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Erleben, Beobachten, Beschreiben. Versuch einer Anleitung

Von der sinnlichen Wahrnehmung zum Schreiben.

Was ist das Schwerste von allem?
Was dir das leichteste dünket;
Mit den Augen zu seh’n
Was vor den Augen dir liegt. 1

Diese Erkenntnis Goethes steht am Anfang der Bemühungen, Schülerinnen und Schüler zum Beschreiben zu bringen. Tatsächlich beginnt das angeleitete Beschreiben, so frei es im Produkt am Ende auch sei, bei der sorgfältigen Hinführung zur konzentrierten Wahrnehmung und der Verbindung dieser mit passenden Wörtern. Dabei geht es nicht um eine wie immer geartete Steuerung der Wahrnehmung auf vom Lehrer Gewolltes hin, sondern um eine Konkretisierung und Intensivierung der eigenen Erlebensfähigkeit, die die Versprachlichung jenseits von sprachlichen Versatzstücken erst möglich macht. In der Folge soll ein Verfahren vorgestellt werden, was sich in der Praxis in verschiedenen Altersstufen und verschiedenen Kontexten bewährt hat. Die Beschreibung der einzelnen Verfahrensschritte fokussiert vor allem auf das Handwerkliche. Im je konkreten Fall muss je nach Klassenstufe, didaktischem Ziel und Lehrerpersönlichkeit je passend geplant, geführt und begleitet werden. Auch muss auf die unterschiedlichen Arbeitsgeschwindigkeiten Rücksicht genommen werden, die besonders in den Phasen der Wahrnehmung und des Sammelns von Wörtern nicht zu vermeiden sind.

Einstimmungs- und Wahrnehmungsübungen

Im schulischen Alltag fällt es Schülerinnen und Schülern oft schwer, sich auf einen Gegenstand intensiv einzulassen. Es kann dabei durchaus hilfreich sein, die volle Wahrnehmungsfähigkeit überhaupt erst herzustellen, indem man Übungen zur Konzentration oder zur Beruhigung an den Anfang stellt. Im Zusammenhang mit nachfolgenden Wahrnehmungsübungen haben sich vor allem Übungen bewährt, die auf eine Art Zentrierung der Aufmerksamkeit abzielen.

Eine Möglichkeit unter vielen besteht darin, dass jeder, im freien und aufrechten Stand, sich so weit nach vorne neigt, wie es möglich ist, ohne die Fersen vom Boden zu heben. Das Gleiche wird entsprechend nach hinten und zu den Seiten vollzogen. Am Ende können die Neigungen in einem Kreisen um den eigenen Standpunkt verbunden werden. Diese Übung ist mit offenen wie mit geschlossenen Augen durchführbar.

Weiterhin sind Atemübungen, wie sie in der Chorarbeit üblich sind, nützlich, um Einflüsse der Außenwelt abzuschwächen und im Gegenzug die Konzentration auf das Nahe zu stärken.

Die eigentlichen Wahrnehmungsübungen unternehmen das Intensivieren sinnlicher Wahrnehmung. Man kann zum Beispiel versuchen, mit geschlossenen Augen die Umgebung wahrzunehmen, indem man versucht, Geräusche der Umgebung zu orten und zuzuordnen. Es ist hilfreich, Mauern, Bäume etc. tastend zu untersuchen. Am Ende haben beide Übungsformen eng miteinander zu tun, indem Konzentrationsübungen die Selbstwahrnehmung steigern und gelungene Wahrnehmungsübungen zur Konzentration beitragen. Überhaupt gilt, dass alle Übungen geeignet sind, die zur Konzentration führen und Wahrnehmungen begünstigen. 2

Die Wahrnehmungsphase

Um „das Schwerste“, wie es Goethe nennt, zu erleichtern, ist es hilfreich, die Arbeitssituation auf das Vorhaben auszurichten. Das gelingt teilweise schon durch die Konzentrations- und Wahrnehmungsübungen. Während diese aber noch ein gemeinsames Unternehmen sind, geht es nun um durch nichts abgelenkte Einzelanstrengungen, die eher ermöglicht als angeleitet werden müssen. Tatsächlich lässt sich bisweilen bei den Schülerinnen und Schülern in dieser Phase die Neigung zur räumlichen Vereinzelung beobachten. Wenn genügend Zeit zur Verfügung steht, lohnt es sich, den Wahrnehmungsort bewusst zu wählen. Dieser sollte dann auch der Ort für die einleitenden Übungen und das Sammeln von Wörtern sein. Die wichtigste Anforderung an Lehrpersonen besteht in dieser Phase wohl darin, die Beobachtenden in Ruhe zu lassen.

Wörter sammeln

Der Übergang von der Wahrnehmung zur sprachlichen Äußerung ist ein großer Schritt, der nicht durch zu vielfältige Anforderungen überlastet werden darf. Bewährt hat sich die Anleitung, Worte zu sammeln, die sich bei äußeren Eindrücken in einer intensiven Beobachtungsphase von selbst einstellen. Hilfreich ist häufig, auf Wahrnehmungsweisen aufmerksam zu machen, zum Beispiel zum gezielten Tasten aufzufordern, wenn eine Weile nur beobachtet wurde. Je nach Objekt können auch andere Sinne an Bedeutung gewinnen. Wichtig ist, für die gesamte Phase genug Zeit und Ruhe zu lassen. Das ist gerade in der engen Taktung eines Schulvormittags nicht immer leicht, wird aber häufig von den Schülerinnen und Schülern als besonders angenehm erlebt.

Die große Herausforderung bei der Suche nach den richtigen Wörtern ist nun, abgegriffenen Formulierungen nicht auf den Leim zu gehen, das heißt, nicht zu notieren, was zum betreffenden Gegenstand an Wörtern bereits abgespeichert ist, sondern was an Wörtern zur momentanen Wahrnehmung passt. Ein Stein zum Beispiel muss sich nicht unbedingt hart anfühlen, muss nicht statisch wirken. Am Ende der Sammelphase sollte ein ungeordneter Vorrat an Notaten entstanden sein.

Wörter verwenden

Die gefundenen Wörter sind noch keine versprachlichten Wahrnehmungen, sondern eher bezeichnete Eindrücke. Aus den gesammelten Wörtern aber lassen sich differenzierte Äußerungen zu Wahrnehmungen zusammenfügen, also zum Beispiel „glatt und unzugänglich“ oder „stellt sich ins Licht“. Damit ist die Aufmerksamkeit nicht mehr primär auf den Gegenstand gerichtet wie bei der Suche nach Wörtern, sondern auf das gesammelte Sprachmaterial. Diese Umorientierung sollte nicht gar zu kategorisch durchgesetzt werden, kann aber zum Beispiel durch einen Ortswechsel (Rückkehr vom Beobachtungsort ins Klassenzimmer) betont werden. Die Arbeitsanweisung in dieser Phase sollte darauf abzielen, aus Wörtern Sätze zu machen, aus Eindrücken Aussagen. Das Ziel ist in dieser Phase, Aussagen über Wahrnehmungen zu treffen, noch nicht eine Beschreibung des Gegenstandes. Die Aussagen dürfen weiterhin berührungslos nebeneinander stehen. Es geht weiterhin nur darum, dass sie als stimmig empfunden werden.

Texte schreiben

In dieser Phase des Schreibens, in der zusammenhängende Texte entstehen sollen, entsteht ein Zusammenhang zwischen den einzelnen versprachlichten Eindrücken. Einzelne Äußerungen wachsen zu einer Beschreibung zusammen, die in sich sinnvoll gegliedert ist, also eine Struktur bekommt. Dies bedarf häufig gar nicht der Anweisung. Auch entsteht, unterschiedlich bewusst gesteuert, der spezifische Tonfall der Beschreibung. Der Text kann auf seine Brauchbarkeit als Beschreibung hin überprüft werden, es entsteht durch die Forderung nach Treffsicherheit, ohne dass dies explizit eingefordert würde, eine Adressatenorientierung. Auch kann es durchaus geschehen, dass der entstandene Text durch den Wunsch, die eigene Wahrnehmung plausibel zu machen, recht persönlich gerät. Irgendwann in dieser Phase wird auch die Entscheidung für eine Textsorte zwingend. Wichtig ist, dass bei dieser Arbeit wirklich der Text der Gegenstand im Fokus ist, nicht mehr das ursprünglich beobachtete Objekt. Es kann auch geschehen, dass, indem der Text selbst für den Schreibenden verstärkt zu einem Gegenstand wird, das Element der Reflexion an Bedeutung gewinnt. Dies ist ein typisches Phänomen von Schreibprojekten in der Kursstufe.

Überarbeiten und Rückmelden

Nun, da Texte entstanden sind, ist eine Distanznahme sinnvoll, die es möglich macht, die Beschreibung auf ihre Textqualitäten hinzu überprüfen. Der Text wird also selbst zu einem betrachteten Gegenstand. Das kann dadurch entstehen, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Texte untereinander austauschen und kommentieren. Dabei ist der erste Leseeindruck ebenso wichtig wie eine Rückmeldung zur Verständlichkeit. Kann sich der Leser den beschriebenen Gegenstand nach seiner Beschreibung vorstellen? Hat der Text eine sinnvolle und dem Leser hilfreiche Struktur? Rückmeldende sind ebenso die anderen Schreibenden wie die Lehrperson. Die Bedeutung einer differenzierten Rückmeldung kann gar nicht genug betont werden 3 . Auf die Rückmeldung folgt die eigentliche Überarbeitung, in der Kommentare überdacht und eingearbeitet oder verworfen werden. Ideal ist ein sich entwickelnder Wechsel zwischen Rückmeldung und Überarbeitung. Fertige Texte können einer Analyse als Sachtexte oder einer Deutung als literarische Texte unterworfen werden. Dadurch werden die neuen Erfahrungen auch im Analytischen angewandt, außerdem erfolgt eine Würdigung der Schreibprodukte. Sinnvoll ist am Ende auch das gemeinsame Benennen von Lernfortschritten im Bereich des Schreibens, aber auch die Anregung neuer, individueller Schreibprojekte. 4


Dieses Goethe-Zitat ist in letzter Zeit inflationär herangezogen worden. Wenn es hier noch einmal geschieht, dann vor allem deshalb, weil es bei den vorgestellten Verfahren zur Schreibförderung nun wirklich um eine Annäherung an die Goethesche Forderung geht.

Als wertvolle Quelle für Anregungen hat sich Wie man sich die Welt erlebt von Keri Smith (München 2011) erwiesen.

Siehe hierzu auch den Abschnitt zur Schreibbegleitung.

Siehe hierzu auch den Abschnitt „Wettbewerbe und Anlaufstellen“.

 

Erleben, Beobachten, Beschreiben. Versuch einer Anleitung:
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