Realitätskonstrukte zu stellen und anzuwenden.

Der Fragekatalog „Leitfragen zur Analyse eines Unternehmens“ fasst derartige Fragen modellhaft zusammen; in diesem offenen Frageset, das den Schülerinnen und Schülern zu einer kritischen Fragehaltung und dem Vermögen, selbst Fragen zur Analyse von Unternehmen und Produktionsabläufen, nachhaltiger Produktion bzw. zur Quellenkritik zu stellen, besteht der „harte Kern“ kompetenzorientierten Lernens im vorliegenden Umsetzungsbeispiel. 5

Das Umsetzungsbeispiel trägt somit zum einen den Anforderungen des Standards Wirtschaft 8.6.4 Rechnung, und geht dort darüber hinaus, wo der Gegenstand einmalig ergiebige Lernchancen bietet (Nachhaltige Beschaffung, Quellenkritik).

Analysekompetenzen

Zum einen erweitern die Schülerinnen und Schüler ihre analytischen Kompetenzen. Sie erwerben drei grundlegende Begriffe zur Beschreibung des Produktionsprozesses eines Gutes oder einer Dienstleistung in der Marktwirtschaft: Beschaffung, Produktion und Absatz. Zum zweiten erarbeiten sie sich eine Vorstellung nachhaltiger Beschaffung und Produktion – insofern mehr als vom Standard verlangt – und verfügen über Kriterien zur Überprüfung bzw. Einforderung nachhaltiger Ressourcenzugriffe und Produktionsweisen.

Methodenkompetenzen

Der gewählte Gegenstand ist ebenso „spannend“ hinsichtlich der Lernchancen, die er im Bereich des Erwerbs methodischer Kompetenzen bietet. Die Axel Springer AG wurde im Jahre 2008 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet unter der Rubrik „Deutschlands nachhaltigster Einkauf“ (Beschaffung von Druckpapier) 6 . U.a. hebt die Jury die Transparenz hervor, welche die Axel Springer AG durch ihre Informationspolitik herstellt und es der Öffentlichkeit ermögliche, die Herkunft des Druckpapiers bis zum nachhaltig wirtschaftenden Holzlieferanten in Russland zurück zu verfolgen – bei einem Altpapieranteil von 66 Prozent.

Das Informationsangebot der Springer AG steht im Internet als Download zur Verfügung. In diesem Falle handelt es sich um professionell aufbereitete Medienprodukte, die wie alle medial vermittelten Informationen Konstrukte der Realität sind. Der Produzent der Nachricht verbindet damit ein Interesse; in diesem Falle sind die Materialien Mittel der Öffentlichkeitsarbeit eines großen Medienunternehmens. Die Leserschaft soll vom Nachhaltigkeitsengagement der Springer AG überzeugt werden und ein positives Bild des Unternehmens und seiner Produkte gewinnen:

„Axel Springer bekennt sich zu seiner Verantwortung für die Umwelt. Denn es schreibt sich besser und glaubwürdiger über Umweltfragen, wenn sich auch das Unternehmen aktiv für den Schutz der Umwelt einsetzt.“ 7

Hinsichtlich seiner Anforderungen an die Methodenkompetenzen, die von den Schülerinnen und Schülern verlangt werden, ist dieses Informationsangebot exemplarisch. Wir leben in einer medial vermittelten, über das Internet global vernetzten Gesellschaft. Die Dichte des Informationsangebots und unsere Abhängigkeit vom Zugang zu diesen Informationen rechtfertigt die These, dass wir in einer medial geprägten Kultur leben. Es geht also nicht mehr um kritische Mediennutzung in dem Sinne, dass wir die Option des Verzichts hätten, sondern um den angemessen Umgang mit dem Informationsangebot.

Zur Medienkompetenz 8 in diesem Sinne gehört die Fähigkeit, von Medien generierte Konstrukte der Realität zu dekonstruieren, d.h. durch Gegenrecherche auf ihren Realitätsbezug zu überprüfen und die Absicht des Senders zu erkennen. Unsere Schülerinnen und Schüler sind um so dringender auf diese Kompetenzen angewiesen, da sie das Internet als primäre, wenn nicht sogar ausschließliche Informationsquelle nutzen, wie die Materiallisten von GFS und Schülerreferaten bezeugen.

Im vorliegenden Unterrichtsmodell sind Leitfragen enthalten, die eine elementare Anleitung zur Gegenrecherche und Quellenkritik bieten. Das Materialangebot selbst umfasst Quellen der Axel Springer AG sowie von Dritten, die eine teilweise Überprüfung der Selbstdarstellung der Axel Springer AG ermöglichen.

Weiter: 4. Kompetenzbeschreibung


4 Vgl. dazu die Quellenangaben im Linkverzeichnis bzw. im Materialteil.

5 Diese Lesart des Kompetenzbegriffs orientiert sich an der Dimension formaler Bildung. Vgl. dazu Peter Krapf, Kompetenzorientierte Unterrichtsplanung im Fach Gemeinschaftskunde (PPt-Präsentation, 16.12.2009); Werner Jank/Hilbert Meyer, Didaktische Modelle. Berlin 1991, S. 213.

6 Vgl. dazu die Begründung der Jury in M 1 im Materialteil.

7 „Fragen und Antworten“, unter: http://www.axelspringer.de/artikel/Service_249406.html

8 Vgl. Anja Besand, Medienerziehung, in: Wolfgang Sander (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Schwalbach/Ts., 3. Auflage 2005, S. 419 – 429. – Grundlegend zum Thema der medialen Nachrichtenkonstruktion und ihrer Dekonstruktion durch den Leser (in englischer Sprache): http://www.medialit.org/ – Eine vorzügliche Materialsammlung (in englischer Sprache) findet sich unter http://www.media-awareness.ca/