Kognitive Aktivierung
Zu welchem Grad werden die Lernenden angeregt, sich aktiv mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen und sich dabei vertieft mit den Inhalten zu beschäftigen? (Kognitive Aktivierung)
Einführung
Eine Bedingung für nachhaltig wirksamen Unterricht ist, dass er konstruktiv an vorhandene Vorstellungen anknüpft. Kognitive Aktivierung unterstützt Prozesse, in denen über vorhandene Vorstellungen und bereits verfügbares Wissen nachgedacht wird. In solchen Lernprozessen werden die eigenständige und bewusste Wahrnehmung und Erschließung von Welt und Wirklichkeit eingeübt und vertieft. Kognitive Aktivierung im Religionsunterricht kann deshalb zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Lebensthemen herausfordern. (Rest der Einführung verstecken unter „weitere Informationen“-Button:)
Religionsunterricht beleuchtet insbesondere Fragen konstitutiver Rationalität und betrifft damit existentielle Fragen der Lebensdeutung und Orientierung in einer Situation religiöser und weltanschaulicher Pluralität.
Kognitiv aktivierender Religionsunterricht regt die Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken darüber an, nach welchen Mustern sie Welt und Wirklichkeit wahrnehmen und deuten und auf Grundlage welcher Wahrnehmungen und Deutungen sie handeln. Dabei öffnet er den Blick auf andere, von der eigenen Weltdeutung abweichende Muster, z.B. auch in verschiedenen Traditionen der Religionen oder in unterschiedlichen ethischen Positionen. Die Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen fordert die Lernenden heraus, sich zu positionieren, zumindest vorläufig, oft auch zur Probe.
Im Schulleben äußert sich das Interesse des Religionsunterrichts am Nachdenken über unterschiedliche Weltdeutungen in Offenheit gegenüber anderen Fächern.
Die konstruktiv-kritische Anregung kognitiver Aktivität erfolgt im Religionsunterricht im Kontext existentieller Lebensrelevanz. Darum ist auch die emotionale Bedeutsamkeit zu berücksichtigen: Konstruktive subjektive Betroffenheit kann dabei die kognitive Aktivierung fördern und dabei Lernprozesse anstoßen und unterstützen. Dies gilt insbesondere dann, wenn man sich mit bewussten und unbewussten, mit eigenen und mit fremden Traditionen auseinandersetzt. Dabei besteht eine Herausforderung darin, dass es beispielsweise in Dilemmasituationen keine eindeutige Lösung gibt. Man muss auch ertragen, dass trotz aller Positionierung oft eine Mehrdeutigkeit bleibt. Es lassen sich komplexe Inhalte oft nicht auf einfache Weise erfassen. Aber genau das ist ein entscheidender Teil der kognitiven Aktivierung.
Eine kognitiv aktivierende Didaktik muss also insbesondere auch der Aufgabe gerecht werden, Selbstreflexion einzuüben, andere Perspektiven zu erproben, unterschiedliche Sichtweisen und Argumente abzuwägen und sich so ein reflektiertes Urteil zu bilden. Dabei werden Achtsamkeit und Pluralitätsfähigkeit gefördert.
Erläuterungen zu den einzelnen Items
Verständnisorientierung (Item 1.1)
Im Religionsunterricht geht es nicht nur um Fachwissen, sondern in besonderer Weise um die Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens und die Frage nach Gott. So gesehen ist das Spezifische des Religionsunterrichts im Hinblick auf zentrale Lerninhalte, dass diese immer wieder neu im Prozess einer gemeinsamen Suche nach Wahrheit und Orientierung sprachsensibel und auch handlungsorientiert erschlossen werden.
Die Inhalte, auf die fokussiert werden soll, sind im Religionsunterricht nicht einfach nur fachliche Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern beziehen sich auf eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens und der Frage nach Gott1 . Das heißt: Der Unterricht ist so gestaltet, dass Schülerinnen und Schüler einen Bezug des Themas auf für sie relevante Fragen entdecken können. Tiefendimensionen des Lebens lassen sich über Impulse zur Korrelation von Lebenswelt und Deutungsangeboten aus dem christlichen Glauben ansteuern. So gesehen ist das Spezifische des Religionsunterrichts im Hinblick auf zentrale Lerninhalte, dass diese im Prozess einer gemeinsamen Suche nach Wahrheit und Orientierung sprachsensibel und auch handlungsorientiert erschlossen werden. Dabei spielt die Lehrkraft durch Strukturierung und Herstellung von Transparenz des Lernprozesses eine entscheidende Rolle.
Um diesen Lernprozess zu ermöglichen bzw. anzubahnen und zu fördern ist in der Vorbereitung eine didaktische Reduktion notwendig2 , die sich an der Lebensrelevanz für Schülerinnen und Schüler orientiert und dabei eine christliche Perspektive auf die Wirklichkeit ins Spiel bringt. Die Lehrkraft fokussiert ihren Unterricht auf Aspekte des Themas, die für Schülerinnen und Schüler elementar zugänglich sind. Didaktische Leitfragen, die den Unterricht einleiten und steuern, sowie eine zu Fragen motivierende Haltung der Lehrkraft spielen hier eine besondere Rolle.
1 Nach dem Elementarisierungsmodell von Nipkow / Schweitzer lassen sich diese Perspektiven verschiedenen Aspekten der Elementarisierung zuordnen. Hierzu: elementare Wahrheiten; vgl. z.B. Elementarisierung im Religionsunterricht: Erfahrungen, Perspektiven, Beispiele; mit weiteren Beiträgen von Karl Ernst Nipkow; Neukirchen-Vluyn, Neukirchener Verlag, 2003.
2 Nipkow / Schweitzer a.a.O. elementare Strukturen.Ermittlung von Denkweisen und Vorstellungen (Item 1.2)
Neben der Orientierung an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen geht es im Religionsunterricht um Präkonzepte von Schülerinnen und Schülern: Das sind oft grundlegende Überzeugungen bzw. existentielle Bezüge. Daher sollte die Lehrkraft den Vorstellungen der Schülerinnen und Schülern offen und neugierig im Sinne einer gelebten Fragekultur begegnen. Dies bedeutet, dass die Lehrkraft Raum für Schülerantworten gibt, diese würdigt und in das weitere Unterrichtsgeschehen einbezieht.
In der Vorbereitung des Religionsunterrichts spielt das Vorverständnis der Schülerinnen und Schüler eine entscheidende Rolle.1 Für eine Orientierung an den Voraussetzungen religiöser und moralischer Entwicklung stehen der Lehrkraft vielfältige religionspädagogische Erkenntnisse zur Verfügung. 2
Neben den entwicklungspsychologischen Voraussetzungen ist für den Religionsunterricht auch die Frage nach bestimmten Milieus besonders im Hinblick auf die religiöse Sozialisation relevant. Da der Religionsunterricht an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler anknüpfen soll, ist es darüber hinaus wichtig, Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern bei Planung und Durchführung zu berücksichtigen (z. B. Familiensituation, Verlust von Bezugspersonen, Krankheit, Behinderung, ...). Die Auswahl geeigneter Anforderungssituationen und Medien hilft, die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in den Lernprozess einzubinden.
Da es sich im Religionsunterricht bei den Präkonzepten oft um grundlegende Überzeugungen bzw. existentielle Bezüge handelt, sollte die Lehrkraft den Vorstellungen der Schülerinnen und Schülern offen und neugierig im Sinne einer gelebten Fragekultur begegnen. Dies bedeutet, dass die Lehrkraft Raum für Schülerantworten gibt, diese würdigt und in das weitere Unterrichtsgeschehen einbezieht. „Unterricht ist in dieser Sicht die Ermöglichung von Welterschließungsprozessen durch Kinder und Jugendliche, indem er dafür anregende Impulse, Erfahrungen und Erkenntnisse bereitstellt oder bereits Gelerntes korrigiert, erweitert oder manchmal auch irritierend hinterfragt.“3
Herausfordernde Aufgaben und Fragen (Item 1.3)
Im Religionsunterricht geht es darum, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, die Vielgestaltigkeit von Wirklichkeit wahrzunehmen, diese theologisch zu reflektieren, christliche Deutungen mit anderen zu vergleichen, die Wahrheitsfrage zu stellen, eine eigene Position zu vertreten und die Perspektiven anderer nachzuvollziehen. Um diesen Anspruch des Faches in der Praxis umzusetzen, ist es wichtig, dass Fragestellungen und Aufgaben im Religionsunterricht als persönlich relevant erfahren werden.
Im Religionsunterricht geht es darum, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, die Vielgestaltigkeit von Wirklichkeit wahrzunehmen, diese theologisch zu reflektieren, christliche Deutungen mit anderen zu vergleichen, die Wahrheitsfrage zu stellen und eine eigene Position zu vertreten.1 Er dient dem Erwerb von Orientierungsfähigkeit.2 Religiöse Bildung in diesem Sinne erfolgt in Prozessen der Wahrnehmung, Bewusstmachung und Reflexion subjektiver Vorstellungen durch eine Auseinandersetzung mit anderen Vorstellungen. Solche Prozesse sind also dialogisch und diskursiv, in analogen wie auch digitalen Lebenswelten der Lernenden zu denken. Hierbei wird auch das Ziel einer gelingenden religionssensiblen und vielfältigen Schulkultur als ein unabdingbarer Baustein von Demokratiebildung verfolgt.3
Um diesen Anspruch des Faches in der Praxis umzusetzen, ist es wichtig, dass Fragestellungen und Aufgaben im Religionsunterricht als persönlich relevant verstanden werden. Herausfordernd können Lernaufgaben und konkrete Anforderungssituationen nicht nur auf rationaler, sondern auch auf emotionaler und symbolisierender Ebene sein. Lernende können dabei auch emotional „verwickelt“ werden (Involvement), also das Thema als „das ihre“ wahrnehmen und eine intrinsische Motivation entwickeln. Gleichzeitig sollten sie sich jedoch nicht gedrängt fühlen, zu Persönliches zu offenbaren.3
1 bildungsplaene-bw.de (5.4.2022); vgl. EKD-Texte 142: Religiöse Bildung und Evangelischer Religionsunterricht in der Grundschule. Ein Orientierungsrahmen. Hannover 2023, abrufbar unter: ekd.de.
3 Vgl. km.baden-wuerttemberg.de
4 theo-web.de. 241. Vgl. zum Überwältigungsverbot den Beutelsbacher Konsens: bpb.de
Engagement der Schülerinnen und Schüler (Item 1.4 )
Im Religionsunterricht sind Schülerinnen und Schüler besonders dann aktiv beteiligt, wenn Themen einen Bezug zu ihrem Leben haben. Engagierte Teilnahme zeigt sich besonders durch das Einbringen eigener Vorstellungen und Erfahrungen. Eine vertrauensvolle Atmosphäre ist entscheidend, um Schülerinnen und Schüler zu ermutigen, ihre Positionen zu vertreten und ernsthafte Fragen zu stellen.
Der Religionsunterricht bietet Themen, die auch unabhängig vom Lebensweltbezug motivierend wirken (z.B. Helden, Sekten ...). Die Beteiligung ist im Religionsunterricht oft auch dann besonders hoch , wenn Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Themen etwas mit ihrem Leben zu tun haben.
Dabei zeigt sich eine engagierte Beteiligung z.B. im Einbringen eigener religiöser und weltanschaulicher (ethischer), Vorstellungen und Fragen, in der Verknüpfung mit eigenen (Lebens-)erfahrungen und im Vertreten einer eigenen Position. Dies geschieht vor allem in der dialogisch-diskursiven Begegnung, aber auch in schriftlichen und anderen kreativen Formen der individuellen und gemeinschaftlichen Reflexion. Allerdings ist bei persönlich nahegehenden Themen die Beteiligung im Unterrichtsgeschehen nicht immer unmittelbar beobachtbar.
Für die Lehrkraft ist es wichtig, bei ernsthaften Fragen und Anliegen der Schülerinnen und Schüler gegebenenfalls vom vorbereiteten Unterrichtskonzept, abzuweichen, Augenblicke der fruchtbaren Auseinandersetzung zu erkennen und den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zum Theologisieren einzuräumen.
Voraussetzung für eine intensive Schülerbeteiligung ist eine gute Beziehungsarbeit und eine von gegenseitigem Vertrauen geprägte Unterrichtsatmosphäre, so dass die Schülerinnen und Schüler den Mut haben, sich zu öffnen und ihre eigene Position zu vertreten.
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