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Unterrichtsversuch in Klasse 11

Gegenstandsbeschreibung

In einer Klasse 11 (K1) wurde zu Beginn der Kursstufe ein Unterrichtsversuch durchgeführt, der die Gegenstandsbeschreibung ins Zentrum setzte. In der Folge sollen Ziele, Verfahren und gewonnene Erkenntnisse dargestellt werden, zusätzlich Einblick in Schülerarbeiten gegeben werden.

Die Zielsetzung

Ziel des Unterrichtsversuches war es im Wesentlichen, mithilfe der Gegenstandsbeschreibung als Schreibform individuelles Schreiben anzustoßen, Beschreibungskompetenz zu entwickeln und letztlich auch die Aufmerksamkeit für beschreibende Texte zu entwickeln. Die Anforderungen lagen dabei vor allem im Bereich der genauen Beobachtung und der Fähigkeit, Wahrnehmungen zu versprachlichen. Als Beschreibungsgegenstand wurden geschliffene Halbedelsteine gewählt, die in einem gemischten Konvolut vorlagen und an Beobachtung wie an die Suche nach den treffenden Wörtern hohe Ansprüche stellen. Aus der Fülle des Notierten sollte ein sinnvoll strukturierter Text geformt werden, der eigenen und fremden Ansprüchen an eine Beschreibung genügen konnte. Allerdings wurden über das Beobachten und das Beschreiben hinaus keine Aufgaben gestellt, auch diese waren bewusst offen und wenig lenkend gehalten. So ließen die Schülerarbeiten persönlichen Eindrücken und Reaktionen auf den Stein unterschiedlich viel Raum.

Das Verfahren

Als Gegenstände für den Unterrichtsversuch wurden bunt gemischte Halbedelsteine gewählt. Diese sind leicht zu bekommen, nicht teuer und weisen untereinander große Unterschiede, bis hin zu Alleinstellungsmerkmalen auf.

Der erste Schritt war, jedem der Beteiligten die Auswahl des eigenen Steines zu überlassen. Die Auswahl ging zügig, geschah aber von Schülerseite sehr gezielt.

Das weitere Verfahren richtete sich im Wesentlichen nach der Schrittigkeit, die im Abschnitt „Erleben, Beobachten, Beschreiben“ dargestellt ist. Auf das Beobachten folgte also die Sammelphase, in der nach passenden Wörtern gesucht wurde, die anschließend zu Aussagen zusammengefügt wurden. Schließlich entstanden beschreibende Texte. Geschrieben wurde in Abschnitten, deren Zuschnitt nicht zuletzt durch die inhaltlichen Anforderungen an den Stoffverteilungsplan zu Beginn der Kursstufe 1 bestimmt wurde, das heißt, typischerweise im Anschluss an stark kognitiv geprägte Unterrichtsphasen in Doppelstunden.

Beobachtungen und Ergebnisse

Die erste überraschende Beobachtung ergab sich bei der Fortsetzung des ersten Schreibversuches im Abstand von einigen Tagen. Jeder erkannte beim Austeilen der Steine seinen Schreibgegenstand ohne Zögern in der Menge wieder. Offensichtlich war die Erinnerung an den eigenen Stein durch die Sorgfalt der Beobachtung und das Versprachlichen der Erkenntnisse über mehrere Tage lebhaften Schulalltags stabil geblieben. Im Zusammenhang damit fiel das in der ganzen Lerngruppe hohe Engagement für den Beobachtungs- und Schreibauftrag auf, der das Maß der bloßen Bereitschaft deutlich überstieg. Auch wurde das Weiterarbeiten an den Beschreibungen nach einer Pause von einigen Tagen offenbar nicht als lästige Pflicht, sondern konzentriert und mehr als bereitwillig wieder aufgenommen. Das gilt auch für die gegenseitige Beratung bei den beschreibenden Texten. Die Beschreibungen selbst sind recht unterschiedlich ausgefallen. Insgesamt gilt aber, dass sie alle erkennbar Dokumente der Arbeit an Schreibkompetenzen darstellen. In unterschiedlichem Maße machen sie eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Beobachtungsgegenstand sichtbar.

In der Folge sollen einzelne Erkenntnisse an authentischen Schülertexten verdeutlicht werden.

"Der Gegenstand ist ein Halbedelstein, ein Rosenquartz. Der Stein ist hellrosa wie die Blätter einer Rose und wenig transparent, eher milchig. Er ähnelt von der Form einem flachen Parallelogramm, jedoch mit einem Halbkreis an einer der kurzen Kanten und wiegt ungefähr so viel wie eine Kirsche. Kanten und Ecken sind gerundet, der gesamte Stein wurde in einer Schleiferei in Waldkirch geschliffen, die Oberfläche ist daher sehr glatt. Der Stein ist insgesamt flach, ca. 4 mm hoch, das ungefähre Parallelogramm mit einer Länge von ca. 2 cm und eine Breite von ca. 1cm.

Hält man den Stein in das Licht, wird es an den Kanten gespiegelt und man erkennt Fingerabdrücke auf dem Stein.

Im Stein befinden sich viele Luft- und Dreckeinschlüsse, die aussehen wie Eiskristalle, vor allem in der Diagonalen von der unteren linken zur oberen Rechten Ecke und an der imaginären Grenze zwischen dem Parallelogramm und dem Halbkreis auf der linken Seite. Eine kleine Macke, ca. 2mm im Durchmesser befindet sich in der oberen linken Ecke wo besonders viele Lufteinschlüsse sind.

Hält man den Stein in der Hand, fühlt er sich sehr angenehm an durch seine Form und die geschliffene Oberfläche. Aber er wirkt auch kühl und unnahbar durch seine Farbe und die Struktur von Eis in seinem Inneren. Man hat den Eindruck, dass durch die kleine Macke die kühle Perfektion des Steins aufgebrochen wird, er sich dadurch erst begreifen lässt."

Diese Schülerarbeit lässt sich intensiv auf die Anforderung einer präzisen Beschreibung ein. Insofern stellt sie ein eher typisches Beispiel für die erhaltenen Arbeiten dar. Zu beobachten ist das Ringen um die Versprachlichung sehr sorgfältiger Beobachtungen, besonders was die unregelmäßige Form des Steins angeht. Dabei gelingt viel, besonders in der Beschreibung der Einschlüsse. Interessant ist, dass an mehreren Stellen die formulierten Eindrücke zu einer persönlichen Auseinandersetzung werden. Kälte und Eis werden als Bezugsgrößen zur Beschreibung herangezogen, am Ende wirkt der Stein „kühl und unnahbar“, seine „kühle Perfektion“ wird betont.

Die Gegenstandsbeschreibung in K1 als Hinführung zum essayistischen Schreiben

Eigentlich erst im Verlauf des Unterrichtsversuches stellte sich eine Nähe des Beschreibens im vom Versuch intendierten Sinne zum essayistischen Schreiben heraus.

In dem Maße, in dem die Gegenstandsbeschreibung die persönliche Auseinandersetzung mit einem Gegenstand begleitet und abbildet, kommt das Beschreiben dem Essay (1) nahe. Also: Wie der Essayist seine eigene Person in das Nachdenken über ein Thema mit hineinnimmt, ist die Gegenstandsbeschreibung als literarische Tätigkeit um die zwei Zentren Gegenstand und beschreibendes Subjekt angeordnet. Vorbereitend für die Schreibform Essay kann die Gegenstandsbeschreibung insofern fungieren, als bei ähnlichen schreiberischen Anforderungen die Aneignung des Gegenstandes direkter und unmittelbarer angegangen werden kann. Das bedeutet keineswegs, dass die Schreibprodukte am Ende weniger Ergebnisse erbringen können als ein Essay zum Thema Freiheit, es bedeutet aber, dass der Weg zum Schreiben direkter ist, indem Defizite im Weltwissen, anders als häufig beim Essay, keine Rolle spielen. Freilich ist die Beschreibung noch kein Essay, sie kann aber, als persönliche Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, ein Einstieg in das essayistische Schreiben sein. Nicht mehr war auch bei dem beschriebenen Unterrichtsversuch intendiert.

Nach der intensiven Beschäftigung mit dem eigenen Schreiben soll die Hinführung zu literarischen Texten folgen, die beschreiben (Musil, Rilke, Eich). Diese Phase konnte bis zur Fertigstellung der Fortbildungsmaterialien nicht abgeschlossen werden. Zu den hierzu vorgesehenen Texten siehe auch den Abschnitt „Literarische beschreibende Texte als Mittel zur Schreibförderung“.

Anmerkung

1. Zur Begriffsannäherung siehe vor allem Judith S. Ulmer: „Ein Versuch macht Schule. Der Essay als Aufsatzform und Bildungsideal.“, in Matthias Thies et al.: Der Essay in der Schule . Baltmannsweiler 2012, S.5-21.

 

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