Zur Hauptnavigation springen [Alt]+[0] Zum Seiteninhalt springen [Alt]+[1]

Unterrichtsversuch in Klasse 9

Entfaltung literarischer Orte und Figuren in Klasse 9

Die Personencharakterisierung wird im Deutschunterricht von der Klasse fünf bis zum Abitur immer wieder Unterrichtsgegenstand als zentraler Teilbereich der Erschließung literarischer Werke. Als Schreibform geht sie aus von der Personenbeschreibung. Sie erfordert einerseits sorgfältiges Sammeln offensichtlicher und sauberes Erschließen von verdeckten Informationen. Andererseits muss aus den gesammelten Einzelheiten ein stimmiges Gesamtbild zusammengesetzt werden. Schließlich soll sich der Schreibende in die untersuchte Person einfühlen und eine emotionale Annäherung versuchen. Bereits hier, wo es um das erweiterte Textverstehen geht, sind also analytisches, affektives und produktives Arbeiten gleichermaßen gefordert.

Wenn nun, ausgehend vom bisherigen persönlichen Werkverständnis, schreibende Gestaltungen unternommen werden, so entstehen im Erfolgsfall erweiterte und vertiefte Konkretisierungen. Das Schreiben als Arbeitsform erzwingt dabei eine Verlangsamung der Werkaneignung, die sowohl dem Textverständnis, im Sinne des textnahen Lesens, als auch dem eigenen literarischen Arbeiten gut tut . (1) Wichtig ist, dass es sich bei den im Unterricht angewandten Schreibformen nicht um Formen der gestaltenden Interpretation handelt, welche ja ein streng hermeneutisches Verfahren darstellt . (2) Im vorliegenden Fall geht es vielmehr darum, zu freiem, unterschiedlich textnahem Schreiben zu ermutigen, dieses zu begleiten und dabei verschiedene Schreibkompetenzen zu fördern.

Vorgehen

Die neunte Klasse, mit der der Schreibversuch durchgeführt wurde, hatte gerade den Schimmelreiter von Theodor Storm im Deutschunterricht erarbeitet. Dabei war auch die Personencharakterisierung Thema gewesen. In der nun geplanten Unterrichtssequenz sollte die Kenntnis der Novelle und ihrer handelnden Personen zur Förderung des freien Schreibens einerseits, zur Vertiefung des persönlichen Textverständnisses andererseits genutzt werden. Als Einstieg in die gestaltende Schreibarbeit sollte die Konkretisierung und Beschreibung eines Schauplatzes genutzt werden. Ausgehend von der besonders im europäischen Realismus des neunzehnten Jahrhunderts weit verbreiteten Idee der Korrespondenz zwischen handelnder Person und dem Schauplatz der Handlung bot sich dieser Umweg an, um am zunächst zugänglicheren Projekt der Ortsbeschreibung eine Annäherung an das schreibende Gestalten zu unternehmen. In einem zweiten Schritt sollte der Blick auf den Schauplatz durch die Augen einer handelnden Person gewählt werden, um die Annäherung an eine Person voranzutreiben, aber auch die Entstehung einer eigenen Geschichte zu fördern. Beide Schreibimpulse wurden im Unterricht, aber auch zu Hause verfolgt.

Im Einzelnen

Es wurde zu Beginn der Arbeit an Gestaltungen prospektiv eine Situation der Novellenhandlung nach Art einer Traumreise konkretisiert, der rechnende Hauke Haien in der Wohnstube des alten Deichgrafen, dieser im Lehnstuhl schlafend, die strickende Elke auf einem „grobgeschnitzten Holzstuhl“. Wichtig war, eine Situation im Werk auszuwählen, die selbst nur sparsam ausgeführt ist, um genug Gestaltungsraum für die Schülerarbeiten zu lassen. Die Situation wurde nun in einer Vorstellungsübung von jedem Schüler einzeln entwickelt. Einzelne Eindrücke wurden anschließend im Plenum benannt, wobei Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den verschiedenen imaginierten Bildern sichtbar wurden. So war zum Beispiel der vorgestellte Raum in allen Fällen eher lichtarm, die Farbe Braun spielte eine prominente Rolle. Allen Projektionen eignete eine intensive Behaglichkeit. Die jeweiligen Eindrücke wurden in der Folge in Einzelarbeit verschriftlicht. (3) Wichtig hierbei ist, dass keine Textbelege gefordert wurden, auch sollte in Zweifelsfällen nicht der Text zur Vereindeutigung herangezogen werden. Zum Beharren auf den eigenen Eindrücken wurde ermutigt.

Eine besondere Herausforderung stellt die Schreibbegleitung beim freien Schreiben dar. Einerseits sollen Kompetenzen gezielt gepflegt werden, zum anderen soll das Schreiben ein Eigenständiges bleiben. Im geschilderten Unterrichtsversuch wurden Rückmeldungen gegeben, die sich im Wesentlichen auf die sprachliche Korrektheit, die Verständlichkeit und den Eindruck, der beim Lesen entstanden war, konzentrierte .(4) In der Folge ist eine Schülerarbeit eingerückt, die auf den ersten Schreibauftrag hin entstanden ist.

Beschreibung des Raumes

In dem Raum des Deichgrafen gibt es drei Türen. Eine Tür führt in das Zimmer von Elke, die Andere in eine Abstellkammer und die letzte Tür in ein Zimmer, dass nicht gebraucht wird und ganz dunkel und verlassen ist. Man kann 3 kleinere Fenster erkennen, die ein wenig Licht in das Zimmer lassen, dennoch nicht viel. Der Raum ist ziemlich düster und es gibt nur Kerzen zur Beleuchtung. Zwei Tische stehen in dem Raum, an einem sitzt Hauke und rechnet und an dem anderen sitzen Elke und der Deichgraf. Sie trinken Tee und unterhalten sich. Auf Haukes Tisch stehen mehrere Kerzen. Draußen regnet und windet es. Es ist Herbst und gegen Abend. Der Regen klatscht gegen die Fenster. In der Ecke steht ein heruntergekommener Schaukelstuhl, auf dem der Deichgraf immer ein Buch liest. Der Boden ist dunkel und besteht aus braunem Holz. Es gibt keine Teppiche. An der Wand hängen zwei Gemälde, auf dem einen kann man ein Wald mit vielen Bäumen erkennen und einzelnen Blumen, und auf dem Anderen ist eine Kuh die auf der Wiese grast. Die Fensterläden von außen schlagen immer wieder auf und zu, durch den Wind, der draußen herrscht. In dem Zimmer ist es sehr warm, da ein Kamin das Zimmer beheizt. Die Stimmung untereinander ist sehr harmonisch und ruhig. Der Stil des Deichgrafen ist eher schlicht und alt.

Erkenntnisse

Bereits die sich aus dem ersten Schreibanlass ergebenden Texte zeigen Erstaunliches. Die beschriebenen Räume ähneln sich in der Stimmung, die ihre Beschreibung erzeugt, auffallend .(5) Ausstattung und Schwerpunktsetzung, wo eine solche zu erkennen ist, weichen allerdings deutlich voneinander ab, ebenso differiert die Qualität der Schreibprodukte. Manche der eingegangenen Texte sind schon in der ersten Fassung ausgesprochen vielversprechend, was die stilistische Gestaltung und/oder die Annäherung an den Novellentext angeht. Andere weisen inhaltliche Unstimmigkeiten und sprachliche Unbeholfenheit in unterschiedlichem Maße auf. Insgesamt gilt, dass alle Arbeiten in den Details, aber auch in der Stimmungsgestaltung, über die Informationen des Ausgangstextes hinaus gehen. Das zeigt sich zum Beispiel in dem Eingehen auf Farben und Lichtverhältnisse. Dabei arbeitet der entstehende Text kaum je gegen den Novellenauszug. Deutlich wird in den Schreibprodukten auch der sich entfaltende persönliche Stil, der sich je unterschiedlich ausprägt.

Wichtige Ergebnisse des Unterrichtsversuches sind:

  • Das handlungslose Beschreiben eines Schauplatzes gelingt auf Anhieb besser als das Ausgestalten und Fortspinnen einer Handlung.
  • Beim Beschreiben eines Schauplatzes wird manchmal wie selbstverständlich die Perspektive einer anwesenden Person eingenommen. Dies kann auch forciert werden.
  • Aus dem Entwurf eines literarischen Raumes entsteht ohne Mühe eine Erzählhandlung, die von dem vorhergehenden Einleben in einen Schauplatz profitiert.
  • Überhaupt werden das Erzählen und die Perspektive sehr organisch zum Thema des Unterrichts.
  • Das textnahe freie Schreiben lässt sich nicht nur anstoßen, es verdient und verträgt auch intensive und hartnäckige Schreibbegleitung.
  • Rückmeldungen bieten sich nicht nur an, sie ergeben sich auf verschiedenen Ebenen fast von selbst.
  • Obwohl das Schreiben sich in der Handlung und Ausgestaltung der Charaktere vom Text entfernt, sind in den nachfolgenden Unterrichtsgesprächen vertiefte Textkenntnis in den Details und vertieftes Textverständnis zu beobachten.

 

Insgesamt erweist sich das angeleitete freie Schreiben zu literarischen Personen im beschriebenen Unterrichtsversuch als Möglichkeit, Schreibförderung im Sinne freien Schreibens zu betreiben und ihre Ergebnisse für das Verständnis literarischer Texte nutzbar zu machen.

Nachfolgend ist ein kommentierter Verlaufsplan des beschriebenen Unterrichtsversuches angehängt.

Anmerkungen

  1. Siehe zum Nutzen der Verlangsamung bei der Arbeit mit literarischen Texten v.a. Elisabeth Paefgen: „Textnahes Lesen. Sechs Thesen aus didaktischer Perspektive“. In Belgrad/Fingerhut(Hgg): Textnahes Lesen . 1998, S.14-23.
  2. Eher bieten sich, ähnlich der Auswertung szenischer Verfahren, in einer Rückführung zum Text im Anschluss an den Schreibprozess, fruchtbare Interpretationsgespräche an.
  3. Siehe Materialsammlung.
  4. Siehe hierzu den Abschnitt „Schreibbegleitung“.
  5. Beispiele finden sich in den Abschnitten „ Unterrichtsversuch in Klasse 9. Materialien“ und „Rückmeldungen zu Schülerarbeiten“.

 

Unterrichtsversuch in Klasse 9: Herunterladen [docx] [25 KB]