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Trainingsmodul 2: Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache erkennen

Schülerarbeitsblatt:

Sicher haben Sie schon Erfahrungen mit den Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache gemacht.

  • Erarbeiten Sie eine Liste solcher Erfahrungen.
  • Wählen Sie eine dieser Erfahrungen aus und notieren Sie, welche Folgen, Chancen und Gefahren sich ergeben können.
  • Chat, SMS, Mail usw. - Analysieren Sie anhand von Beispielen die Besonderheit dieser Kommunikationsformen.

  Korrektes Deutsch?“ - Jan Georg Schneider: Gesprochene und geschriebene Sprache im Vergleich (aus DU 4-2012 - versehen mit dem Vermerk COPY)

"Das Wort Grammatik stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Buchstabenkunst“ (techne grammatike). Allein hieran erkennt man schon, dass sich die Grammatikschreibung und der Grammatikunterricht traditionell stets an der Schriftsprache orientierten. Unsere grammatischen Kategorien sind schriftsprachlich geprägt; besonders deutlich zeigt sich dies an räumlichen Beschreibungskategorien wie „Links-“ und „Rechtsattribut“ In dem Ausdruck guter Wein ist guter ein sogenanntes „Linksattribut“ zu Wein, weil es links vom Bezugswort steht. Im Ausdruck Zentrum der Stadt ist der Stadt „Rechtsattribut“, weil es rechts vom Bezugswort Zentrum steht. Links und rechts gibt es aber nur in der geschriebenen Sprache, denn sie ist im Gegensatz zur gesprochenen visuell und flächig; in unserer Alphabetschrift z.B. schreiben wir in den Zeilen von links nach rechts und in den Spalten von oben nach unten. Dies ist eine kulturell bedingte Konvention; im Arabischen und im Hebräischen z.B. schreibt man von rechts nach links. In der Mündlichkeit dagegen gibt es überhaupt kein Links und Rechts, denn die gesprochene Sprache ist ja lautlich: Die Stimme erklingt und verklingt danach sofort wieder, das Gesprochene erstreckt sich in der Zeit, und nicht im Raum.

Allein dies macht bereits deutlich, dass gesprochene und geschriebene Sprache zwei unterschiedliche Medien sind, die ganz unterschiedlich funktionieren. Aufgrund unserer alphabetschriftlichen Grammatiktradition übersehen wir dies leicht: Wir alle haben sozusagen eine schriftsprachliche Brille auf der Nase und neigen dazu, mündliche Äußerungen mit einem schriftsprachlichen Maßstab zu messen. Nach Auffassung der modernen Sprachwissenschaft ist dies jedoch nicht angemessen. Wir müssen lernen zu verstehen, dass gesprochene und geschriebene Sprache unterschiedlich funktionieren und in unterschiedlichen Situationen verwendet werden: Die gesprochene Sprache verwenden wir in der Regel in interaktiven Gesprächen: Wir machen häufig Pausen beim Sprechen, wir korrigieren uns, setzen beim Sprechen neu an, manchmal fallen wir einander ins Wort oder ergänzen eine Äußerung, die ein anderer begonnen hat. In der geschriebenen Sprache ist das normalerweise nicht der Fall: Beim Produzieren der geschriebenen Sprache sind wir in der Regel allein, wir haben die Möglichkeit, unsere Texte zu überarbeiten und zu korrigieren, bevor wir sie „in Umlauf“ bringen: In diesem Sinne ist die geschriebene Sprache reversibel, die gesprochene irreversibel: In der spontanen mündlichen Kommunikation kann einmal Gesagtes nicht zurückgenommen werden. Wenn mir etwas „herausrutscht“, kann ich mich dafür zwar entschuldigen, aber löschen kann ich es nicht. Zudem besteht unsere geschriebene Sprache aus einzelnen visuellen Elementen, nämlich Buchstaben, während eine gesprochene Äußerung ein kontinuierlicher Lautstrom ist.

Insbesondere durch die Entwicklung der sogenannten neuen Medien (Chat, E-Mail, SMS usw.) werden einige dieser medialen Unterschiede heute verringert: Chatten z.B. ist viel interaktiver und synchroner als traditionelles Briefeschreiben. Dies ändert aber nichts daran, dass es grundlegende mediale Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache gibt, die auch bei der Beurteilung von sprachlichen Äußerungen berücksichtigt werden müssen. Gerade weil die mündliche Kommunikation so interaktiv und spontan ist, man die Äußerungen nicht vorher „im stillen Kämmerlein“ planen kann, man beim Sprechen Pausen macht und begonnene Äußerungen abbricht, finden sich in der gesprochenen Sprache zum Teil andere Grammatikkonstruktionen als im Geschriebenen. Diese Konstruktionen sind jedoch in der Regel nicht als falsch oder korrekturbedürftig einzustufen, sondern es sind eben typisch mündliche Konstruktionen. Zum Beispiel trennt man im Gesprochenen manchmal das, worüber man spricht, von der Aussage, die man darüber macht: „Das Buch da, kannst Du mir das mal leihen?“, „Der war echt gut, der Film.“ Früher konnte man gesprochene Äußerungen nicht festhalten, man hatte daher nur die Schriftsprache, die man genau analysieren konnte. Heute dagegen können wir gesprochene Sprache auf Tonträger oder Video aufnehmen: Dadurch wird sie wiederholbar, und wir können präzise erforschen, welche besonderen Grammatikstrukturen es im Mündlichen gibt. Dies ist eine Aufgabe der modernen Sprachwissenschaft. Auch Äußerungen, in denen die Konjunktion weil mit Hauptsatzstellung verwendet wird, kommen im Gesprochenen sehr häufig vor. Solche Äußerungen sind im Gesprochenen nicht als fehlerhaft einzustufen; vielmehr entsprechen sie dort der Gebrauchsnorm, auch wenn man sie in der geschriebenen Standardsprache korrigieren würde. „Er ist bestimmt schon gegangen, weil – sein Mantel hängt nicht mehr dort.“ Solche Konstruktionen sind zum Teil dadurch zu erklären, dass man nach weil häufig eine Pause macht und überlegt, welchen Grund man jetzt angeben möchte. Ähnliches gilt z.B. für Äußerungen mit obwohl: „Ich glaub, ich komme mit ins Kino – obwohl – ich bin zu krank. Dann komm ich doch besser nicht mit.“ Dies sind keine Fehler, sondern typisch mündliche Strukturen, genauer: Strukturen der mündlichen Kommunikation. In spontaner mündlicher Rede äußern Sprecherinnen und Sprecher ihre Gedanken ohne vorherige Planung des Satzbaus, und dies führt zu spezifisch mündlichen Grammatikstrukturen.

Diese medialen Unterschiede müssen bei der Beurteilung gesprochener und geschriebener Äußerungen immer berücksichtigt werden. Auch ist relevant, ob es sich jeweils um eine formelle oder eine weniger formelle Situation handelt. In privaten Unterhaltungen redet man anders als bei einem Bewerbungsgespräch. Ein wichtiges Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, Schülerinnen und Schüler zum situationsangemessenen Kommunizieren anzuleiten – im Schriftlichen und auch im Mündlichen. Man spricht eben nicht so, wie man schreibt, und man kommuniziert auch nicht in jeder Situation gleich. Dies ist etwas, was populäre Sprachkritiker und Sprachpfleger, wie z.B. Bastian Sick, nicht ausreichend berücksichtigen. Sie neigen dazu, Mündlichkeit und Schriftlichkeit über einen Kamm zu scheren, und übersehen, dass auch die Beurteilung grammatischer Richtigkeit nicht unabhängig von Kontext und Medium erfolgen kann."

 

Aufgabenstellungen

  • Lesen Sie den Text und analysieren Sie, welche Position der Sprachwissenschaftler Jan Georg Schneider hinsichtlich des korrekten und des nicht korrekten Sprachgebrauchs vertritt. Was ist für ihn ein Fehler?
  • Welche Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache werden im Text genannt?

 

Was bedeutet das für Ihre - definitionsgemäß schriftlichen - Aufsätze und Klausuren? Stellen Sie für Ihren Kurs eine Liste mit Tipps, Hilfen und Hinweisen zusammen, die Sie im Laufe der beiden Schuljahre individuell ergänzen.

 

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