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Nachhaltiges Produzieren

Bildungsstandard 8.6.4, 2.Teil "Die Schülerinnen und Schüler können … Beispiele nachhaltigen Produzierens erläutern."

Nach dem Bildungsstandard 8.6.3 sollen die Schülerinnen und Schüler u.a. die Auswirkungen ihres Konsumverhaltens, insbesondere unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, beurteilen können. Der Bildungsstandard 8.6.4 verlangt dagegen, das Problem der Nachhaltigkeit als Produktionsproblem zu begreifen, d.h. einen Perspektivwechsel vorzunehmen.

Der Begriff der Nachhaltigkeit weist neben der ökologischen Dimension auch die der ökonomischen und der sozialen Dimension sowie die Zeit und globale Dimension auf 1 . Nachhaltiges Produzieren berührt zunächst die ersten beiden Dimensionen der Nachhaltigkeit und beschreibt das in/outputVerhältnis zwischen Wirtschaft und Natur bzw.Umwelt.

Die Umweltproblematik resultiert zum einen aus entwicklungsbedingten Ursachen (Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Wirtschaftswachstum, umweltbelastender technischwirtschaftlicher Wandel) und aus umweltschädlichem menschlichen Verhalten. Zum anderen besteht aus ökonomischer Perspektive die Hauptursache der Umweltprobleme darin, dass Umwelt ein öffentliches Gut ist, das keinen Preis hat, wodurch kein Nutzungsausschluss möglich ist. Während der Charakter der Umwelt als öffentliches Gut es auch erlaubt, Bereitstellung und Leistung von Umweltleistungen in Anspruch zu nehmen, ohne sich an den Kosten zu beteiligen, führt umweltverträgliches Handeln zu höheren Kosten.

Hinzu kommt aus ökonomischer Perspektive das Entstehen positiver oder negativer externer Effekte. Bei positiven externen Effekten entstehen Nutzen, die nicht vom Verursacher bezahlt werden (Einrichtung einer innerstädtischen Fußgängerzone erhöht den Wert der privaten Immobilien), bei negativen externen Effekten, z.B. der Umweltschmutzung, werden die Kosten durch die Gemeinschaft getragen, der Nutzen dagegen wird privatisiert. Der Preis für ein Gut verliert dadurch seine Signalfunktion, da nicht alle Kosten „eingepreist“ sind. Der zu niedrige Marktpreis führt zu einem höheren Verbrauch.

Zur Lösung der Umweltprobleme bieten sich verschiedene Wege an. Der Staat (bzw. internationale Institutionen) kann mit ordnungsrechtlichen (Gebote, Verbote), marktkonformen (Zertifikate, Abgaben) und informellen (Selbstverpflichtungen) Instrumenten reagieren. Zudem gibt es den privaten Weg, bei dem Verursacher mit den Betroffenen Lösungen aushandeln (CoaseTheorem).

In unserem Unterrichtsbeispiel (Axel Springer AG) wird der private Weg eingeschlagen, wobei die Akteure nicht Verursacher und Betroffene sind, sondern Anbieter und Käufer. Da in diesem Fall der Käufer (Axel Springer AG) seine Anbieter (=Lieferanten) zu einem bestimmten ökologischen Verhalten verpflichten kann, ist von einem asymmetrischen Verhältnis auszugehen. Ob auch der Käufer einen Teil der Mehrkosten, die das ökologische Verhalten verursacht, mitträgt, ist unbekannt.

Nachhaltiges Produzieren erfordert einen erweiterter Produktivitätsbegriff, der sämtliche Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Natur/Boden/Rohstoffe) berücksichtigt. Mit dem Begriff der Ressourcenproduktivität erfasst man entweder die Produktivität jeder Ressource, gleich welchem Produktionsfaktor sie zuzurechnen ist, oder man bezeichnet damit im Unterschied zu Arbeits und Kapitalproduktivität die Produktivität der natürlichen Ressourcen, d.h. des Produktionsfaktors Boden. Dabei beinhaltet der Ressourcenbegriff sowohl die natürlichen Rohstoffe als auch die Aufnahmekapazitäten der natürlichen Umwelt für Abfallstoffe, die im Produktionsprozess anfallen.

Ressourcenproduktivität stellt somit die Schnittstelle zwischen dem ökonomischen Prinzip und dem der Nachhaltigkeit dar. Ein möglichst sparsamer Umgang mit Ressourcen dient beiden Zielen: der Kostensenkung und der Schonung der Umwelt bzw. der natürlichen Ressourcen 2

Lange wurde in den Wirtschaftswissenschaften die Ressourcenproduktivität freilich als unerklärbaren Bestandteil der Produktivität gesehen, also als den Teil der Produktivität, der nicht aus dem Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital resultierte. Die Steigerung der Bodenproduktivität wird allerdings zurecht der Entwicklung des technischen Fortschritts zugeschrieben.

Im Zuge eines gestiegenen Umweltbewusstseins wird die Bedeutung der Ressourcenproduktivität in der Gesellschaft deutlicher gesehen und die Gefahr des ungehemmten Ressourcenverbrauchs sowie die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung hervorgehoben (vgl. Die Grenzen des Wachstums).

Das von der Axel Springer AG vorliegende Material macht deutlich, dass die Verantwortlichen der AG den Blick für den ganzen Lebenszyklus eines Produkts (Ökobilanz, LebenszyklusAnalyse /LCA = Life Cycle Analysis) haben. Bei der Erstellung einer Ökobilanz hilft ein Prozessbaum, der die Etappen der Rohstoffbereitstellung, Fabrikation, Transport, Benützung und Entsorgung umfasst und nach den inputs (benötigte Energie und andere Hilfsmittel) und outputs (Emissionen, Abgase und Nebenprodukte) fragt. Nach der Erstellung einer Sachbilanz, die die Emissionen an Luft, Wasser und Boden sowie die Ressourcenverbräuche pro Nutzeinheit des Produkts zusammenfasst, schätzt man die Wirkung in Bezug auf die menschliche Gesundheit, die natürlichen Ökosysteme, das Klima und die Ressourcen ab 3 .


1 Eine anschauliche Darstellung findet sich unter: Schweizer Bundesamt für Raumentwicklung ARE: Drei-Dimensionen-Konzept der Nachhal­tigkeit http://www.are.admin.ch/themen/nachhaltig/00260/02006/index.html?lang=de

2 Vgl. M5 im Materialteil.

3 nach: Lüthi, Adrian, Ökobilanz von Produkten – Das Wichtigste in einer Lektion, Juni 2006, S. 8 ff, Publikation von www.educeth.ch, dem Bildungsportal der ETH Zürich A.Lüthi stellt in seiner Arbeit interessante Beispiele für ökobilanzierende Untersuchungen dar (Styropor oder Popcorn als Füllmaterial ?, Mobiltelefone, Getränkeverpackungen, Lifte). V.a. in der Reflexionsphase des Umsetzungsbeispiels (Reichen die bisherigen Bemühungen um nachhaltigeres Produzieren aus ?) kann die Lehrerin/ der Lehrer diese Arbeit heranziehen..